«Keine einzige Frau hat sich beworben»

In St. Gallen und Frauenfeld arbeiten nur wenige Frauen in Spitzenpositionen in der Verwaltung.

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Die Meinung ist parteiübergreifend verbreitet: In der St. Galler Stadtverwaltung sind zu wenig Frauen tätig. Doch selbst engagierte Interessengruppen betrachten die Einführung einer Quote als fragwürdig. «Die jetzige Situation schreit nicht nach einer Frauenquote», sagt Ariana Krizko, politische Sekretärin der SP der Stadt St. Gallen. «Wir müssen versuchen, unser Ziel ohne Quote zu erreichen.» Diese würde nur unnötig Druck auslösen.

SP-Stadtratskandidatin Sylvia Huber, eine hartnäckige Verfechterin der Geschlechtergleichstellung, sagt: «Eine Quote ist nur im Notfall sinnvoll. Vielmehr müssen wir die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern.» Für Huber ist die Kadersituation in der Stadtverwaltung generell unbefriedigend: «Familiengerechte Kinderbetreuung ist unerlässlich, ebenso müssten auf den oberen Stufen Teilzeitstellen eingeführt werden – unabhängig von Mann oder Frau.» Ein Blick auf die Zahlen bestätigt Hubers Befund. Entgegen dem landläufigen Trend ist der Frauenanteil auf der höchsten Stufe (Frauen im oberen Kader) mit 22 Prozent grösser als jener auf der darunter liegenden mit 13 Prozent (Frauen in Führungspositionen). Für Jeannette Kindle, die Gleichberechtigungsbeauftragte der Stadt St. Gallen, gibt es dafür keine Erklärung. Klar aber ist: Insgesamt liegt der Anteil Frauen in Führungspositionen in der Stadt St. Gallen deutlich unter 20 Prozent.

Soziale Dienste eher weiblich

Zum Kader der Stadtverwaltung gehören aber nicht nur Angestellte in Führungspositionen, sondern auch Fachspezialisten. Sie haben einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss und belegen entsprechend qualifizierte Stellen. Hier liegt der weibliche Anteil höher. Rund 28 Prozent der Kategorie Fachspezialisten sind Frauen. Insgesamt ist ein Drittel aller Beschäftigten der Stadtverwaltung weiblich.

In Frauenfeld präsentiert sich die Situation ähnlich. Eine ungenügend qualifizierte Frau einem bestens ausgebildeten Mann vorziehen? Für den Frauenfelder Stadtammann Carlo Parolari (FDP) kommt das «absolut nicht in Frage». Er habe eine Verpflichtung, gerade auch der Bevölkerung gegenüber, jeweils die geeignetste Person einzustellen. Tatsächlich ist dies in Kaderpositionen der Frauenfelder Stadtverwaltung meist ein Mann. Von den zwölf Amtsstellen steht nur das Sozialamt unter weiblicher Leitung. Je nachdem, wo die Kadergrenze gezogen werde, seien rund drei von zehn Kaderstellen weiblich besetzt, sagt Parolari. Die weiblichen Angestellten sind vor allem in der Personalabteilung und bei den sozialen Diensten gut vertreten, also in den typischen Frauenbranchen.

Besseres Klima mit mehr Frauen

Parolari hätte gerne mehr Frauen in Kaderstellen. «Das gibt ein besseres Klima.» Um die derzeitige Untervertretung der Frauen aufzufangen, würde er bei gleicher Qualifikation Frauen den männlichen Bewerbern vorziehen. Denn die Stadtverwaltung soll ein Abbild der Bevölkerung sein. Aber das will er nicht mit «diskriminierenden Quoten» durchboxen. Die Untervertretung habe eine banale Ursache: «Es melden sich so gut wie keine Frauen.» Obwohl die Stadt alle Stellen geschlechtsneutral ausschreibe wie letzthin die Leitung des Finanzamtes. Keine einzige Frau habe sich beworben, sagt Parolari. Wie könne er da guten Gewissens eine Quote festlegen?

Fredi Kurth/Elisabeth Reisp