JAHRESPRODUKTION DER SCHWEIZER GIESSEREIEN: Gussindustrie unter Druck

Der starke Franken frisst der Schweizer Gussindustrie weiterhin die Margen weg. Zudem bevorzugen Kunden mit lukrativen Grossaufträgen das kostengünstigere Ausland. Die Antwort ist Automation und Innovation.

Stefan Borkert
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Stefan Borkert

Die Giessereien in der Schweiz haben zu kämpfen. Deutsche, türkische und auch osteuropäische Giessereien können wesentlich billiger produzieren. «In der Schweiz findet eine schleichende Deindustrialisierung statt», sagt Markus Schmidhauser, Präsident des Giesserei-Verbandes Schweiz (GVS). Die Gesamtzahl der Beschäftigen bei Schweizer Gies­sereien sei innerhalb von rund zehn Jahren von gegen 4000 auf nunmehr 2450 zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum habe sich auch die produzierte Menge Eisenguss halbiert, Tendenz ­weiter sinkend. Schmidhauser präsentierte gestern bei der ­Stadler Rail AG in Bussnang die Jahreszahlen der Schweizer Gussindustrie. Noch 47 Schweizer Giessereien gehö­ren dem Verband an. Glücklicherweise habe 2016 keine Schweizer Giesserei schliessen müssen, sagt Schmidhauser.

Auch wenn es Ausnahmen gibt, so ist der Umsatz aller Giessereien zusammengenommen um 4,2% zurückgegangen. 2015 belief er sich auf 605 Mio. Franken. Letztes Jahr waren es nur noch 580 Mio. Franken. Als Gründe nannte Schmidhauser den anhaltend starken Franken und die zunehmende Abwanderung von Kunden mit lukrativen Grossaufträgen ins kostengünstigere Ausland. Über alle Werkstoffgruppen hinweg gesehen seien die abgelieferten Tonnagen 2016 gesamthaft um 8,2% auf 51625 t zurückgegangen. Bei den Eisen- und Stahlgiessereien sanken die abgelieferten Tonnagen 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 7,8% auf 35426 t. Bei den Schweizer Leichtmetallgiessern verringerte sich die verarbeitete Tonnage in 2016 um 13,5% auf 12902 t. Lediglich mit Kupferlegierungen konnte hier eine Steigerung um 4,3% auf 3297 t gegenüber dem Vorjahr erzielt werden. Neuaufträge kamen vor allem von Autobauern sowie dem Transportwesen mit Schienen- und Nutzfahrzeugen. «Auch Aufträge für Spezialpumpen, Turbinen und Verdichter sowie generell für Ersatzteile und die Herstellung von Prototypen im 3D-Druckverfahren führten zum Teil zu guten Produktionsauslastungen bei den Schweizer Giessereien», stellte Schmidhauser fest. Positiv stabil habe sich die Nachfrage aus der Verpackungsindustrie und Medizinaltechnik verhalten. Stagnierend bis anhaltend rückläufig zeigte sich dagegen die Auftragslage aus dem Elektro-, Werkzeug- und Maschinenbausektor sowie dem Anlagen- und Apparatebau. «Die Chance, im Inland Neugeschäfte mit nennenswerten Volumen zu generieren, schwand 2016 für die Schweizer Gussindustrie zunehmend.» Die allgemein schwache Auslastung der europäischen Giessereien habe zudem den Wettbewerbsdruck erhöht.

Prozesse optimieren und Kooperationen eingehen

In allen Anwenderbereichen seien von der Schweizer Gussindustrie vor allem innovative Entwicklungslösungen und die Fertigung immer komplexerer, einbaufertiger Gussteile in kleinen Losgrössen mit umfassenden Logistikleistungen gefragt. «Ein Trend, der sich auch 2017 abzeichnet und die Fortsetzung einer Anpassung der Unternehmens- und Produktionsorganisationen verlangt», sagt Schmidhauser. Lean-Management-Massnahmen und die Optimierung technologischer Prozesse durch Automation würden weiter vorangetrieben. Verstärkt würden auch Kooperationen im In- und Ausland eingegangen, so beispielsweise für die Gussnachbehandlung. Laut einer Umfrage unter den GVS-Vorstandsmitgliedern erweise sich die Verlagerung von Serienproduktionen in kostengünstigere Länder Osteuropas, zusammen mit den spezialisierten Fertigungen an den Schweizer Standorten, überwiegend als guter Mix zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, erklärte Schmidhauser.

Die unsichere politische Entwicklung in der EU, nicht zuletzt ausgelöst durch den Brexit, betrachten die Chefs der Giessereien als Chance, um die Schweizer Gussindustrie als verlässlichen Partner mit starker Währung und stabilem politischen Umfeld europaweit und international wieder ins Spiel zu bringen. Für 2017 rechnet Schmidhauser mit einer leichten Lageverbesserung für die Schweizer Giessereien.