Japan als wichtiger Lieferant

Nach der Katastrophe in Japan gibt es je nach Standort der Fabriken erste Engpässe bei elektronischen Komponenten, Speicherchips und Autoteilen.

Georg Ackermann
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Singapur. «So lange die Techniker in Fukushima gegen den GAU kämpfen, steht die japanische Wirtschaft still», brachte es ein Sprecher des Wirtschaftssenders CNBC auf den Punkt. Die Folgen für die Weltwirtschaft kommen nach und nach zum Vorschein. Vor allem wird deutlich, wie eng verzahnt die globale Produktionskette mittlerweile ist.

BMW-Einkaufschef Herbert Diess sagte bereits, dass es zu Problemen beim Nachschub kommen könnte. Dabei denkt er weniger an Getriebeteile, von denen der deutsche Autobauer genügend an Lager hat. Sorgen bereiten Diess vielmehr elektronische Komponenten für Navigationssysteme, Digitalanzeigen und andere Geräte, die von externen Zulieferern hergestellt werden.

High-Tech und Autoteile

«Japan produziert 44 Prozent der audiovisuellen Geräte, 40 Prozent aller elektronischen Komponenten und 19 Prozent der Halbleiter», schreibt die Forschungsfirma CLSA. Ausserdem kommen aus Japan zwei Drittel des Siliziums für Halbleiterprodukte und 14% der Autoteile, wie IHS Global Insight berechnet hat.

Stromausfälle als Übel

Nun sind aber nicht alle Firmen gleichzeitig betroffen. In den Tsunami-geschädigten Gebieten sei nur relativ wenig Industrie angesiedelt, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Thomas Mayer. «Das grössere Problem sind die Stromausfälle.» Der Versorger Tepco gab bekannt, diese könnten noch bis Ende April dauern. Darüber hinaus kämpfen die Unternehmen mit Unterbrüchen bei der Lieferung von Rohmaterialien und beim Versand der fertigen Produkte.

Shin-Etsu Chemical ist der weltführende Hersteller von Silizium-Wafers, aus denen die Halbleiter geschnitten werden. Die grösste Fabrik betreibt Shin-Etsu in der Präfektur Fukushima, wo im Monat 700 000 bis 800 000 Wafers vom Band laufen. Vorläufig bleibt das Werk geschlossen, ebenso eine etwas kleinere Anlage des US-Produzenten MEMC. Der Informationsanbieter Nikkei rechnet damit, dass 20% bis 30% der Produktion lahmliegen.

Von Engpässen und Psychologie

Die Preise von NAND-Chips (Flash-Speicher) stiegen am Montag um 20% und am Dienstag um weitere 3%. «Während es noch zu keinen Engpässen gekommen ist, beeinflussen die psychologischen Folgen bereits die Preise,» sagt Dale Ford von der Forschungsfirma iSuppli. NAND-Speicher finden sich in jedem Smartphone, Tablet-Computer und in jeder Digitalkamera. Japan produziert fast 40% dieser Chips. Ähnliches gilt für LCD-Bildschirme, Festplatten oder Laptop-Batterien: Meist steckt irgendwo «Made in Japan» drinnen. Die Gefahr ist somit gross, dass an einer Stelle die Lieferkette reisst. Die Bank HSBC meint, einige Elektronikhersteller könnten nun auf Produkte aus Taiwan und Südkorea zurückgreifen, falls diese so schnell verfügbar sind. Harvard-Professor Kenneth Rogoff äussert sich skeptisch über die Aussichten der asiatischen Wirtschaft: «Es könnte einen Multiplikator-Effekt geben.»

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