«Kein längerer Stillstand»

Die angespannte Lage in Japan wirkt sich auch auf die Finanzmärkte aus. LGT-Börsenexperte Manfred Hofer erwartet aber nicht, dass die japanische Wirtschaft nun monatelang stillsteht.

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Geduldiges Warten auf Benzin in der japanischen Stadt Hitachi. (Bild: ap/The Yomiuri Shimbun, Kenichi Unaki)

Geduldiges Warten auf Benzin in der japanischen Stadt Hitachi. (Bild: ap/The Yomiuri Shimbun, Kenichi Unaki)

Herr Hofer, nach einer Katastrophe gerät fast unweigerlich auch der Finanzmarkt im jeweiligen Land unter Druck. Wie ergeht es Japan?

Manfred Hofer: Angesichts des konkreten menschlichen Leids, das durch Katastrophen entsteht, ist es natürlich schwierig, sich mit abstrakten Sachfragen auseinanderzusetzen. Doch was man bisher an den japanischen Märkten gesehen hat, passt ins bekannte Bild. Investoren sind massiv verunsichert und steigen zumindest teilweise aus ihren Engagements aus. Beschleunigt wird der Ausverkauf, weil Informationen anfänglich nur bruchstückhaft erhältlich sind. Die Folge: Am Dienstag fiel der japanische Nikkei-Index um mehr als 10 Prozent. Doch bereits gestern hat er sich wieder erholt.

Ist das typisch?

Hofer: Auch diese Gegenbewegung nach oben war zu erwarten. Die Anleger haben sich etwas beruhigt, bleiben aber nervös. Einige risikobereite Anleger dürften die Möglichkeit indessen bereits wieder für Investitionen nutzen.

Wie ist der Nikkei-Kurssturz von über 10 Prozent einzustufen?

Hofer: Nach gegenwärtiger, erster Einschätzung dürften die Auswirkungen der Katastrophe die Finanzmärkte nur kurzfristig beeinträchtigen. Dabei ziehen wir auch Erfahrungswerte vergangener Naturkatastrophen mit in die Überlegungen ein. Kurstechnisch betrachtet, dürften die internationalen Börsen wohl in die Nähe des Bodens gekommen sein.

Und wie geht es nun an den internationalen Aktienmärkten weiter?

Hofer: Vorerst ist mit einer Fortsetzung der Konsolidierungsbewegung inklusive Erholungsphasen zu rechnen; ein erneuter Test der Kurstiefs miteingeschlossen. Mittelfristig rechnen wir mit einer erneuten Aufwärtsbewegung. Jedoch sind verlässliche Prognosen derzeit schwierig – angesichts der ungeklärten Situation der beschädigten Kernkraftwerke. Die Situation ist weiter eng zu beobachten.

Es gibt auch unmittelbare wirtschaftliche Folgen: Japans Autobauer unterbrechen die Produktion.

Hofer: Die Produktionsstops von Toyota, Honda oder Nissan, aber auch von Elektronikkonzernen wie Sony oder Panasonic dürften nur vorübergehend sein. Auch hier gilt: Die Auswirkungen können noch nicht abschliessend eingeschätzt werden, die Probleme scheinen aber beherrschbar. Das gilt auch für den Flugverkehr, hier ist lediglich von temporären Problemen auszugehen.

Dennoch wird die Katastrophe auch finanziell Spuren hinterlassen.

Hofer: Die jetzigen Produktionsausfälle wirken sich natürlich negativ auf Japans Bruttoinlandprodukt aus. Ohnehin kämpft die japanische Wirtschaft derzeit mit einer Stagnation. Ab dem zweiten Halbjahr und vor allem 2012 ist wieder mit einem konjunkturellen Schub zu rechnen – ausgelöst durch den Wiederaufbau des Landes. Zudem ist positiv: Die Bank of Japan stellt angesichts der Lage massiv Liquidität bereit.

Schwächen die fortlaufenden Notenbankeingriffe aber nicht das Vertrauen internationaler Investoren?

Hofer: Japan ist ein Sonderfall respektive eine grosse Ausnahme, was die Verschuldung betrifft. Der Staat ist nicht schwerpunktmässig im Ausland, sondern vorwiegend bei der eigenen Bevölkerung verschuldet. Die ausgegebenen Staatsanleihen werden etwa von einheimischen Versicherungen oder Privatleuten gehalten. Daher dürfte sich Japan mittelfristig weiter ohne grosse Probleme an den Märkten refinanzieren können.

Wie wird sich das alles auf die Weltwirtschaft auswirken?

Hofer: Vor allem der asiatisch-pazifische Raum wird einen leichten Dämpfer spüren. So gehen rund 20 Prozent der australischen Exporte nach Japan. Die negativen Auswirkungen dürften sich allerdings in Grenzen halten, denn die Konjunkturentwicklung in einigen Ländern dieser Region war zuletzt am Rande der Überhitzung. In Europa spielt der Aussenhandel mit Japan sowieso eine deutlich geringere Rolle. Ebenso wird sich die Katastrophe nur bedingt in den Büchern der hiesigen Versicherer niederschlagen. Einerseits ist die Versicherungsdichte in Japan generell geringer, andererseits sind vor allem Erstversicherer im eigenen Land betroffen. Das ist aber wie gesagt nur die finanzielle Sicht der Dinge. Die konkreten Folgen für die Menschen bilden sie nur ungenügend ab. Interview: Thorsten Fischer

Manfred Hofer Leiter Aktienanalyse LGT Capital Management, Vaduz (Bild: Quelle)

Manfred Hofer Leiter Aktienanalyse LGT Capital Management, Vaduz (Bild: Quelle)