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JAPAN: Fataler Temporausch

Das Land ist eine Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, die sich trotz ihres Traditionalismus einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben und Turbokapitalismus verschrieben hat. Doch nicht jeder kann mithalten.
Adrian Lobe, Kobe/Kyoto
Ein Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug durchpflügt das Tokioter Einkaufs- und Vergnügungsviertel Ginza. (Bild: Getty (Tokio, 28. November 2012))

Ein Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug durchpflügt das Tokioter Einkaufs- und Vergnügungsviertel Ginza. (Bild: Getty (Tokio, 28. November 2012))

Adrian Lobe, Kobe/Kyoto

Die Sonne senkt sich langsam hinter den Hügeln der Osaka Bay, wo die Kreuzfahrtschiffe und Luxusjachten vor der imposanten Kulisse des Kobe Tower einlaufen. An der Sannomiya Station beginnt allmählich die Rushhour, über den Shopping-Malls leuchten bunte Reklametafeln mit Manga-Bildern auf. Kesse, gut gekleidete junge Frauen mit kurzen Röcken und Mundschutz überqueren den Zebrastreifen, als wäre es ein Laufsteg. Kobe gilt als Modehauptstadt Japans, in Boutiquen werden extravagante Kleider und Accessoires feilgeboten. Das Modelabel «Suit Company“ wirbt in einem Schaufenster für einen Damen-Hosenanzug für umgerechnet gut 2000 Franken. Ein Luxus, den sich die urbane Lifestyle-Elite gerne leistet.

Bei aller Extravaganz hat sich die Stadt eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt. Nach dem verheerenden Erdbeben wurden manche mehrstöckige Gebäude nicht abgerissen, sondern lediglich die obersten Stockwerke abmontiert. Die Statik hielt dem Beben stand. Es mutet wie eine Hybris an, kühnste Bauwerke hier zu errichten, wo die stärksten seismischen Aktivitäten auftreten und zudem Taifune wirbeln.

Panikattacken und Flucht in eine Parallelwelt

Von Shin Kobe nach Tokio fährt der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, Spitzname Bullet Train. Wie ein Geschoss rast denn auch Japans Wunderwerk der Technik mit bis zu 300 km/h durch die Hochhausschluchten. Der Zug ist sauber und pünktlich. Pro Tag handelt sich der Shinkansen lediglich 36 Sekunden Verspätung ein, alles ist eng getaktet. Den Passagieren bleibt nur eine halbe Minute, um ein- und aus­zusteigen. Japaner sind hochdiszipliniert. Bahn-Chefingenieur Hideo Shima gestaltete den Zug so, dass man sich wie in einem Flugzeug fühlt. Fast geräuschlos beschleunigt der Bullet Train, rast vorbei an Wohnblocks, Baseballfeldern, Bürotürmen.

Im Kontrast dazu stehen eine halbe Million Hikikomori – junge Menschen, die sich zu Hause von der Aussenwelt abschotten. Sie leiden unter Panikattacken, meiden soziale Kontakte. Menschen, die durchs Raster fielen, die den Ansprüchen der Familie und Gesellschaft nicht genügen, Fortschrittsverlierer würde man sie bei uns vielleicht nennen. Es sind vor allem junge Männer, die sich in ihren eigenen vier Wänden verbarrikadieren und vor dem Fernseher oder der Spielkonsole in eine Parallelwelt flüchten.

Das Phänomen ist seit den 1980er-Jahren bekannt, wurde aber nie genauer medizinisch erfasst und von der Politik verharmlost. Soziologen führen es auf die Abenomics zurück, jenen von Premier Shinzo Abe begründeten wirtschaftspolitischen Dreiklang aus lockerer Geldpolitik, flexibler Fiskalpolitik und Deregulierung. Doch die aggressive Geldpolitik konnte die Wirtschaft nicht ankurbeln. Experten sagen für 2018 ein Wachstum von lediglich 1% voraus. Das verschärft den Druck auf dem Arbeitsmarkt, vor allem junge Absolventen haben Probleme, einen geeigneten Job zu finden – obwohl die Arbeitslosenquote nur 3% beträgt. Psychologe Kazuhiko Saito sagt, viele junge Menschen seien von Ängsten vor sozialem Abstieg paralysiert. Ei­ne verlorene Generation. Die Regierung will nun ein millionenschweres Hilfsprogramm auflegen, um die Hikikomori wieder in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Erschöpfungstod durch Überarbeitung

In der alten Hauptstadt Kyoto, wo der Shinkansen hält, sind Hunderte junger Menschen zum buddhistischen Tempel Kiyomizu-dera geströmt, der auf einem ­Hügel thront und Unesco-Weltkulturerbe ist. Junge Paare marschieren Händchen haltend über die steilen Treppen, kichernde Mädchen recken Selfie-Sticks in die Höhe, Geishas mischen sich unters Volk. Der Ausdruck «von der Terrasse des Kiyomizu springen» ist das japanische Äquivalent zur deutschen Redewendung «den Absprung wagen». Von hier aus, hoch oben über der Stadt, können die jungen Menschen ermessen, wie es sich anfühlt, sich in die Fährnisse der Hochleistungsgesellschaft zu stürzen.

Über ein paar Treppen geht es vorbei an duftenden Garküchen und Porzellanläden in die Einkaufsmeile Matsubara-dori. Kyotos Strassennamen datieren aus der Heian-Zeit (794–1185), die Adresse ergibt sich aus der Kreuzung zweier Strassen. Weil es schwierig ist, sich die Namen einzuprägen, wurde vor Hunderten Jahren ein Lied komponiert, mit dem das Strassennetz besungen wird. Auf diese Tradition ist Japan stolz, doch zuweilen wirkt die Konventionalität, das Überförmliche, das sich etwa in dem reflexhaften, ritualisierten Verbeugen ausdrückt, lähmend, wie ein Korsett, das die Entfaltung der Persönlichkeit hemmt.

Japan ist berüchtigt für seine beinharte Arbeitskultur. Der Ar­beitsplatz geniesst noch immer Priorität vor der Familie. 22% der Japaner arbeiten über 49 Stunden die Woche, 30% bis 40% der berufstätigen Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren haben laut einer Erhebung des Gesundheitsministeriums Schlafprobleme. Karoshi, Erschöpfungstod durch Überarbeitung, gilt offiziell als eine Todesursache. Aber ohne den Fleiss der Werktätigen hätte es Japan kaum zur drittgrössten Volkswirtschaft gebracht, deren Auto- und Elektronikindustrie Exportschlager produziert.

Am nächsten Morgen marschieren um sieben Uhr die ersten Werktätigen in die Firmenzentrale des Spieleherstellers Nintendo. Im Oktober 2016 besuchte Apple-Chef Tim Cook die Nintendo-Zentrale und twitterte ein Foto, wie er zur Freude des Entwicklers Shigeru Miyamoto eine Runde «Super Mario» spielte. Ob Manga, Sushi oder Karaoke – Japans Kultur strahlt in die ganze Welt aus.

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