INDUSTRIE
Arbonia wächst und arbeitet deutlich profitabler – aber CEO Alexander von Witzleben sagt: «Das erste Semester war eine wilde Reise»

Der Arboner Gebäudezulieferer Arbonia hat ein starkes erstes Semester 2021 hinter sich. Der Konzern profitiert von seinem Fitnessprogramm und von günstigen Rahmenbedingungen auf den Märkten. In den nächsten Tagen ist der Verkauf der Fensterdivision abgeschlossen.

Stefan Borkert und Thomas Griesser Kym
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Beim Arbonia-Konzern sind die düsteren Zeiten Vergangenheit.

Beim Arbonia-Konzern sind die düsteren Zeiten Vergangenheit.

PD

Bei der Arbonia wird wieder Geld verdient. Der Umbau des Konzerns trägt nun Früchte. Das sieht man auch daran, dass CEO Alexander von Witzleben trotz Lieferengpässen und einem bereits doppelt so hohen Stahlpreis recht zuversichtlich in die Zukunft schaut. Die Marktmacht von Arbonia ist inzwischen so gross, dass das Unternehmen in Europa einen starken Einfluss auf die Preisbildung hat. Dadurch können Verteuerungen an die Kunden weitergegeben werden.

Das erste Halbjahr war unterdessen kein Spaziergang. Von Witzleben sagte an der Medien- und Analysteninformation vielmehr:

Alexander von Witzleben, Konzernchef und Verwaltungsratspräsident der Arbonia, hat den Gebäudezulieferer umgebaut und fit getrimmt.

Alexander von Witzleben, Konzernchef und Verwaltungsratspräsident der Arbonia, hat den Gebäudezulieferer umgebaut und fit getrimmt.

Bild: Benjamin Manser
«Das erste Semester war eine wilde Reise.»

Immerhin musste auch die Arbonia Anfang Jahr einen Hackerangriff verkraften. Und das, als die Geschäfte gerade so richtig zu laufen begonnen hatten. Zehn Tage lang sei die Produktion dadurch still gelegt worden, gibt er Auskunft. Allerdings konnten die Cyberkriminellen keine Firmendaten erbeuten und man habe auch kein Lösegeld bezahlt. Die Sicherheitssysteme hätten dichtgehalten, so von Witzleben. Dann gab es am Standort in Thüringen bei der Wertbau einen Grossbrand in der Lackiererei. Und schliesslich ist auch ein Werk in der Eifel von der Flutkatastrophe betroffen. Drei Tage lang stand die Produktion still. Von Witzleben:

«Es gab einen Stromausfall und die Mitarbeiter konnten gar nicht zur Arbeit gelangen.»

Trotz dieser Widrigkeiten blickt der Gebäudezulieferer aus Arbon auf ein «sehr erfolgreiches» erstes Halbjahr 2021 zurück. Der Umsatz der fortzuführenden Geschäfte Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik (HLK), Sanitär sowie Türen stieg im Vorjahresvergleich um fast ein Fünftel auf 589 Millionen Franken. Das Betriebsergebnis (Ebit) nahm von 15 Millionen auf 35 Millionen Franken zu, was die operative Marge auf 5,9 Prozent verdoppelt hat. All diese Werte liegen auch deutlich über den Zahlen des ersten Semesters 2019.

Von Witzleben nennt als Treiber die weiterhin gute Hochbautätigkeit als Folge tiefer Zinsen, Wohnraummangel und europaweiter Förderprogramme für den energetisch effizienten Neubau und für Altbausanierungen. Allein im grössten Arbonia-Markt Deutschland habe das Bundesamt für Wirtschaft bis Ende Mai 2021 dreimal so viele Fördergelder wie im Vorjahr bewilligt.

