Japan fällt ins Jammertal

Die japanische Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres so stark eingebrochen wie zuletzt nach der Fukushima-Katastrophe 2011. Die höhere Mehrwertsteuer mindert die Kaufkraft der Konsumenten.

Angela Köhler
Drucken
Teilen

TOKIO. Premier Shinzo Abe hat die erste Quittung erhalten für seinen ökonomischen Kurs namens Abenomics. Ein Einbruch des Privatkonsums um ein Fünftel liess das japanische Bruttoinlandprodukt (BIP) im 2. Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 6,8% absacken.

Zwar war nach der jahrelang aus politischen Motiven verschobenen Mehrwertsteuererhöhung Anfang April von 5% auf 8% eine deutliche Kaufzurückhaltung erwartet worden (weil viele Japaner im Vorfeld teure Anschaffungen vorgezogen hatten), aber nicht in diesem Ausmass. Und es zeigt sich, dass Japans Wirtschaft weit mehr abhängt vom Privatkonsum, als dessen Anteil von über 60% am BIP vermuten lässt. Auch die Unternehmen reagierten und hielten sich mit Investitionen zurück, die auf Jahresbasis um 10% sanken. Weil die Konsumenten weniger kauften und die Hersteller ihre Produktion drosselten, sanken auch die Importe auf Jahresbasis um 20%.

Dämpfer für Premier Abe

Die ohnehin ökonomisch umstrittene Doppelstrategie von Abe hat damit einen Dämpfer erhalten. Der Premier will unter anderem mit der Mehrwertsteuererhöhung die sozialen Netze flicken und gleichzeitig die Inflationsrate auf etwa 2% anheben. Herausgekommen ist zumindest einmal im Juni eine allgemeine Preissteigerung von 3,6% im Jahresvergleich, bei Lebensmitteln gar um 5,1%. Damit ist die Inflation neunmal stärker gewachsen als die Einkommen.

Konjunkturpakete am Horizont

Die Preise steigen vor allem, weil die Importe teurer werden. Da gleichzeitig die Löhne seit Jahren stagnieren und real oft gar fallen, fehlt immer mehr Durchschnittsfamilien Geld in der Haushaltkasse. Auch die teilweise von Amtes wegen geförderte schleichende Abwertung des Yen hat den Export nicht derart befeuert, wie es nötig wäre, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Die exportorientierten Grosskonzerne haben die Währungsgewinne den Konsumenten vorenthalten, aber auch nicht in die Produktion investiert. Stattdessen wurden durch erhöhte Dividenden die Aktienkurse gepflegt.

Dennoch will Abe im Oktober 2015 die Mehrwertsteuer erneut erhöhen, auf 10% – vorausgesetzt, die Wirtschaft kommt bis Jahresende wieder auf die Beine, wie er jetzt sagt. Wahrscheinlich wird die Regierung versuchen, mit umfangreichen Konjunkturprogrammen das Schiff flottzumachen. Diese schuldenfinanzierte Medizin wird jedoch einer Nation aufgezwungen, die bereits mit fast 250% des BIP verschuldet ist. Nötig wären vielmehr tiefgreifende Reformen am Arbeitsmarkt, eine gerechtere Bezahlung im weit und vor allem bei Jungen verbreiteten Niedriglohnsektor und die seit langem überfällige vollständige Integration der Frauen in die Ökonomie.

Aktuelle Nachrichten