Industriespionage
Wie Sika einem Spion auf die Schliche kam

Industriespionage ist ein Problem in der Schweiz, wie ein aktueller Fall beim Baarer Baustoffkonzern Sika zeigt. Dabei spielt der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle.

Christopher Gilb
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Hauptsitz von Sika in Baar. Der bekannte Schweizer Industriekonzern wurde Opfer von Industriespionage.

Hauptsitz von Sika in Baar. Der bekannte Schweizer Industriekonzern wurde Opfer von Industriespionage.

Bild: Boris Bürgisser
(14. September 2020)

Rezepturen von Produkten, Tabellen mit Verkaufszahlen, geheim deklarierte Fotos einer Produktionsstätte im Ausland: Etliche Male hat ein Manager des Bauchemiekonzerns Sika in Baar hochsensible interne Informationen auf externe Datenträger geladen und sie dann aus dem Büro getragen, um sie mit der Konkurrenz zu teilen. Dies zeigt ein Strafbefehl der Bundesanwaltschaft, der dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, und über welchen die Zeitung am Wochenende berichtet hat. Der Fall, der sich bereits im Winter 2014/15 abspielte, zu dem aber erst vor einigen Wochen das Urteil erging, gebe einen seltenen Einblick, wie Industriespionage in der Schweiz heute funktioniere, heisst es im Artikel.

Irene Marti von der Universität Bern.

Irene Marti von der Universität Bern.

Bild: PD

«Wirtschaftsspionage in der Schweiz findet statt und wird von den Unternehmen als Bedrohung eingeschätzt», sagt Irene Marti von der Universität Bern. Sie und ihre Kollegen haben in einer Anfang 2020 veröffentlichten Studie im Auftrag des Nachrichtendienstes des Bundes das Phänomen in der Schweiz erforscht. Mit dem Ergebnis: 15 Prozent bis ein Drittel der Unternehmen in potenziell gefährdeten Branchen wie Informatik und Telekommunikation, Life Science, Maschinenbau und Industrie sowie Pharma sind von Wirtschaftsspionage betroffen.

Oft sind es ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter

Und diese Angriffe finden bei weitem nicht nur digital statt. Denn auch in Zeiten der Digitalisierung sei der Faktor Mensch bei Spionagetätigkeiten nicht zu unterschätzen, sagt Marti. In über 40 Prozent der Angriffe waren ehemalige (25 Prozent) oder wie im Fall von Sika aktuelle Mitarbeitende (16,7 Prozent) des Unternehmens involviert.

Das sieht auch Chris Eckert so. Der einstige Fahndungschef der Kantonspolizei Zürich unterstützt mit seiner Firma Swiss Business Protection in Zug Firmen, die betrogen oder ausspioniert wurden. Auf Anfrage verweist er auf seine Aussagen in einem Anfang Jahr erschienenen Artikel in der «NZZ am Sonntag»: «Mitarbeiter, die Geschäftsgeheimnisse ausplauderten, Unbekannten Einblick in neue Entwicklungen gewährten oder sogar aktiv Konkurrenten bedienten, schädigten Unternehmen am meisten. Viele Betriebe sind wie ein Löchersieb.»

Laut Irene Marti von der Universität Bern sind typische Gefahrensituationen Konfrontationen mit Personen von ausserhalb des Unternehmensstandorts. «Etwa bei öffentlichen Veranstaltungen wie Messen, Besuchen auf dem Firmengelände, Auslandreisen von Mitarbeitenden, Kommunikation zwischen Firmenstandorten und dem Austausch der Daten mit Geschäftspartnern oder Kunden.»

Hohes Datenvolumen fiel auf

Um sich zu wappnen, müssten Firmen spezifische Abwehrmassnahmen treffen, sagt Chris Eckert. Dafür müsse die ganze Belegschaft für Gefahren sensibilisiert werden. Im Fall von Sika haben diese Mechanismen anscheinend funktioniert. «Wenn jemand in grossem Volumen auf Daten zugreift, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat, gehen natürlich die Alarmglocken los», sagt ein Sika-Sprecher auf Anfrage.

Es war denn auch das Unternehmen Sika selbst, das eine Untersuchung startete und sich danach an die Bundesanwaltschaft wandte. Zur Sika-Kultur gehöre es, dass die Mitarbeiter schnell Verantwortung übernehmen würden, um möglichst nahe an den Bedürfnissen der Kunden zu arbeiten und auch Entscheidungen treffen zu können, sagt der Sprecher. «Deshalb braucht es auf der anderen Seite auch starke Governance-Mechanismen. Dieser Fall zeigt, dass unser Kontrollsystem funktioniert.»

Sika überrascht, wie lange es bis zur Verurteilung ging

Neu war das Phänomen für Sika nicht. «Aber in dieser Grössenordnung und Dreistigkeit war das eine Premiere.» Zur Frage nach dem Schaden sagt der Sprecher, dass man nie ausschliessen könne, dass ein Konkurrent aus eigener Kraft die Rezeptur eines Produkts herausfinde. Schwieriger sei es jedoch, die genauen Rohstoffe zu kennen und woher diese kämen, in diesem Fall seien auch solche Informationen weitergegeben worden. Etwas überrascht zeigt sich der Konzern davon, wie lange es bis zu einem rechtsgültigen Urteil durch die Bundesanwaltschaft dauerte.

Wie der «Tagi» berichtet, hat diese nun den Ex-Manager wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes und Verletzung des Fabrikations- und Geschäftsgeheimnisses schuldig gesprochen. Er erhält eine bedingte Geldstrafe über 120 Tagessätze à 230 Franken, insgesamt 27’600 Franken. Zahlen jedoch muss er sie nur, wenn er wieder straffällig wird.

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