ERHOLUNG
Ostschweizer Industrie spürt den Mangel bei Rohstoffen – doch mit dem Aufschwung kommt auch der Fachkräftemangel zurück

In der Pandemie fehlten vielen Firmen die Aufträge. Doch der Wind hat gedreht. Mit dem Aufschwung kommen nicht nur die Bestellungen zurück. In der neusten Corona-Umfrage der IHK St.Gallen-Appenzell beklagen die Unternehmen wieder den Fachkräftemangel.

Kaspar Enz
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Mit der Erholung in Asien und den USA wurden Frachtcontainer Mangelware.

Mit der Erholung in Asien und den USA wurden Frachtcontainer Mangelware.

Bild: Getty

«Das Blatt hat sich gewendet», sagt Alessandro Sgro. Seit letztem Frühling befragt der Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell Ostschweizer Unternehmen danach, welche Erschwernisse sie durch die Coronapandemie spüren. «Lange waren es die Zeichen einer starken wirtschaftlichen Krise», sagt er: Die Unternehmen der Region hatten zu wenig Aufträge und Bestellungen, dafür zu viel Personal, manchen Firmen machten die Grenzschliessungen Sorgen.

Lieferketten stocken

In der jüngsten Umfrage, die Ende Mai durchgeführt wurde, tönte es anders. Zuoberst auf der Liste der Erschwernisse standen die stark gestiegenen Rohstoffpreise. Engpässe und Unterbrüche in den Lieferketten waren zwar schon zu Beginn der Pandemie ein Problem, gerade als in China alles stillstand. Doch so schlimm wie jetzt war es nie.

«Was wir jetzt sehen sind die Folgen des globalen wirtschaftlichen Aufschwungs.»

Ein Aufschwung, der beinahe zu schnell geht. «Aktuell übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem», sagt der IHK-Ökonom. Bis sich die Lieferketten wieder eingependelt haben, dürfte es noch einige Monate dauern. Dass sich die Erschwernisse bald verflüchtigen, glauben die Ostschweizer Unternehmen nicht. Nur noch 35 Prozent glauben, dass die wirtschaftlichen Herausforderungen innerhalb von sechs Monaten ganz abklingen. Im Januar waren es noch 45 Prozent, die damit rechneten, dass die Auswirkungen bald kaum mehr zu spüren seien. «Damals rechneten die Unternehmen aber mit ganz anderen Erschwernissen.»

Grafik: IHK

Lageraufbau verschärft Engpässe

Die Preisaufschläge und Engpässe betreffen vor allem Rohstoffe wie Stahl, Holz und Kunststoffe sowie Chips für elektronische Geräte. «Bevor sich die Lage entspannt, könnte sie sich nochmals verschärfen», sagt Alessandro Sgro. Grund für die Engpässe war erst der Aufschwung Asiens. Der begann, als China aus der Coronakrise kam. Dann kam die Erholung in den USA. «Nun kommen auch aus Europa Zeichen der Erholung.» Um ihre Aufträge bewältigen zu können, wollen 40 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lager füllen. «Das könnte zu weiter steigenden Rohstoffpreisen und sich verschärfenden Lieferengpässen führen.» Ob die höheren Preise auch die Konsumenten erreichen, sei derzeit unklar. Eine ausufernde Inflation sieht Sgro jedenfalls nicht.

Unternehmen überdenken Lieferketten

IHK-Ökonom Alessandro Sgro.

IHK-Ökonom Alessandro Sgro.

Die Engpässe könnten so nicht nur die Bearbeitung von Aufträgen verzögern, sie könnten auch die Unternehmensergebnisse trüben. Um solchen Problemen künftig ausweichen zu können, denken viele Unternehmen daran, ihre Lieferketten umzubauen, wie die Umfrage zeigt. «Viele Firmen wollen in Zukunft auf mehrere Wege setzen, wie sie zu ihren Vorprodukten kommen.» Sie setzen auf mehrere Lieferanten aus verschiedenen Regionen. «Auch Lieferanten aus dem Inland oder Europa gewinnen wieder an Bedeutung», sagt Alessandro Sgro.

Firmen wollen Personal ausbauen

Der Aufschwung führt aber auch zu einer deutlichen Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Im Vergleich zur Umfrage vom Januar 2021 ist der Anteil der Unternehmen, die nicht mit Kündigungen rechnen, sprunghaft auf 80 Prozent angestiegen. Nicht nur das. Generell plant über ein Viertel der befragten Firmen einen Personalausbau.

Damit gewinnt ein Problem wieder an Bedeutung, das während der Pandemie beinahe vergessen ging: Der Fachkräftemangel. 17 Prozent der befragten Unternehmen beurteilen den Fachkräftemangel in ihrer Branche bereits wieder als «sehr hoch», für 57,1 Prozent ist er «eher hoch». Gesucht seien Spezialisten für die Industrie und «wissensintensive Berufe im Dienstleistungsbereich».

Corona führte nicht zum Abbau von Lehrstellen

Immerhin versuchen die Unternehmen auch hier, für die Zukunft vorzusorgen. Die Befürchtung, dass die Pandemie zu weniger Lehrstellen und geringeren Chancen für Lehrlinge führen könnte, scheint sich nicht zu bewahrheiten. «Das ist sehr positiv», sagt Sgro. Nur 5,7 Prozent der befragten Unternehmen haben weniger Lehrstellen als im Vorjahr. Bei knapp acht Prozent ist die Zahl höher. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Weiterbeschäftigung der Lehrabgänger. 64,8 Prozent von ihnen haben bereits eine Anschlusslösung in ihrem Betrieb.