Inklusion
«He», «she» oder «they»? Die freundlichen Grüsse in Geschäfts-E-Mails werden inklusiver - mit prominenter Unterstützung

Von Apple-Chef bis zur US-Vizepräsidentin: Vermehrt bekennen sich Menschen online mit Pronomen zu ihrer Geschlechteridentität. Nun unternimmt erstmals auch der Chef eines der zwanzig grössten börsenkotierten Schweizer Unternehmen diesen Schritt.

Benjamin Weinmann
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Logitech-Chef Bracken Darrell hat auf dem Online-Portal Linkedin die Pronomen «he/him» seinem Profil hinzugefügt.

Logitech-Chef Bracken Darrell hat auf dem Online-Portal Linkedin die Pronomen «he/him» seinem Profil hinzugefügt.

Tommaso Boddi / Getty Images North America

Wer bin ich? Um diese Frage den Twitter-Fans kurz zu erklären, verfassen viele Personen einen Kurzbeschrieb ihrer selbst. So auch Tim Cook: «Apple CEO» steht da, sowie der Verweis für welche Sportclubs er jubelt, welches Zitat ihn inspiriert und die Pronomen «he» und «him» - also «er», «ihm» oder «ihn».

Der Silicon-Valley-Manager fügte die Pronomen, die seine Geschlechteridentität wiedergeben, vergangenen Winter hinzu, kurz nach dem 20. November, dem «Transgender Day of Remembrance», dem Gedenktag für die Opfer von Transphobie. An jenem Tag tweetete Cook, der sich 2014 als homosexuell outete: «Heute ehren wir diejenigen, deren Leben auf tragische Weise durch Bigotterie und Hass gestohlen wurden. Nur durch Liebe, Akzeptanz und Bildung können wir eine Zukunft aufbauen, in der jeder sicher ist und seine Wahrheit leben kann.»

US-Politikerinnen machen es vor

Vize-Präsidentin kommuniziert auf Twitter ihre Geschlechteridentität.

Vize-Präsidentin kommuniziert auf Twitter ihre Geschlechteridentität.

Susan Walsh / AP

US-Vizepräsidentin Kamala Harris und die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez fügen ihren Twitter-Profilen ebenfalls ein «she/her» hinzu. Und seit einiger Zeit sind die Pronomen häufiger auch bei Firmenangestellten in der Schweiz zu sehen, auf Online-Plattformen oder in E-Mails nach den freundlichen Grüssen in der Signatur. Als genderneutrales Pronomen hat sich in der englischen Sprache «they» durchgesetzt.

Auch die Demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York benutzt die Geschlechter-Pronomen auf sozialen Medien.

Auch die Demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York benutzt die Geschlechter-Pronomen auf sozialen Medien.

AP

Doch was ist mit der obersten Führungsebene? CH Media hat sich die Online-Profile der Chefs der zwanzig grössten, börsenkotierten Schweizer Konzerne angeschaut, den Mitgliedern des «Swiss Market Index».

Die meisten Chefs – allesamt Männer - sind auf der Social-Media-Plattform Linkedin, quasi dem Facebook der Geschäftswelt, mit einer eigenen Seite präsent. Doch weder bei Swisscom-Chef Urs Schaeppi, noch bei Nestlé-CEO Mark Schneider oder «Zürich»-Chef Mario Greco stehen Pronomen neben den Namen.

Premiere bei Schweizer Grosskonzern

Dennoch kommt es im SMI schon bald zu einer symbolträchtigen Premiere: Denn ab dem 17. September verdrängt der Computerzubehör-Hersteller Logitech die Uhrenfirma Swatch aus dem Index. Chef von Logitech ist der US-Amerikaner Bracken Darrell. Und dieser hat kürzlich seinem Profil die Pronomen «he/him» hinzugestellt.

