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Ja zur EU oder ein «weicher Brexit»

Wirtschaftlich gesehen, überwiegen die Hoffnungen, dass die Briten in der EU bleiben. Oder dass im Falle eines Austritts zumindest das künftige Verhältnis gut geregelt wird. Kurzzeitig dürfte es aber erhebliche Turbulenzen geben.
Thomas Griesser Kym
Ein Brexit würde auch die Schweizerische Nationalbank mit Präsident Thomas Jordan fordern im Kampf gegen die Frankenstärke. (Bild: ky/Peter Schneider)

Ein Brexit würde auch die Schweizerische Nationalbank mit Präsident Thomas Jordan fordern im Kampf gegen die Frankenstärke. (Bild: ky/Peter Schneider)

Je näher die Abstimmung über den Brexit rückt, desto zahlreicher und eindringlicher werden die Warnungen vor mutmasslichen negativen ökonomischen Folgen eines Austritts der Briten aus der EU. «Die Angst vor dem Brexit nimmt den zarten Hoffnungen auf einen Aufschwung in Europa den Wind aus den Segeln», kommentiert Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst von CMC Markets in Frankfurt. «Einige glauben sogar an eine Rezession.» Dies würde dann im Urteil Stanzls «für noch tiefere Zinsen der Europäischen Zentralbank» (EZB) sprechen – was dem Euro einen weiteren Schwächeanfall zufügen könnte, zum Nachteil des Frankens.

Eine Rezession in Europa als Folge eines Brexit? Daran glaubt Thomas Gitzel, Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank, nicht. Zwar würde ein Ja zum Austritt der Briten aus der EU «zu Nervosität unter den britischen Unternehmen und im britischen Finanzsektor führen», und wegen der Verunsicherung «würden Investitionen zurückgestellt, was das Wirtschaftswachstum belasten würde». All das wäre zudem schlecht für europäische Firmen, die nach Grossbritannien exportieren. Aber: «Eine Rezession in Kontinentaleuropa erwarte ich nicht», sagt Gitzel.

«Konstrukt EU in Frage gestellt»

Ein «signifikant tieferes Wirtschaftswachstum» für Grossbritannien erwartet im Falle eines Brexit auch die Bank of England, zusammen mit «spürbar höherer Inflation». Deren Ausmass wäre abhängig vom Kurszerfall des Pfunds. Die US-Investmentbank Goldman Sachs unterstellt in einem Modell, dass als Folge eines Brexit der Wechselkurs des Pfunds gegenüber einem Korb handelsgewichteter Währungen um 11% sinken könnte. Der Euro würde laut diesem Modell um 4% abwerten, während der Franken um 8% aufwerten würde.

«Starke Reaktionen der Währungen» bei einem britischen Nein zur EU sind auch für Gitzel «wahrscheinlich». Für das Pfund sieht er Kursverluste von bis zu 20%, und auch der Euro würde einbüssen, weil bei einem Brexit «das Konstrukt EU in Frage gestellt wäre». Im Gegenzug dürften Währungen wie der Franken oder der Dollar aufwerten. Gitzel hält das jedoch für kurzzeitige Reaktionen, denn «die Märkte werden darauf setzen, dass es einen weichen Brexit gibt». Das bedeutet, es werde allgemein erwartet, dass die Briten und die EU in den folgenden Verhandlungen über den Austritt eine Lösung ausarbeiten, wonach «Grossbritannien auch weiterhin Mitglied des gemeinsamen Binnenmarktes bleibt, beispielsweise als EWR-Mitglied». Artikel 50 der EU-Verträge setzt den Verhandlungen eine Frist von zunächst zwei Jahren, doch ist es laut Gitzel denkbar, «dass es drei bis vier Jahre dauern könnte».

SNB mit zwei Optionen

Fragt sich, wie die Schweizerische Nationalbank (SNB) reagiert, falls es ein Ja zum Brexit gibt und der Franken scharf aufwertet. SNB-Direktoriumspräsident Thomas Jordan hat vergangene Woche betont, die SNB stehe Gewehr bei Fuss, zumal sie den Franken schon jetzt und immer noch für «signifikant überbewertet» halte. Im Wesentlichen hat die SNB zwei Optionen: die Zinsen noch weiter senken und/oder die Devisenmarktinterventionen verstärken, also noch mehr Fremdwährungen gegen Franken kaufen. Laurent Bakhtiari, Marktanalyst der Genfer IG Bank, hält eine Kombination aus beidem für wahrscheinlich – obwohl beide Lösungen «in der Realität unbefriedigend» seien. Denn noch tiefere Zinsen in der Schweiz «dürften ineffizient sein, weil die Zinssätze auch in der Eurozone negativ sind». Und verstärkte Devisenkäufe würden laut Bakhtiari zusätzliche Risiken bedeuten, «weil die Fremdwährungsreserven der SNB bereits auf einem Allzeithoch sind».

«Ein gutes Signal»

Etwas anderer Meinung ist Gitzel von der VP Bank. Weitere Zinssenkungen seien «nicht das Mittel der ersten Wahl» der SNB, weil die Schweizer immer mehr Bargeld horten. So ist die Bargeldhaltungsquote innert Jahresfrist um 12% gestiegen. Das ist laut Gitzel der SNB ein Dorn im Auge, weil Bargeld ihrer Kontrolle entzogen ist und unmittelbar inflationswirksam werden kann.

Gitzel rechnet darum damit, dass die SNB in erster Linie stärker am Devisenmarkt interveniert und noch vor weiteren Zinssenkungen eher die Freigrenzen antastet. Diese definieren gewisse Geldsummen, die bei der SNB parkiert sind und von den Negativzinsen von derzeit 0,75% ausgenommen sind.

Wie Gitzel weiter sagt, hat bei starken Währungsreaktionen im Falle eines Brexit nicht nur die SNB ein Problem, sondern auch die EZB, die Bank of England oder die US-Notenbank. Das rufe geradezu nach einer konzertierten Aktion der Notenbanken. Gitzel nimmt an, dass die Notenbanken gemeinschaftlich eine zu starke Aufwertung des Dollars verhindern würden. «Das würde den Euro stützen, und das wäre auch gut für den Franken.»

Und was prognostiziert Gitzel für die Brexit-Abstimmung? «Ich glaube, dass die Briten knapp für den Verbleib in der EU stimmen. Das wäre auch ein gutes Signal für einen schwächeren Franken, und er dürfte die Marke von 1.10 zum Euro überspringen.»

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