INTEGRATION: Der stille Schaffer

Peter Wyss ist von Geburt an taub und arbeitet seit 26 Jahren als Konstrukteur bei Stadler in Bussnang. Mit seinem langjährigen Chef versteht er sich fast schon ohne Worte.

Ida Sandl
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Konstrukteur Peter Wyss begutachtet in der Montagehalle von Stadler in Bussnang die Fertigung der Züge. (Bild: Reto Martin)

Konstrukteur Peter Wyss begutachtet in der Montagehalle von Stadler in Bussnang die Fertigung der Züge. (Bild: Reto Martin)

Dieser Scherz klappt immer: Peter Wyss steht von seinem Bürostuhl auf, fuchtelt mit den Armen, sein Mund formuliert «zu laut». Die Kollegen, die gerade noch wild durcheinandergeredet haben, schauen ihn einen Moment lang verdutzt an. Dann fangen sie an zu lachen. Der Witz dabei: Peter Wyss ist es nie zu laut, egal wie hoch der Lärmpegel ist. Er ist von Geburt an taub.

Aufgefallen ist es dem Grossvater. Der sei irgendwann stutzig geworden, weil der Bub nicht auf Geräusche reagierte und auch keine Anstalten machte, Worte nachzuplappern. Peter Wyss selber kennt nur die Stille. Dafür war seine Welt vielleicht ein bisschen bunter als die seiner Spielkameraden. Er konnte ja fühlen, riechen, schmecken, tasten. Dass etwas bei ihm anders war als bei seinen drei älteren Geschwistern, sei ihm erst bewusst geworden, als er eingeschult wurde. Nicht in Wetzikon wie seine Gspänli, sondern in der Gehörlosenschule in Zürich.

Er kam mit seinem schwerhörigen Freund
Es ist ein grauer Morgen, die Umrisse der Stadler-Fabrik verlieren sich am Horizont. Das Gelände ist weitläufig. Eine eigene Welt am Rande von Bussnang. Ein Gebäude ums andere wurde drangebaut, als der Schienenfahrzeughersteller immer grösser wurde. Das Büro von Peter Wyss war schon da, als er vor 26 Jahren kam. Seit einiger Zeit sitzt er sogar wieder am Schreibtisch, an dem er angefangen hat.

Etwa 30 Mitarbeiter hatte Stadler, als Wyss dazustiess, mehr eine Grossfamilie als ein Unternehmen. Peter Spuhler war schon Chef, aber noch nicht lange. Wyss stellte sich zusammen mit Clemens Rinderer vor. Einem Sport- und Arbeitskollegen, Konstrukteur wie Wyss, zwar nicht gehörlos, aber schwerhörig.

Beide hatten bei der Firma Rapid gearbeitet, in Winterthur, wo Wyss heute noch wohnt. Rapid steckte in der Krise und musste Leute entlassen. Da habe der Chef bei Peter Spuhler angerufen und ihm gesagt, er habe da zwei Mitarbeiter: sehr gut, sehr engagiert, aber gehörlos.

Etwas Bedenken habe er schon gehabt, sagt Spuhler heute. «Doch als Unternehmer trägt man auch soziale Verantwortung.» Davon sei er immer überzeugt gewesen. Die Vorbehalte lösten sich schnell auf. Wyss und Rinderer waren ein einspieltes Team. «Fachlich hervorragend und mit einem absolut unglaublichen Leistungswillen», beschreibt Urs Wieser. Er war lange Zeit der Vorgesetzte von Wyss.

Manche wollten die Gebärdensprache lernen
Wieser erzählt, es habe die Kunden regelmässig verblüfft, wie schnell Wyss und Rinderer die gewünschten Änderungen in den Plänen umgesetzt hätten. Peter Wyss nickt und lächelt. Er ist 61 Jahre alt, doch wenn er lacht, dann strahlt sein Gesicht etwas Jungenhaftes aus.

Wyss kann von den Lippen ablesen, wenn jemand deutlich spricht. Einfache Worte kann er auch formulieren. Er habe leider keine so schöne Stimme, entschuldigt er sich, weil er nicht so geübt sei im Reden. Den Neuen in seinem Team erklärt die Sekretärin, wie sie sich verhalten sollen: «Augenkontakt herstellen, keine englischen Ausdrücke, kein Dialekt, nicht von hinten anreden.» Der Rest ist Sensibilität und Offenheit.

Peter Wyss macht es seinem Gegenüber leicht. Er lacht viel, ist unkompliziert und meistens gut gelaunt. Die Kollegen lieben seinen Humor. «Manche wollten sogar schon die Gebärdensprache lernen», sagt Urs Wieser. Doch das ist sehr aufwendig, denn es ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik.

Wieser kennt ein paar Begriffe. «Schlitzohr» zum Bespiel. Dabei nimmt man das Ohrläppchen zwischen Zeige- und Mittelfinger. Wenn er mit Sakko und Stoffhose ins Büro kam statt der gewohnten Jeans, dann hätten Wyss und Rinderer Luftgeige gespielt. Soll heissen: «Jetzt wird es vornehm.» Braucht jemand schnell die Aufmerksamkeit von Wyss, dann stampft er mit den Füssen zweimal auf den Boden. Peter Wyss spürt die Vibrationen. Wyss und Wieser arbeiten schon so lange zusammen, sie verstehen sich mittlerweile auch ohne Worte.

Für Konferenzen kann Wyss bei Procom, einer Stiftung für Hörbehinderte, einen Dolmetscher anfordern. Das ist selten nötig, denn Computer und Handy haben das Leben und die Arbeit von Peter Wyss einfacher gemacht. Allein durch Mails und Kurznachrichten sei für ihn «eine Welt aufgegangen», sagt er und breitet die Arme aus. Kein Vergleich mit dem Schreibtelefon von früher. Peter Wyss gehört zu den glücklichen Menschen, bei denen sich Leidenschaft und Beruf verbinden. Er wollte schon als Kind Lokomotivführer werden. Jetzt konstruiert er Schienenfahrzeuge für die halbe Welt. Doch in den Ferien, wenn er China bereist, Indonesien oder die USA, dann werden keine Züge besichtigt. Ehefrau Brigitte hat entschieden, das Thema Bahn muss auch mal Pause haben.