«Wir glauben an die Stärke von jeglicher Art der Diversität: Sexuelle Orientierung, sexuelle Identität, kultureller Hintergrund, und so weiter», sagt Darrell. Diversität allein reiche aber nicht. «Wir müssen auch inklusiv sein, und heute sind wir nicht inklusiv genug.» Daran arbeite man sehr stark. «Nicht nur weil es richtig ist, sondern weil Diversität und Inklusion auch zu besseren Firmenresultaten führen.»

Kein Zwang für das Personal

Eine interne Weisung an das Personal, ebenfalls künftig die Pronomen zu benutzen, hat es bei Logitech hingegen nicht gegeben, wie Sprecher Ben Starkie auf Anfrage sagt. «Es ist allen sich selbst überlassen, wie sie sich in der Firma ausdrücken wollen.»

Alle Angestellten hätten die Möglichkeit, ihr persönliches Pronomen in E-Mail-Signaturen, auf dem Intranet oder auf ihrem Profil für Videokonferenzen sichtbar zu machen. Dies sei eine freiwillige Option, von denen vielen Personen Gebrauch machten, sagt Starkie.

Fiktives Beispiel einer E-Mail-Signatur oder Geschäftskarte mit dem Zusatz der weiblichen Pronomen «she, her, hers» (s. roter Pfeil).

Fiktives Beispiel einer E-Mail-Signatur oder Geschäftskarte mit dem Zusatz der weiblichen Pronomen «she, her, hers» (s. roter Pfeil).

Codetwo.com, Screenshot

Stefan Faust, Co-Leiter der Menschenrechtsorganisation Queeramnesty Schweiz, die sich für Anliegen der LGBTQIA+-Community einsetzt, begrüsst den Schritt des Logitech-Chefs. Die Angabe der Pronomen helfe, das Bewusstsein für Minderheiten in der Gesellschaft zu stärken, insbesondere für jene, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet fühlten, wie zum Beispiel Non-binäre, Trans- oder intersexuelle Menschen. «Wenn der CEO eines bekannten Grosskonzerns hier voran geht, hat das natürlich eine starke interne Symbolkraft.»

Die Gefahr des «Rainbow Washing»

Faust begrüsst es, dass hierzulande vermehrt auch Personen, die nicht der LGBTQIA+-Gemeinschaft zugehören, ihre Pronomen in E-Mail verwenden. Bisher habe man dies fast nur im englischsprachigen Raum beobachtet. Faust spricht sich aber gegen entsprechende Richtlinien für Angestellte aus. «Diese Entwicklung braucht Zeit, sollte freiwillig und nicht forciert sein.»

Mehr Minderheiten in US-Firmen

Die US-Börse Nasdaq schreitet bei der Minderheiten-Förderung voran. Sie fordert laut «BBC» die börsenkotierten Firmen, zu denen unter anderem Apple und Tesla gehören, neu dazu auf, mindestens zwei Mitglieder auf oberster Führungsebene zu haben, die einer Minderheit angehören.

Ansonsten müssen sie den Mangel rechtfertigen. Laut Nasdaq würden aktuell rund drei von vier Firmen diese Kriterien nicht erfüllen. Zudem werden die Firmen ab 2022 Statistiken zur Diversität auf der Teppichetage abliefern müssen.

Wichtiger sei, dass die Pronomen-Verwendung nicht reines «Rainbow Washing» sei, sagt Faust. Damit meint er das vordergründige Bekenntnis zu LGBTQIA+-Gemeinschaft, ohne interne Massnahmen zur Förderung von Diversität und Inklusion.

Während «he/his» und «she/her» sich problemlos ins Deutsche übersetzen lassen und deshalb auch in der Schweiz einfach zu handhaben wären, ist der Fall beim Pronomen «they» komplizierter, das jene Menschen wählen, deren Identität nicht mit dem starren Frau-Mann-Konzept mit zwei Geschlechtern erfasst wird. In der deutschen Sprache habe sich noch kein eindeutiges Pendant zu «they» entwickelt, sagt Faust. «Es gibt in mehreren Ländern je nach Sprache verschiedene Lösungen, und über die Zeit hinweg dürften sich hier neue, sprachliche Standards entwickeln.»

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