Arbonia hat sich kräftig gesteigert

in Millionen Franken, fortzuführende Geschäfte (ohne Fenster)
1. Hj. 2020 1. Hj. 2021 Veränd. in %
Umsatz 493 589 19,5
Betriebsergebnis 15 35 134,7
Konzernergebnis 6 24 299,7
Mitarbeiter 5780 5892 1,9

Akquisition eines deutschen Glasverarbeiters

Der Konzern sieht zudem seine Wettbewerbsposition weiter gestärkt. Die Investitionen der vergangenen Jahre in die Automatisierung, die Digitalisierung sowie die Wertschöpfungstiefe hätten die Voraussetzungen geschaffen, um auch während der Pandemie und des folgenden Aufschwungs Marktanteile in den zentraleuropäischen Absatzmärkten zu gewinnen und die Profitabilität weiter zu steigern.

Stichwort Wertschöpfungstiefe: Zusammen mit den Semesterzahlen gab Arbonia den Erwerb der deutschen Glasverarbeitungsgesellschaft Deggendorf mbH (GVG) bekannt. Mit diesem Zukauf könne die Geschäftseinheit Glaslösungen, die Produkte für die Türen und Duschkabinen der Arbonia herstellt, die Bearbeitung ihres wichtigsten Rohstoffs Glas in die eigenen Produktionsprozesse integrieren.

Verkauf der Division Fenster steht vor dem Abschluss

Verkäufer der GVG ist der französische Saint-Gobain-Konzern. Die Arbonia-Geschäftseinheit Glaslösungen ist die bisherige Division Sanitär, die seit 1. Juli 2021 in die Division Türen integriert ist. Der Vollzug des Erwerbs der GVG wird im laufenden dritten Quartal 2021 erwartet.

Auf gutem Weg sei mittlerweile der im Januar angekündigte Verkauf der Division Fenster mit 2500 Mitarbeitenden an die dänische Dovista-Gruppe. Der Vollzug dieser Transaktion werde in den nächsten Tagen erwartet. Alle zuständigen Wettbewerbsbehörden haben ihre Zustimmung erteilt. Ursprünglich war der Vollzug für das zweite Quartal 2021 in Aussicht gestellt gewesen.

Thurgauer RWD Schlatter mit «guter Auftragslage»

Ein beträchtlicher Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Fensterdivision, durch den der Arbonia liquide Mittel in Höhe von mehr als 350 Millionen Franken zufliessen, wurde und wird in die zur Weiterentwicklung der Divisionen HLK und Türen investiert. Bereits bekannt sind neben dem Erwerb der GVG der Ausbau der Wärmepumpenkapazität oder die Erweiterung der Kapazität des deutschen Türenwerks von Prüm um 40 Prozent. Aber nicht nur bei den beiden deutschen Türenfirmen Prüm und Garant steige der bereits schon historisch hohe Auftragsbestand täglich an, auch die Roggwiler RWD Schlatter, die auf Funktionstüren spezialisiert ist, erfreue sich einer guten Auftragslage im Objektgeschäft und im Handel.

Die Thurgauer Firma investiere weiter in die Wertschöpfungstiefe, indem sie unter anderem ihre Kompetenz in der Zargenfertigung intensiviere und plant, ein Lager- und Logistikgebäude am Standort Roggwil auszubauen. Dies ermögliche es RWD Schlatter, am Markt auch mit Fertigtüren aufzutreten. Zudem richtet RWD Schlatter einen Verkaufsstandort in Vevey am Genfersee ein.

Erwartungen übertroffen, Ausblick angehoben

Mit ihren Semesterzahlen hat die Arbonia die Erwartungen der Analysten übertroffen. Für das ganze Jahr 2021 rechnet das Unternehmen neu mit einem organischen Wachstum des Umsatzes von rund 8 Prozent (bisher 4 bis 5 Prozent) und einer betrieblichen Marge auf Stufe Ebitda von rund 11,5 Prozent. Bei der Marge sei die Reise noch nicht zu Ende, ist sich Konzernchef von Witzleben sicher.

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