Italien schöpft Hoffnung

Nach der schwersten Rezession seit Jahrzehnten sieht Italien ein Licht am Ende des Tunnels: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt – und die Italiener konsumieren wieder mehr.

Dominik Straub
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Das Anziehen der Wirtschaft und des Privatkonsums in Italien spürt auch der Autobauer Fiat in Form höherer Absatzzahlen. (Bild: pd)

Das Anziehen der Wirtschaft und des Privatkonsums in Italien spürt auch der Autobauer Fiat in Form höherer Absatzzahlen. (Bild: pd)

ROM. Im Juli hat der Privatkonsum in Italien gegenüber dem Vorjahresmonat um über 2% zugenommen. Das sei der stärkste Anstieg seit vier Jahren, betont der Gewerbeverband Confcommercio. Besonders markant ist das Plus des Absatzes von Neuwagen, im autoverrückten Italien ein bewährter Gradmesser für das Konsumentenvertrauen: Der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr beträgt 15%. Überdurchschnittlich stark war der Aufschwung im Traumsommer 2015 auch bei den Ausgaben im Tourismus.

Das meistverkaufte Auto war der Fiat Panda. Das ist kein Zufall: Italien gibt zwar wieder Gas – aber erst im Kleinwagen. Noch sind die Wachstumsraten bescheiden. Aber der Optimismus kehrt allmählich zurück: Laut Confcommercio liegt das Konsumentenvertrauen auf dem höchsten Stand seit langem. Auch Regierungschef Matteo Renzi versäumte es nicht, die positiven Zahlen zu kommentieren: «Das Konsumwachstum im Juli ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Italien wieder in Schwung kommt», twitterte er.

Revision nach oben

Der Privatkonsum ist nicht der einzige Indikator, der wieder nach oben zeigt. Im Juli stieg die Industrieproduktion gegenüber Juni um 1,1%, der grösste Anstieg seit über einem Jahr. Das Statistikamt hat jüngst für das laufende 3. Quartal erneut ein Wirtschaftswachstum prognostiziert. Es wäre das dritte positive Quartal in Folge. Die Regierung hat ihre Prognose für das ganze Jahr bereits von 0,6% auf 0,7% revidiert. Für 2016 erwartet sie 1,4%. Eine Trendumkehr zeigt auch die Arbeitslosenquote. Sie sank im Juli von 12,5% auf 12%. «Das Bruttoinlandprodukt steigt, die Beschäftigung steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt – die Reformen greifen», sagte Renzi jüngst.

Kritiker relativieren

Unter Experten ist die Wirksamkeit der Reformen freilich umstritten. Renzi hat seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren zwar diverse Reformen angeschoben – im Arbeitsmarkt, im Bankensektor, im Bildungswesen und in der Verwaltung. Aber umgesetzt ist noch wenig. Für den früheren Minister für Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung der Regierung Monti, Corrado Passera, ist die gegenwärtige Erholung in erster Linie Folge des «historisch günstigen Umfelds», nämlich der niedrigen Zinsen und des tiefen Ölpreises. Zudem profitiere Renzi von Reformen seiner Vorgänger Mario Monti und Enrico Letta, sagt Passera, heute in der Opposition.

Auch Ökonomieprofessor Luigi Zingales relativiert Renzis Eigenlob. «Das Erstaunliche ist nicht, dass Italiens Wirtschaft wieder wächst, sondern wie wenig sie wächst», sagt Zingales. Er erinnert daran, dass Italiens Industrie seit dem Ausbruch der globalen Krise im Jahr 2008 um ein Viertel eingebrochen sei und die Kaufkraft auf dem Niveau des Jahres 1997 liege. «Bei einer solchen Ausgangslage müsste man eigentlich Wachstumsraten von 2 bis 3 Prozent erwarten», sagt er.

Die Hauptprobleme der italienischen Wirtschaft sind in der Tat immer noch die alten: tiefe Produktivität, ineffiziente Justiz, überbordende Bürokratie. Hinzu kommt eine der höchsten Steuerbelastungen der Welt und wenig Aussicht auf Besserung: Bei einer Staatsverschuldung von über 2000 Mrd. € ist an ernsthafte Steuersenkungen nicht zu denken. Trotzdem: Laut einer Umfrage an einem Treffen der Wirtschaftsspitzen am Comersee geben zwei von drei Unternehmen Renzi weiterhin Kredit.