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Kolumne

Ist Analog das neue Digital?

In Industrieländern strebt man nach Perfektion. Damit einher geht auch der Anspruch, auf komplexe Fragen möglichst exakte Antworten zu erhalten. Doch wie sinnvoll ist dies, wenn wir mit Gewissheit einzig wissen, dass unser Verstand nicht alles zu begreifen im Stande ist?
Edy Portmann
Edy Portmann.

Edy Portmann.

Es ist ein Charakteristikum unserer digitalen Zeit, dass Geschäftsleute, Politiker und die öffentliche Hand immer exaktere Lösungen für ihre Fragestellungen einfordern. So stehen etwa Forderungen nach einem Marschhalt im Raum, wenn beim E-Voting nicht vollständige Sicherheit gewährleistet ist oder mit Blick auf das 5G-Netz totale Unbedenklichkeit gewährleistet werden kann. Andere träumen von absoluter Transparenz durch Open Data, und Gläubige einer künstlichen Intelligenz erhoffen sich Systeme, die irgendwann jede unserer menschlichen Fragen perfekt beantworten können. Die genannten Beispiele streben alle nach Perfektion, Vollkommenheit und völliger Gewissheit. Doch ist dieser Anspruch erfüllbar?

Noch im 19. Jahrhundert wiegten sich viele in der Gewissheit, dass es möglich ist, zur absoluten Wahrheit vorzudringen. Doch schon der Philosoph Immanuel Kant erkannte, dass wir Menschen nur einen bestimmten Teil der Wirklichkeit wahrnehmen – diesen Teil aber oft für das Ganze halten. Mit seiner Philosophie zeigte er auf, dass unserer Erkenntnis Grenzen gesetzt sind. Seither ist unsere Gewissheit dahin.

Aus wissenschaftlichen Analysen von Widersprüchen ist in der Zwischenzeit auch eine Theorie der Ungewissheit entstanden. So thematisierten zu Beginn des letzten Jahrhunderts etwa der Physiker Werner Heisenberg und der Mathema­tiker Kurt Gödel die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit. Gödels berühmte Unvollständigkeitssätze zeigen, dass es in unserer Logik und Mathematik Aussagen gibt, die wir weder beweisen noch widerlegen können, und in der Quantenphysik bezeichnen wir zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens, welche nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind, als Unschärferelation. Stellen Sie sich vor, Sie jagen mit Ihrem Ferrari über eine deutsche Autobahn (ohne Tempolimit). Gemäss dieser Relation können Sie nie mit Gewissheit sagen, wie schnell Sie gerade fahren und gleichzeitig genau wissen, wo Sie sich auf der Fahrbahn befinden. Geschwindigkeit oder Position – man erfasst das eine oder das andere, aber nicht beides. Möglicherweise denken Sie nun, dass dies wissenschaftliche Haarspalterei ist, die nichts mit Ihrem Alltag zu tun hat. Doch Sie liegen falsch. Die Forschung zeigt auf abstrakte Art, dass unser Streben nach Gewissheit letztlich unweigerlich an seine Grenzen stossen muss. Dennoch ist unsere (westliche) Welt besessen vom Streben nach Symmetrie und idealen Proportionen, von universellen Gesetzen, Mathematik und Perfektion.

Wohl gerade deshalb kommt das japanische Wabi-Sabi-Konzept, das auf eine analoge Art und Weise mit Imperfektion umzugehen vermag, erfrischend leicht daher. Es verfolgt nicht das Perfekte, Makellose als Ideal, sondern rückt die Vergänglichkeit ins Zentrum. So gilt eine Tasse, die zerbrach und danach geflickt wurde, etwa als umso schöner, da man an ihr die Spuren des Lebens ablesen kann.

Laut einer neuen Studie könnten sich widersprechende Eigenschaften digitalen Systemen ermöglichen, die Lösung bestimmter Fragestellungen, nämlich solche, die unsere Natur oder Biologie betreffen, zu beschleunigen. In ihrer Studie zeigen Forscher auf, wie Lernen mit unserer (Quanten-)Welt verbunden werden kann, um so natürlichere, die Ungewissheit einbeziehende Digitalwelten zu bauen. Für eine solche Herangehensweise sollten unsere führenden Köpfe aber dem Konzept von Wabi-­Sabi folgen, das auf biologisch-natürliche und nicht ingenieurwissenschaftliche Prozesse abhebt. Der Neuroinformatiker Christoph von der Malsburg rät uns diesbezüglich, besser elektronische Organismen, also Systeme, die mittels Autonomie intelligent werden, zu bauen. Dies sollten wir beherzigen, und anstatt unsere analogen Gehirne mit Computern zu vergleichen, besser digitale Welten in spe nach diesen «imperfekt» arbeitenden Denkapparaten zu schaffen.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST Institut der Universität Freiburg.

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