Jahresende

«Das Persönliche kommt zu kurz» – die Thurgauer Kantonalbank fühlt den Puls der Wirtschaft und ihrer Kunden

Thomas Koller und Remo Lobsiger von der Spitze der Thurgauer Kantonalbank wissen, was in der Wirtschaft des Kantons abgeht. Und sie spüren, was ihre Kunden bewegt, berührt und besorgt. Die beiden Banker über Geschäftliches – und über Zwischenmenschliches.

Thomas Griesser Kym
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«Es schien, als seien wir mit einem blauen Auge davongekommen»: TKB-Chef Thomas Koller in seinem Büro.

«Es schien, als seien wir mit einem blauen Auge davongekommen»: TKB-Chef Thomas Koller in seinem Büro.

Bild: Reto Martin (Weinfelden, 17. Dezember 2020)

Trotz Corona: Die Stimmung ist «positiv». Jedenfalls in der Thurgauer Kantonalbank (TKB), wie deren Chef Thomas Koller sagt: «Die Bank ist solid unterwegs, wir konnten alle Geschäftsstellen stets offen halten, und unsere Leute haben die Kunden unterstützt.» Und dies nicht nur in reinen Bankgeschäften. Mitarbeitende hätten beispielsweise auch ältere Personen angerufen, sich nach deren Befindlichkeit erkundigt oder gar angeboten, Einkäufe zu erledigen. Koller sagt:

«Das ist sehr gut angekommen.»

Aber der TKB-Chef weiss und spürt auch: Gerade unter den Gewerbe- und Firmenkunden gibt es einige, die sind von den Folgen der Pandemie «extrem hart getroffen». Das gilt vor allem in der zweiten Welle, die sich nach dem Sommer 2020 aufgebaut hat. Koller zählt ein paar Branchen auf, nicht überraschend nennt er das Gastgewerbe, Reisebüros, die Event- und Kulturbranche. Koller sagt, er wolle «nicht schwarzmalen», und «eine Konkurswelle steht nicht unmittelbar vor der Tür», aber dennoch äussert er Sorgen «um Betriebe und um Arbeitsplätze im Thurgau».

Die Pandemie greift auf die Industrie über

Dabei hatte es im Sommer noch gut ausgesehen. Unternehmen beanspruchten bei der TKB 1500 vom Bund verbürgte Covid-19-Kredite im Umfang von 190 Millionen Franken, doch manche beliessen das Geld vorerst noch auf dem Konto, als Vorsichtsmassnahme. Kreditausfälle zählt Koller bisher «kaum eine Handvoll», und vor allem der Detailhandel, aber auch viele Restaurants, liefen in den warmen Monaten überraschend gut, grade auch, weil die Schweizer Ferien im eigenen Land machten und sich hier das eine oder andere gönnten. Koller sagt:

«Es schien, als seien wir mit einem blauen Auge davongekommen.»

Doch dann kam die zweite Welle.

TKB-Firmenkundenchef Remo Lobsiger.

TKB-Firmenkundenchef Remo Lobsiger.

Bild: Reto Martin

Eine Tür weiter, im Büro gegenüber, bestätigt Firmenkundenchef Remo Lobsiger Kollers Einschätzung. Zumal die Folgen der Pandemie jetzt auf die Industrie übergreifen. «Viele Firmen, die grössere Aufträge in den Büchern haben, können diese noch abarbeiten», sagt Lobsiger. Probleme sieht er aber bei Unternehmen, die jetzt Aufträge für das erste Semester 2021 hereinholen sollten. Der Firmenkundenchef sagt:

«Das wird hart.»

Zumal Corona vieles verkompliziert hat, weil zum Beispiel Reisen, Abnahmen oder Kundenbesuche weitgehend ausgefallen sind.

«Viele Firmen meistern die Pandemie gut»

Dennoch lässt auch Lobsiger Zuversicht durchblicken. Zwar werde man die Krise «in ganz exponierten Branchen spüren», mit Betriebsschliessungen und Stellenverlusten. Und auch der Bau werde irgendwann eine Abkühlung erleben. Doch: «Viele Firmen meistern die Pandemie gut, und viele sind sehr solide finanziert.»

Auch gibt es laut Lobsiger Unternehmen, die trotz der Krise zulegen konnten, so beispielsweise Teile des Detailhandels, die Einrichtungsbranche oder einige Handwerkszweige. In anderen Branchen sei momentan die Kurzarbeit eine massive Stütze. Und mittelfristig? Lobsiger setzt seine Hoffnung auf eine Erholung in der wärmeren Jahreszeit und dank Impfstoffen.

Keine Sorgen machen sich Koller und Lobsiger um den Thurgauer Immobilienmarkt. Die Nachfrage gerade nach selbst genutztem Wohneigentum ist rege, so etwa von Zuzügern, denen Zürich zu teuer ist, oder von Leuten, die vor Corona von der Stadt in ländliche Regionen flüchten. Auch die leichte Erhöhung der Leerstandsquote beunruhigt Koller nicht:

«Das betrifft vor allem Renditeobjekte, und grosse Anleger wie Pensionskassen erzielen im aktuellen Zinsumfeld immer noch eine attraktive Rendite.»

Die TKB muss beim Jubiläum Abstriche machen

Was Koller und Lobsiger aber negativ spüren:

«Der persönliche Kontakt, der soziale Austausch kommt wegen Corona zu kurz.»

Kunden werden, obwohl die TKB grossen Wert legt auf persönliche Beratung vor Ort, möglichst über digitale Kanäle beraten, viele Angestellte sitzen im Homeoffice. «Gerade für neu eingetretene Mitarbeitende ist es momentan eine Herausforderung, unsere Firmenkultur kennen zu lernen», sagt Koller.

Die gesellschaftlichen Einschnitte haben auch Teile der Planung des 150-Jahr-Jubiläums der Bank im 2021 über den Haufen geworfen, wie Koller sagt. So sind die Anlässe, die mit der Bevölkerung in jeder der 29 Geschäftsstellen vorgesehen waren, vorerst abgesagt. Stattdessen werde es im Frühling eine Verlosungsaktion geben. Auf Kurs seien dagegen der Bau je eines Fitnesspark in jedem der fünf Kantonsbezirke und einer Fussballgolf-Anlage in Müllheim, der ersten in der Ostschweiz.

Mit geldwerten Anreizen möchte die TKB zudem das Wertpapiersparen als freiwillige Altersvorsorge propagieren, und für Grosseltern wartet die Bank mit einem Zielsparplan für die Enkel auf – inklusive Thurgau-Monopoly. Auch wenn es je nach Entwicklung der Pandemie klüger sein kann, das gemeinsame Spiel auf später zu verschieben.