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INTERVIEW: Führungscoach weiss, wie Petkovic die Schweiz an die WM bringen kann

Professor Wolfgang Jenewein beschäftigt sich mit Führung in der Wirtschaft und im Sport. Und er weiss, dass moderne Führung mit klassischen Mustern nichts mehr gemein hat.
Thomas Griesser Kym
«Der Welt zeigen, dass sie weltmeisterlich auftreten können»: Wolfgang Jenewein über die Schweizer Fussballer. (Bild: Mareycke Frehner)

«Der Welt zeigen, dass sie weltmeisterlich auftreten können»: Wolfgang Jenewein über die Schweizer Fussballer. (Bild: Mareycke Frehner)

Interview: Thomas Griesser Kym

Wolfgang Jenewein, Sie haben am Schweizer KMU-Tag über «Führung im Wandel» referiert. Wie lautet Ihre Kernaussage?

Die Wirtschaft ist im Umbruch. Das Umfeld ist nicht mehr stabil, es ist disruptiv. Vor diesem Hintergrund muss sich jeder Unternehmer fragen: Passt meine Führungskultur noch? Was muss ich tun, damit wir als Unternehmen zukunftsfähig bleiben?

Was zeichnet gute Führung aus?

Früher war das Umfeld stabil. Da konnte man erfolgreich sein mit klassischer Führung, also mit kommandieren und kontrollieren. Es ging in vielen Unternehmen mehrheitlich um extrinsische, also von aussen angeregte Führung. Heute dagegen muss man intrinsisch führen, indem man mehr fragt statt sagt, mehr motiviert statt doziert. So kann man den Menschen helfen, bei ihrer Arbeit zu wachsen.

Sie schreiben in einem Buch, Mitarbeitende müssten Fans werden ihres Unternehmens, sich mit diesem und dem Firmengeist identifizieren. Wie schafft das die Führung?

Erstens müssen die Chefs bei sich selber anfangen. Um ihre Mitarbeitenden zu begeistern, müssen sie selber begeistert sein. Das müssen sie vorleben und authentisch beweisen. Sie müssen verliebt in die Firma und in deren Produkte sein. Zweitens müssen die Mitarbeitenden verstehen, warum etwas gemacht wird, warum es sinnvoll ist für das Unternehmen und für sie selbst.

Wie beeinflusst die Digitalisierung die Führung?

Führung wird wichtiger, denn die Digitalisierung hinterfragt Geschäftsmodelle. Man muss die Mitarbeitenden an der Hand nehmen, sie mitnehmen in die neue Welt. Das Miteinander wird wichtiger. Und man muss gemeinsam definieren, welche Art von Digitalisierung man will und dem Un­ternehmen künftig nützlich ist.

Wie beurteilen Sie die Erkenntnis, dass gemischte Teams bessere Leistungen erbringen als homogene?

Mittel- und langfristig sind heterogene Teams homogenen überlegen. Verschiedene Perspektiven einzunehmen sowie andere Ideen und Kompetenzen zuzulassen, führt zu besseren Lösungen. Das gilt umso mehr, als dass die Welt heute volatil, unsicher, komplex und ambivalent ist.

Welche Unterschiede gibt es in der Führung in der Wirtschaft und im Sport?

Beide können voneinander lernen. Im Management sind alle Spielertrainer. Im Sport dagegen gibt es den Spielertrainer kaum noch. Der Trainer muss hier seine ganze Zeit der Führung widmen. Er muss seine Spieler coachen, inspirieren, motivieren; er muss viele individuelle Gespräche führen, Spieler mit Formschwäche oder nach Verletzungen wieder aufrichten.

Beim FC Bayern München liessen die Leistungen unter Trainer Carlo Ancelotti zu wünschen übrig, viele Spieler waren unzufrieden. Seit Jupp Heynckes übernommen hat, lautet die Bilanz vier Spiele, vier Siege, dreimal zu null gewonnen. Wie ist dieser Wandel zu erklären?

Die Bayern hatten vor allem einfache Gegner, gegen die hätten sie unter Ancelotti auch gewonnen (lacht). Der Wechsel hat einen Effekt gehabt. Ein neuer Trainer kommt, jeder Spieler erhält wieder die Chance, gesehen zu werden. Das setzt Energien frei. Dazu kommt: Heynckes ist keine langfristige Zukunftslösung, aber er kennt viele Spieler von früher, er ist den Bayern als Erfolgscoach in guter Erinnerung, er findet den Zugang zu den Spielern. Unter ihm erfahren sie wieder Wertschätzung und Anerkennung.

Wie beurteilen Sie unter dem Aspekt der Führung eine Person wie FC-Sion-Präsident Christian Constantin, der ein Alphatier ist und sehr viele Trainer verbraucht?

Ich kenne Christian Constantin nicht und will mir kein Urteil aus der Ferne erlauben. Aber grundsätzlich gilt: Die Devise «Ich unter der Berücksichtigung von mir» ist langfristig nicht erfolgreich. Da müssen Sie schon verdammt genial sein, dass es funktioniert. Aber solche Persönlichkeiten werden immer weniger. Es ist auch kein Zufall, dass die Nobelpreise in Chemie, Physik und Medizin seit einigen Jahren fast nur noch von Teams gewonnen werden. Dazu kommt: Wenn man sich als Einzelmaske gegen alles und jeden durchsetzt, dann denken die Leute irgendwann nicht mehr mit.

Vladimir Petkovic hat als Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft diese an die EM und zuletzt in die Barrage der WM-Qualifikation geführt. Wie schätzen sie ihn ein?

Er macht mir einen fachlich sehr kompetenten Eindruck, ist sachlich und sicher nicht der grosse Unterhalter. Aber Charakter ist wichtiger als Charisma. Petkovic kombiniert Menschlichkeit mit Persönlichkeit und Fachkompetenz. Deshalb wird er als Trainer und als Mensch akzeptiert.

Was kann Petkovic vor den beiden Barrage-Spielen gegen Nordirland noch unternehmen, um die Erfolgsaussichten der Schweiz für eine WM-Qualifikation so hoch wie möglich zu schrauben?

Er muss das Team voll profes­sionell vorbereiten. Dazu gehört, dass er die Spieler individuell abholt, denn die haben in ihren Vereinen oft ihre eigenen Sorgen. Auf keinen Fall darf Petkovic den Spielern einimpfen, dass es um Spiele auf Leben oder Tod gehe, um alles oder nichts, um Schicksalsspiele. Dann bekommen die Spieler Angst, machen zu, können ihre Energien nicht freisetzen. Vielmehr muss Petkovic die Spieler motivieren, ihnen Spass am Spiel vermitteln. Sie müssen sich auf die Barrage-Spiele freuen, die Chance sehen, der Welt zu zeigen, dass sie weltmeisterlich auftreten können.

Und wer wird 2018 in Russland Fussballweltmeister?

Wenn sich die Schweiz qualifiziert, hat sie Aussenseiterchancen. Ansonsten Deutschland.

Wolfgang Jenewein ist Professor für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich vor allem mit Führung in Wirtschaft und Sport. Er hat unter anderem mit der deutschen Fussballnationalmannschaft und mit Fussballklubs zusammengearbeitet.

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