INNOVATION: Das Display weiss, wen es vor sich hat

Eine St.Galler Firma verschmilzt mit ihrer Software reale und digitale Welt. Dafür wurde es in Zürich kürzlich zum «Coolest Start-up 2017» gekürt.

Tobias Hänni
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Christian Naef (links) und Iman Nahvi vom Gründerteam des St. Galler IT-Start-ups Advertima (Bild: Benjamin Manser)

Christian Naef (links) und Iman Nahvi vom Gründerteam des St. Galler IT-Start-ups Advertima (Bild: Benjamin Manser)

Erklären die Gründer von Advertima ihr Produkt, tun sie das am Beispiel eines Basars. «Wenn an einem Stand Hunderte von potenziellen Kunden vorbeigehen, muss ein Händler innert Sekunden entscheiden, wen er anspricht. Und vor allem, wie er das tut», sagt Iman Nahvi, CEO des St.Galler Start-ups. Die IT-Firma mit Sitz in der Stadt St.Gallen hat eine Software entwickelt, die ähnlich wie ein Händler agiert: Sie erfasst mit Hilfe von Kameras, Mikrophonen oder Wi-Fi-Geräten äussere Merkmale und Bewegungen von Menschen, die sich in ihrer Umgebung befinden. Und «spricht» diese ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer Kleidung oder gar ihrer Stimmung entsprechend an – beispielsweise mit einer personalisierten Botschaft auf einem Bildschirm. Eine Innovation, für die Advertima vor kurzem am World Web Forum in Zürich zum «Coolest Start-up 2017» gekürt wurde.

Im Schaufenster digitale Brillen ausprobieren
Der Award steht in einem der zwei modern eingerichteten Räume, die Advertima im St.Galler Start-up-Brutkasten Startfeld gemietet hat. Hier hat die Firma vor einem Jahr den Betrieb aufgenommen, damals noch mit vier Angestellten. Inzwischen arbeiten bereits 25 Personen für das IT-Unternehmen. «Und wir suchen nach weiteren Spezialisten», sagt CEO Nahvi. Mit der Software ausgerüstete Bildschirme sind seit letztem Jahr in der Berner Shopping-Mall Westside im Einsatz. Während der Weihnachtszeit registrierte das Programm über eine Kamera vorbeigehende Besucher und forderte sie auf, auf dem Bildschirm ein Spiel zu spielen.

Werden Bildschirme an öffentlichen Orten mit der St. Galler Software ausgerüstet, erkennen sie, wer vor ihnen steht - und reagieren entsprechend. (Bild: PD)

Werden Bildschirme an öffentlichen Orten mit der St. Galler Software ausgerüstet, erkennen sie, wer vor ihnen steht - und reagieren entsprechend. (Bild: PD)

Die Spielfigur passte sich in Grösse, Geschlecht und Kleidung dem jeweiligen Spieler an und reagierte auf dessen Bewegungen. Zur Anwendung kam die Software auch in einem digitalen Spiegel im Schaufenster des St.Galler Optik­geschäfts Platzhirsch: Der Spiegel setzte Passanten, die stehen blieben, eine digitale Brille auf. Gingen sie näher ans Schaufenster heran, konnten sie per Handbewegung weitere Brillen auswählen – passend zu Geschlecht und Alter. «Indem wir die reale und die digitale Welt verschmelzen, können wir Kunden ein personalisiertes Erlebnis bieten», sagt Mitgründer und Marketingchef Christian Naef. 80 Prozent der Informationen, denen ein Mensch heute täglich begegne, seien für ihn gar nicht von Belang. «Unsere Vision ist es, dass Menschen nur noch mit jenen Infos konfrontiert werden, die für sie relevant sind», fügt Nahvi hinzu.

Die Software schaut in die Zukunft
Zum ersten Mal zum Einsatz kam die Software in den Fahrzeugen von Taxi Frosch, ein anderes Unternehmen, das Iman Nahvi in der Stadt St.Gallen aufgebaut hat. «Einem einzelnen Fahrgast auf einem Bildschirm im Fond individualisierte Informationen zu bieten, ist einfach», sagt er. Komplexer wird das Vorhaben dagegen in einem Einkaufszentrum oder an einem Bahnhof. Dort passieren in kurzer Zeit Hunderte von Menschen ein Info- oder Werbedisplay. Damit das Programm entscheiden kann, wer vom Display mit einer personalisierten Botschaft angesprochen wird, muss es in die Zukunft blicken. «Unsere künstliche Intelligenz berechnet in Echtzeit, wer in vier Sekunden am Screen vorbeigehen wird», sagt Nahvi. Aufgrund dieser Berechnung werde beispielsweise aus einer Reihe von Videoclips jener ausgewählt, welcher der identifizierten Zielgruppe am besten entspreche. Die Software ist auch in der Lage, menschliche Emotionen zu erkennen. Dafür wird sie mit Hunderttausenden Bildern gefüttert, etwa von lächelnden Menschen. «Unsere künstliche Intelligenz wird damit lernfähig. Sie erkennt mit der Zeit, welche Botschaft gut ankommt. Und welche weniger.» Aufgrund der Reaktionen passe die Software die Kundenerlebnisse an.

Noch kommt die St .Galler Innovation erst in Bildschirmen zum Einsatz. Möglich ist aber auch die automatische Steuerung von Lautsprechern, Lichtquellen oder Geruchsmaschinen, die in Einkaufszentren eingesetzt werden. Wer sich die Ausführungen zur Software anhört, denkt unweigerlich an die personalisierte Werbung, die in der Onlinewelt längst Einzug gehalten hat: Wer auf Google nach einem Fernseher sucht, hat kurz darauf Werbebanner von Elektronikgeschäften auf seiner Facebook-Seite. Diese Onlinewerbung ist für Marketing-Chef Naef «in vielen Fällen unsinnig». «Solche Werbung wird oft noch gezeigt, nachdem man das Produkt längst gekauft hat.» Die Advertima- Software mache das Gegenteil: «Sie schaltet keine nervtötende Werbung. Sondern Informationen, die für den Kunden wirklich von Interesse sind.»

Die Jungunternehmer sehen ihr Produkt ohnehin nicht als reines Werbe­instrument. «Es kann in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden», sagt Nahvi. So seien sie etwa mit dem Flughafen Zürich im Gespräch, wo mit der Software digitale Wegweiser in Echtzeit angepasst und so Menschenströme besser gesteuert werden könnten. Auch bei der Datennutzung unterscheide sich Advertima von den Onlinegiganten. «Die Software sammelt keine persönlichen Daten.» Analysiert würden anonymisierte Bildinformationen, die keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen zulassen. «Diese Analyse geschieht zudem vor Ort. Es werden keine Bilder von Personen in eine Online-Cloud geladen.» Damit halte sich die Firma strikt an das Datenschutzgesetz.