Gerechtigkeit in KMU: «Irgendwann ist Zahltag»

Im KMU-Alltag sind Fragen nach der Gerechtigkeit allgegenwärtig. Sie werden aber kaum offen angesprochen, sagen Tobias Wolf und Roger Tinner. 

Interview: Kaspar Enz
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«Man muss Gleichbehandlung durchziehen»: Tobias Wolf (links) und Roger Tinner. Bild: Urs Bucher

«Man muss Gleichbehandlung durchziehen»: Tobias Wolf (links) und Roger Tinner. Bild: Urs Bucher

Dass zum Schweizer KMU-Tag ein kleines Büchlein erscheint, ist nicht unüblich. Bereits sieben der Reihe «Fit für...» sind bisher erschienen. Meist gaben die Autoren Denkanstösse zu eher handfesten Themen aus dem Unternehmeralltag. Die achte Ausgabe widmet sich der Gerechtigkeit in KMU. Das Thema ist aber nur scheinbar abstrakt, meinen die beiden Mitautoren Roger Tinner und Tobias Wolf. Tatsächlich komme es im KMU-Alltag immer wieder vor.

Was geht Klein- und Mittelunternehmen Gerechtigkeit an?

Tobias Wolf: Am KMU-Institut setzen wir uns schon länger damit auseinander. Gerade bei Nachfolgeregelungen geht es zwar vordergründig um steuerliche oder treuhänderische Fragen. Aber die Gerechtigkeit schwingt immer mit. Deshalb haben wir begonnen, da nachzuforschen.

Und was ist nun gerecht?

Wolf: Man kann 1000 Leute fragen und bekommt ebenso viele Antworten. Das sehen wir auch, wenn wir in Workshops Unternehmer nach Werten fragen. Fairness finden alle wichtig. Aber was es heisst, ist je nach Kontext verschieden. Wonach wird Gerechtigkeit beurteilt? Nach Leistung, nach Bedürfnis oder nach Gleichheit?

Was hier gerecht ist, ist woanders ungerecht?

Wolf: Das sieht man häufig. Wir hatten mal den Fall einer koreanischen Familie. Dort war klar, dass der älteste Sohn das Geschäft erbt, auch wenn es der Jüngste war, der schon lange im Familienbetrieb arbeitete. Aber der akzeptierte das. In anderen Familien wäre das kaum so.

Roger Tinner: Es geht uns mit dem Buch nicht darum, den KMU zu sagen, was sie tun müssen. Es geht darum solche Fragen anzusprechen, statt zu tabuisieren. Das Gerechtigkeitsempfinden der gleichen Person ist oft auch unterschiedlich, je nachdem ob es um die Familie oder um Mitarbeitende geht. Das steht im Alltag auch mehr im Mittelpunkt.

Im Familienunternehmen ist es beides. Bei Ihnen arbeitet ein grosser Teil der Familie im Unternehmen mit. Kann das je gerecht sein?

Tinner: Man muss Gleichbehandlung durchziehen. Man muss sich aber zu gewissen Dingen zwingen. Kleine Tricks können helfen: Wir reden uns bei der Arbeit zum Beispiel mit Vornamen an. Das erinnert mich daran, als Vorgesetzter und nicht als Vater zu denken. Was ich aber in der Praxis oft ungerecht finde: Familienmitglieder müssen mit einem Stigma leben.

Welchem?

Tinner: Man nimmt meist an, dass sie leichter an Jobs kommen, leichter befördert werden. Dass sie sich nicht anstrengen müssen. Es ist schwer für sie, den anderen Mitarbeitern zu zeigen, was sie wirklich können. Und oft ist ja das Gegenteil der Fall. Familienmitglieder werden eher schlechter behandelt.

Aber: Auch wenn der Chef den eigenen Sohn besonders plagt, wird der eines Tages selber Chef.

Wolf: Das sehen wir in der Praxis oft. Zum Teil akzeptieren Nachfolger, dass sie schlecht behandelt werden. Sie machen die Faust im Sack, schlucken es runter. Das hören wir dann von ihren Partnerinnen und Partnern. Wir empfehlen, solche Dinge zu thematisieren. Es braucht prozedurale Gerechtigkeit. Transparenz, ein Regelwerk, das für alle gilt. So gibt es eine Diskussionsbasis.

Denkanstösse für Unternehmer

Das Institut für Kleine und Mittlere Unternehmen an der Universität St. Gallen und die Kommunikationsagentur Alea Iacta organisieren gemeinsam den Schweizerischen KMU-Tag, an dem sich seit 2003 jährlich Unternehmer aus der ganzen Schweiz in St. Gallen treffen.

