Japans seltsame Rezession

Japan ist wieder in eine Rezession geschlittert, was zum Teil als Beweis für das Scheitern von «Abenomics» aufgebauscht wurde. Premier Shinzo Abe hat prompt die ultimative Vertrauensfrage gestellt und vorgezogene Neuwahlen ausgerufen.

Mikio Kumada Global Strategist, LGT Capital Partners
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Japan ist wieder in eine Rezession geschlittert, was zum Teil als Beweis für das Scheitern von «Abenomics» aufgebauscht wurde. Premier Shinzo Abe hat prompt die ultimative Vertrauensfrage gestellt und vorgezogene Neuwahlen ausgerufen. Wahrscheinlich ist, dass er diese gewinnen wird, während sich die vielzitierte Rezession als statistische Illusion erweisen könnte. Yen-Schwäche und Nippon-Börsenboom dürften à la longue anhalten. Denn Japans aktuellste Rezession kann mit handfesten Argumenten relativiert werden.

Was ist geschehen?

Offiziell ist der Inselstaat zwischen April und September in einer Rezession gewesen – schuld daran soll eine 2012 von der vorherigen Regierung ausgehandelte zweistufige Umsatzsteuererhöhung gewesen sein. Im April 2014 wurde mit der Erhöhung des Steuersatzes von 5 auf 8% der erste Schritt vollzogen. Der zweite Sprung auf 10% war ursprünglich für Oktober 2015 vorgesehen, wurde aber mit der überraschenden Ausschreibung der Neuwahlen um 18 Monate verschoben. Hatte der im Vorfeld der ersten Erhöhung vorgezogene Konsum die Konjunktur zunächst belebt, so brach diese unmittelbar danach wie erwartet stark ein. Die Prognosen gingen aber davon aus, dass sich das Bruttoinlandprodukt (BIP) schon im dritten Quartal wieder erholen würde. Stattdessen ging es noch einmal um 1,6% zurück. Es folgten ein Analysten-Katzenjammer, dramatische Schlagzeilen und politisches Theater in Tokio. Diese Szenarien spiegeln oft alte Vorurteile und Sensationslust. Ein Beispiel: Entgegen dem medial verbreiteten Eindruck wurde der Rückgang des BIP im 3. Quartal keinesfalls vom privaten Konsum verursacht, sondern durch den Abbau der Lagerbestände. Das sagt allerdings kaum etwas über den allgemeinen Zustand der Wirtschaft aus.

Zudem zeigten die Reallöhne ausgerechnet im 3.Quartal erstmals seit Beginn der «Abenomics» einen ordentlichen realen Anstieg. Das ist nicht nur untypisch für eine Rezession. Es könnte sogar einen lehrbuchmässigen Erfolgsausweis für die Regierung darstellen. Bei einer Reflationsstrategie fokussiert man sich zuerst auf den nominalen Bereich, während reale, auf Produktivitätsgewinnen basierende Fortschritte selbst im Idealfall nur mit einiger Verzögerung eintreten. Und genau das scheint im Bereich der Einkommen zuletzt stattgefunden zu haben. Nachdem sich das nominale Lohnwachstum schon seit einigen Quartalen deutlich beschleunigt, folgen jetzt die ersten realen Zugewinne. Kann man wirklich von einer Rezession sprechen, wenn Reallöhne, Privatkonsum und Unternehmensgewinne steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Börse boomt? Ist «Abenomics» wirklich gescheitert, wenn die erklärten inflationären Zwischenziele der Strategie zum Greifen nah sind? Wohl kaum.

Politischer Schachzug

Wahrscheinlicher ist, dass Shinzo Abe ein gutes Gespür dafür entwickelt hat, wie er aus Scheinniederlagen politisches Kapital schlagen kann, um die Gegner seines reflationären Reformkurses innerhalb der eigenen Partei und der mächtigen Ministerialbürokratie nach den Wahlen am 14. Dezember weiter ins Abseits zu stellen.

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