Insekten als Tierfutter: Bühler mischt mit an vorderster Front und spannt mit Alfa Laval zusammen

Der Uzwiler Technologiekonzern Bühler treibt seine Anstrengungen zur Entwicklung von Lösungen für die Insektenproduktion voran. Diese soll die Herstellung von Lebensmitteln langfristig nachhaltiger gestalten. In den Niederlanden soll bald die erste Grossanlage Europas in Betrieb gehen, hinter der Bühler treibende Kraft ist.

Thomas Griesser Kym
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Insektenforschung bei der Bühler Insect Technology Solutions. (Bild: PD)

Insektenforschung bei der Bühler Insect Technology Solutions. (Bild: PD)

Bühler forciert das Geschäft mit der Verarbeitung von Insekten als Proteinquelle. Dies nicht so sehr als Nahrungsmittel, denn gerade im Westen haben viele Menschen Vorbehalte gegen Insektenprodukte auf ihrem Speisezettel und auf ihrem Teller. «Insekten für die menschliche Ernährung sind bei uns eine Nische», sagte denn auch kürzlich an einem Medientermin im brandneuen Innovationscampus Cube am Bühler-Hauptsitz in Uzwil die Wissenschafterin Beatrice Conde-Petit, die beim Technologiekonzern als Lebensmittelexpertin arbeitet.

Deutlich mehr Potenzial sieht Bühler hingegen bei Insekten als Tierfutter. Diese Industrie legt zu; allein vergangenes Jahr habe dieser Sektor über 300 Millionen Dollar investiert. Bühler nennt mehrere Gründe: Die Kosten für herkömmliche Futtermittel steigen, insektenbasierte Proteine hätten Vorteile für die Gesundheit von Nutz- und Haustieren, und die Insektenzucht sei nachhaltiger als andere Methoden zur Futterherstellung.

Exklusive Kooperation

Um in diesem Markt mitzumischen, hat Bühler Anfang 2017 zusammen mit der niederländischen Insektenzuchtfirma Protix das Joint Venture Bühler Insect Technology Solutions (Bits) gegründet. Dieses hat nun mit der schwedischen Alfa Laval eine exklusive Kooperation vereinbart. Deren Zweck ist es, wie Bits-Chef Andreas Aepli sagt, die Wirtschaftlichkeit und die Zuverlässigkeit der hauseigenen Lösungen für die Insektenzucht und -verarbeitung weiter zu erhöhen. Man wolle «von Anfang an höchste Sicherheits- und Qualitätsstandards für die Industrie» setzen.

Alfa Laval gilt als weltweit führendes Unternehmen in den Segmenten Wärmeübertragung, Separation und Flüssigkeitstransfer. Die Anlagen von Alfa Laval helfen den industriellen Kunden, Produkte zu erwärmen, zu kühlen, zu trennen und zu transportieren - alles Prozesse, die in der Insektenproduktion wichtig sind. Zusammen mit Bits und dem Know-how von Bühler im Hintergrund sei man in der Lage, die beste Lösung zur Verarbeitung von Insekten anzubieten, sagt Sumit Pingle vom Alfa-Laval-Topmanagement.

Altes Brot, verdorbenes Gemüse

Konkret entwickeln Bits und Alfa Laval, die mit Bühler schon seit gut einem Jahr zusammenarbeitet, massgeschneiderte Lösungen in der Wärmeübertragung, der Trennung von Proteinen und Lipiden (Fette und andere wasserunlösliche Naturstoffe) sowie im Flüssigkeitstransfer. Diese Lösungen lassen sich laut eigenen Angaben nahtlos in modulare Anlagen zur Insektenverarbeitung integrieren. Der Vorteil für Insektenproduzenten: Sie können bei steigender Nachfrage ihr Produktionsvolumen einfach und schnell erhöhen. Vertrieben werden die Produkte exklusiv über Bits. Vorgesehen ist, dass Bits und Alfa Laval auch bei Forschung, Marketing und Kundenservice zusammenarbeiten.

Im niederländischen Bergen op Zoom haben Bits und Protix vor über einem Jahr mit dem Bau der ersten Anlage in Europa für einen Kunden begonnen, der im industriellen Massstab Insekten züchten und zu Tierfutter verarbeiten will. Dabei sollen laut früheren Angaben täglich 50 bis 500 Tonnen organisches Material wie altes Brot, verdorbenes Obst und Gemüse, Weizenkleie, Biertreber und andere Brauereiabfälle an Larven der Schwarzen Soldatenfliege verfüttert werden. Haben diese eine ausreichende Grösse erreicht, werden sie zu Proteinmehl und Fett verarbeitet, die als Futterzusatz für Schweine, Hühner, Fische und Haustiere dienen werden. Aus dem verbliebenen organischen Material wird Dünger gemacht. Laut Dieter Voegtli vom Bühler-Management ist diese erste Grossanlage Europas bald fertig montiert. Laut ursprünglichen Plänen hätte sie allerdings bereits im ersten Semester 2018 in Betrieb gehen sollen.

Proteinproduktion muss verdoppelt werden

Laut Bühler produziert die Landwirtschaft 525 Millionen Tonnen pflanzliches Eiweiss pro Jahr, in Form von Mais, Reis, Weizen und Sojabohnen. Die Produktion sei heute aber nicht nachhaltig: Lediglich 25 Prozent aller Proteine landen als pflanzliche Eiweisse auf unseren Tellern, während 15 Prozent verderben und 60 Prozent zur Herstellung tierischer Proteine genutzt werden. Zudem müsse angesichts der wachsenden Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 die Proteinproduktion verdoppelt werden. Dafür würden alternative Eiweissquellen wie Hülsenfrüchte, Insekten oder Algen immer wichtiger. Insekten könnten, auf organischen Ab­fällen gezüchtet, bis zu 70 Prozent der darin enthaltenen Nährstoffe zurückgewinnen. Auch punkto Verbrauch an Landfläche, Energie und Wasser hat die Insektenzucht Vorteile gegenüber dem Anbau von Getreide oder der Fleischproduktion.

Anspruchslose Larven

Insekten sind verhältnismässig anspruchslos in der Aufzucht. Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege beispielsweise können sogar mit organischen Abfällen gefüttert werden – etwa mit Nebenprodukten aus der Landwirtschaft oder Lebensmittelabfällen. Dabei sind sie effiziente Verwerter: Aus zwei Kilo Futter bilden sie ein Kilo Insektenmasse. Ein zusätzlicher Vorteil ist der geringe Platzbedarf: Auf einem Quadratmeter lässt sich ein Kilo Insektenprotein erzeugen. Noch höher ist die Ausbeute mit vertikalen Zuchtkonzepten. Die Ausscheidungen der Larven können zudem als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden. 

Insekten und Elektroautos als Chance

Bühler sieht in der Verarbeitung von Insektenlarven zu Futtermittel und in der Entwicklung von Elektrodenpasten für Energiespeicher wichtige Zukunftstrends.
Yusuf Barman