Bereits zum achten Mal erscheint gleichzeitig ein kleines Buch mit Denkanstössen für Unternehmer. Autoren sind neben KMU-Professor Urs Füglistaller und dem Institutsleitungsmitglied Walter Weber auch Tobias Wolf und Roger Tinner. Tobias Wolf ist Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am KMU-Institut. Er doktorierte zum Thema Gerechtigkeit im Nachfolgeprozess. Daneben ist er Geschäftsführer des Start-ups Onlinedoctor.

Roger Tinner ist Gründer der Kommunikationsagentur Alea Iacta in St. Gallen. Der Rheintaler führt verschiedene Verbände und präsidiert den Ostschweizer Werbeclub. Das Buch «Fit für... Gerechtigkeit in KMU» kann beim KMU-Institut der HSG bestellt werden. (ken)

Sie plädieren im Buch oft Transparenz. Auch für Lohntransparenz. Weshalb?

Tinner: Wo es mehr davon gibt, werden gewisse Diskussionen weniger geführt. Die Gegenthese ist, Lohntransparenz führe zu Neid. Aber ich stelle fest, in Nonprofit-Organisationen, in grossen Konzernen, wo klar ist, wer was verdient, ist es kein Thema. Es gibt Regeln dafür. Wenn diese fehlen, findet man nach 20 Jahren heraus, dass man die ganze Zeit über ungerecht bezahlt wurde. Das gibt es oft bei Frauenlöhnen. Das ist eine Keule.

Wolf: Das können wir aus der Forschung bestätigen. Wenn etwas klar und transparent geregelt ist, akzeptieren Leute Ungleichheiten. Das sehe ich auch bei meinem Start-Up. Wir legen alle Löhne offen. Und unsere Leute von der Business-Seite akzeptieren, dass jüngere Entwickler, die weniger lange Ausbildungen hinter sich haben, mehr verdienen – weil der Markt das so will. Würden wir das verheimlichen, wäre ein Konflikt vorprogrammiert.

Tinner: Die Bedeutung der Transparenz ist eine Grunderkenntnis der Kommunikation. Mit mehr Transparenz kann man nicht verlieren.

Nicht nur bei Löhnen?

Wolf: Fragen der Gerechtigkeit werden meist nicht offen diskutiert. Das sehe ich auch aus dem Start-Up-Alltag. Oft ist es eine Gruppe von Kollegen, aber auch Investoren sind beteiligt. Wie ist das jetzt, wenn einer Vater wird und deshalb weniger arbeiten will. Darf er noch gleich viele Aktien haben? Meistens hat jeder in seinem Kopf ein emotionales Milchbüchlein. Irgendwann sagt man: Jetzt ist Zahltag. Tinner: Solche Fragen können Unternehmen an den Rand bringen. Nicht weil die Kunden fehlten. Weil die Partner unter sich ungerecht waren.

Nehmen wir mal ein einfaches Unternehmen mit einem Chef und Inhaber an der Spitze. Was muss sich der um Gerechtigkeit kümmern?

Tinner: Wenn einer allein ist, kann er sich auch selber ungerecht behandeln. Oft sind es die, die scheinbar ihre Angestellten besonders auf Trab halten, die auch sich selber zu sehr fordern. Sie arbeiten zu viel, delegieren zu wenig.

Wolf: Auch für ihn lohnt es sich, sich über gewisse Themen Gedanken zu machen. Wenn der Patron eine Entscheidung trifft, löst er damit vielleicht Probleme aus, die ihm gar nicht bewusst sind. Und dann kündigt eine wichtige Mitarbeiterin, weil sie das oder das ungerecht findet. «Wenn ich das gewusst hätte», sagt der Chef, zu spät. Ungerechtigkeit ist einer der führenden Gründe, weshalb Leute kündigen.

Tinner: Sensibilität für solche Fragen kann verhindern, dass jemand das Milchbüchlein aufmacht. Und ohne sie glaube ich, wird ein Chef Mühe haben, gute Mitarbeitende zu finden, die das Unternehmen weiter bringen. Mit Mitarbeitern, die nur machen, was der Chef sagt, kommt man nicht weiter.

Wo sind Sie selber ungerecht?

Tinner: Als Chef kann ich morgens sagen, ich komme nicht ins Büro. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Meine Mitarbeiter können das nicht.

Wie machen Sie Ihre Firma gerechter?

Tinner: Ich nutze diese Freiheit selten. Aber es ist ein Grund, weshalb ich neue Arbeitsmodelle sympathisch finde. Wolf: Wir machen dazu klar strukturierte Sitzungen, wo jeder sagen kann, wie es ihm ging. Ich habe am Anfang auch geschnödet. Und es war Anfangs etwas peinlich. Aber unterdessen haben wir uns dran gewohnt. Und es bringt uns wirklich weiter. Allein, weil jeder offen sagen kann, was ihn stört.