«Interventionen sind Notwehr»

Im Ausland sind die Deviseneingriffe der Schweizerischen Nationalbank gleich mehrfach kritisiert worden. Doch Ökonom Klaus Wellershoff hält die Kritik für unangebracht: Die Eingriffe dürften nicht als Manipulationen eingestuft werden.

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Flutet oder trocknet die Nationalbank den Markt nach Belieben aus? Wasserspiele auf dem Bundesplatz in Bern, dahinter die Nationalbank. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Flutet oder trocknet die Nationalbank den Markt nach Belieben aus? Wasserspiele auf dem Bundesplatz in Bern, dahinter die Nationalbank. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Herr Wellershoff, in der Schweizer Wirtschaft wird die Nationalbank SNB für ihre Interventionspolitik zugunsten eines schwachen Frankens gelobt. Von Daniel Gros, Direktor der Brüsseler Denkfabrik Ceps, wird sie aber gerügt. Wie denken Sie darüber?

Klaus Wellershoff: Herr Gros war offensichtlich schon lange nicht mehr bei uns zu Gast. Wer behauptet, dass die Schweiz den Franken künstlich schwach macht, redet an der wirtschaftlichen Realität und den uns vorliegenden Statistiken komplett vorbei. Der Franken war im letzten Sommer bei einem Wechselkurs von eins zu eins zum Euro so stark wie niemals zuvor, das ist eine Tatsache. Die Interventionen der SNB sind Notwehr und nicht merkantilistische Manipulationen.

Überspitzt formuliert, verschärfe die SNB mit ihren Aufkäufen von Staatsanleihen sogar noch die Eurokrise. Ist das nicht etwas übertrieben?

Wellershoff: Ganz offensichtlich gibt es eine Bewegung aus dem Euro in den Franken, sonst würden die Devisenreserven der SNB nicht zunehmen. Die Motivation der Menschen, die Franken kaufen wollen, ist der Grund für die Interventionen der SNB. Wenn diese dann die Euro besitzt und damit europäische Staatsdefizite finanziert, sollten die Europäer doch eher dankbar sein. Dass dabei deutsche Staatsanleihen attraktiver sind als spanische, liegt doch nicht an der SNB.

Was stutzig macht: Die Vorwürfe basieren ja nicht auf belegten Fakten. Warum bezieht die SNB bei derartigen Gerüchten überhaupt Stellung?

Wellershoff: Offensichtlich schaffen es selbst intelligente Menschen nicht, öffentlich verfügbare Statistiken zu finden und auch nur annähernd korrekt zu interpretieren. Die von der SNB geschaffene Transparenz ist wichtig, um einer Legendenbildung vorzubeugen.

Als Hauptargument führt Gros an, dass SNB-Geld vor allem ins deutsche Finanzsystem geflossen sei, was ein Europa zweier Geschwindigkeiten, also die Kluft zwischen dem Norden und Süden, fördere.

Wellershoff: Die uns vorliegenden Zahlen reichen wohl kaum aus, um diese Schlussfolgerung zu ziehen. Sowohl die in dieser Woche vorgelegte Studie der Ratingagentur Standard & Poor's als auch die Analyse der Credit Suisse mussten bereits von ihren Autoren relativiert werden. Und nochmals, das Europa «à deux vitesses» müssen doch wohl zunächst die Europäer selbst verantworten.

Als Patentrezept bietet Gros an, dass die Schweiz ihren Leistungsbilanzüberschuss abbauen müsse. Es gebe kein «ewiges Recht» auf Exportüberschüsse. Diese abzubauen, wäre doch Gift für unsere Industrie?

Wellershoff: Vor allem ist die Leistungsbilanz keine Stellschraube, an der irgendjemand so einfach drehen könnte. Seit 1981 schreibt die Schweiz ununterbrochen Leistungsbilanzüberschüsse. Will Herr Gros behaupten, dass die Schweiz seit über dreissig Jahren den Wechselkurs künstlich tief hält? Das ist absurd.

Wie könnte denn aus Ihrer Sicht eine Lösung in der aktuellen Situation aussehen?

Wellershoff: Wir glauben, dass sich die Europäer keine Gedanken über die Sinnhaftigkeit der Untergrenze im Euro-Franken-Kurs machen müssen. Die Massnahme ist auch für die SNB höchst problematisch, hat sie doch in grossen Teilen die Kontrolle der Geldpolitik an die Finanzmärkte abgegeben. Die SNB wird bemüht sein, lange bevor die Entscheidungen der anderen Wirtschaftsteilnehmer durch ihr Handeln signifikant verzerrt werden, das Instrument von sich aus aufzugeben. Interview:

Mélanie Knüsel-Rietmann