Industrie
Bester Kunde trotz Zerfall: General Electric zahlte Bankern total 7,2 Milliarden

Der Konzern General Electric gab auch im Niedergang am meisten aus für Beratungen von Investmentbankern.

Niklaus Vontobel
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In der Krise trotz teurer Beratung: General Electric.

In der Krise trotz teurer Beratung: General Electric.

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General Electric bleibt nur die Aufspaltung. Aus dem Industriekonzern werden drei eigenständige Unternehmen, wie diese Woche bekannt wurde. Damit wird eine Geschichte fortgeschrieben: vom spektakulären Fall einer Ikone aus den höchsten Sphären der Wirtschaft. Und in dieser Geschichte hat sich allerhand angesammelt: Kurioses, Abstruses und Monströses.

Inmitten des Niedergangs hat sich GE ausgiebig beraten lassen. Der Konzern war seit der Jahrtausendwende der beste Firmenkunde überhaupt, den die Investmentbanker von der Wall Street hatten. Gemäss «Financial Times» bezahlte GE insgesamt 7,2 Milliarden Dollar an Gebühren. Allein 2,3 Milliarden hat man ausgegeben, um sich bei Übernahmen beraten zu lassen. Mehr lässt sich niemand die Services der Investmentbanker kosten.

In der Industrie hat der Autokonzern General Motors die zweithöchsten Ausgaben, bleibt mit 3,8 Milliarden aber weit zurück. Die Nähe von GE zu den Banken ist altbekannt. Vor Jahren schon hat die New York Times geschrieben, GE sei für die Banker «goldene Gans» und «Gebühren-Liebling».

Hinter den Milliarden steht eine Firmenkultur des hektischen Dealmakings. So hatten es die GE-Manager beim Übervater Jack Welch gelernt. Das Motto des langjährigen Chefs war: «Fix it, sell it or close it.» Was er nicht in zwei Jahren flicken konnte, verkaufte er oder schloss es.

Einst wurde GE dafür gefeiert. Seine Manager galten als die besten, ihre Methoden als beispielhaft. So schien es nur folgerichtig, dass GE überall mitmischte: in Medien und Gesundheit, Industrie und Finanzen. Unter den Händen der GE-Manager wurde alles zu Gold.

Am meisten respektiertes Unternehmen der Welt

Um die Jahrtausendwende wird GE von allen bewundert. Kein Konzern auf der Welt ist wertvoller. Der Börsenwert betrug 600 Milliarden Dollar. Die ­«Financial Times» und der Unternehmensberater «Pricewaterhouse Coopers» ernennen GE zum «am meisten re­spektierten Unternehmen der Welt» – und das gleich sieben Jahre nacheinander.

Sein damaliger Chef Welch war für das «Fortune Magazine» gar «Manager des Jahrhunderts». Die Ratingagenturen himmelten GE bedingungslos an. Sie vergeben ein «Triple A» – dasselbe Rating wie der Regierung der USA.

Heutzutage gibt es für GE viel Spott. «Man ist seit 20 Jahren auf einer Einkaufstour mit katastrophalen Ergebnissen», so ein Finanzprofessor zur ­«Financial Times». Ein Analyst kommentiert: «Blinde Chefs, ein Verwaltungsrat voller Cheerleader – und ein Haufen Berater, die um jeden Preis den nächsten Deal machen wollten.»

Das viel bewunderte GE gibt es nicht länger. Doch eine Konstante blieb: Exorbitante Löhne für die Firmenchefs. Als sich Welch aufs Rententeil zurückzog, erhielt er ein Paket über 417 Millionen. Sein Nachfolger Jeffrey Immelt kassierte über 200 Millionen in 16 Jahren an der Spitze.

Und nun Culp. Sein Bonuspaket könnte ihm total 232 Millionen Dollar eintragen. Es überlebt selbst das Ende von GE als Konglomerat. Laut Bloomberg läuft es weiter, wenn dereinst drei Unternehmen an der Börse sind. Je besser ihr Aktienkurs verläuft, desto grösser der Zahltag von Culp.

Dem Megabonus von Culp konnte selbst Corona nichts anhaben. Eigentlich war es in der Pandemie weit in die Ferne gerückt: das Kursziel, über das Culp die GE-Aktie hätte hieven müssen. Doch der Verwaltungsrat hielt seine schützende Hand über seinen Firmenchef. Er halbierte das Kursziel.

Da konnten die Aktionäre zu 58 Prozent dagegen sein an einer Generalversammlung. Es half nicht. Die Abstimmung war nicht bindend. Culp kann den Jackpot noch knacken. Bisher hat ihm sein Bonuspaket schon 124 Millionen Dollar eingetragen.

Ein letzter hochgradig strategischer Deal

Dabei erlebt GE eine gewaltige Vernichtung von Jobs und Vermögen. Der Konzern ist noch 120 Milliarden wert. 80 Prozent seines Börsenwertes von der Jahrtausendwende haben sich in Luft aufgelöst. Unter Culp gab es keine echte Wende, auch wenn die Börse boomte. Schwindelerregend ist Zahl der Jobs, die GE verloren hat. In drei Jahren ganze 140'000 Stellen.

Der Niedergang wurde entscheidend beschleunigt durch einen Deal im Jahr 2015. Damals kaufte GE vom französischen Konzern Alstom dessen Sparte mit Gasturbinen für 10 Milliarden. In der Schweiz wechselten über 5000 Mitarbeitende den Arbeitgeber. «Hochgradig ­strategisch» sei der Deal, lobten die GE-Chefs sich gleich selbst. Sie hatten sich für viel Geld ­beraten lassen von Topbankern, darunter laut «Financial Times» auch solche von der Credit Suisse.

Nur drei Jahre später schrieb GE seinen Kauf ab – auf null. Es arbeiteten Tausende in diesem Geschäft, doch in den Finanzbüchern waren sie ein Nonvaleur. Die Nachfrage nach Gasturbinen war kollabiert. Ein altgedienter Analyst staunte über «den ungewöhnlichsten Deal, den ich je gesehen habe».

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