Indien will China überholen

Indien wird seit langem der Aufstieg als wirtschaftliche Supermacht vorhergesagt. Wirtschaftsvertreter am WEF in Davos schätzen ein, ob der neue Regierungschef Narendra Modi die Erwartungen erfüllen kann.

Urs Fitze
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Die wirtschaftlichen Hoffnungen ruhen auf Regierungschef Narendra Modi. (Bild: ap/Yirmiyan Arthur)

Die wirtschaftlichen Hoffnungen ruhen auf Regierungschef Narendra Modi. (Bild: ap/Yirmiyan Arthur)

DAVOS. So schnell dreht der Wind: Noch vor einem Jahr galt Indien als hoffnungsloser Fall. Jetzt herrscht eine geradezu euphorische Stimmung. Dazwischen liegt der Wahlsieg einer betont wirtschaftsfreundlichen Regierung unter Führung des geläuterten Hindu-Nationalisten Narendra Modi. Doch: Ist die Euphorie berechtigt?

Vineet Nayyar, Verwaltungsratspräsident des Softwarekonzerns Tech Mahindra, bleibt zurückhaltend. «Die Euphorie spiegelt vor allem die riesigen Erwartungen. Es ist sicher noch zu früh für ein abschliessendes Urteil, aber die ersten Reformschritte weisen in die richtige Richtung.» Namentlich die Öffnung von bislang für ausländische Investitionen gesperrte Branchen sei ein Signal, aber auch die seit Jahren angekündigte, aber nie verwirklichte Steuerreform. Die Auswirkungen auf dem Häusermarkt seien schon spürbar, sagt Anuj Puri, Landeschef des Immobilienkonzerns Jones Lang LaSalle. «Das Interesse ausländischer Investoren ist riesig. Sie haben offensichtlich nur darauf gewartet.» Tatsächlich seien die Renditen gerade von Geschäftsliegenschaften höher als in vielen Industriestaaten.

Wähler stützen den Reformkurs

Was will die Regierung anders machen als ihre Vorgänger, deren Reformversprechen vor zehn Jahren eine ähnliche Euphorie ausgelöst hatten? Finanzminister Arun Jaitley sieht einen entscheidenden Unterschied. «Wir haben uns im letzten Jahrzehnt als ganze Gesellschaft im Kern nur Verteilkämpfe geliefert und die dringend nötigen strukturellen Reformen sträflich vernachlässigt.» Jetzt sei die Ausgangslage um einiges besser. «Die Wählerschaft stützt mit deutlicher Mehrheit jene Kräfte, welche die Reformen voranbringen wollen. Das ist unsere historische Chance.»

Indien kann China ablösen

Für Nouriel Roubini, der 2006 vor den Folgen einer Immobilienkrise in den USA gewarnt hatte, stehen die Chancen Indiens gut, China als Wachstumslokomotive abzulösen – «allerdings von einem viel tieferen Niveau aus». Dazu werde es weit radikalere Reformen brauchen als jene, die bereits aufgegleist sind, namentlich im Steuersystem und in der Bekämpfung von Korruption.

Erste Fortschritte liessen sich erkennen, sagt Anuj Puri. «Auf den Chefetagen der Verwaltung sind die Töne viel leiser geworden, hier wartet man ab und will nicht am eigenen Stuhl sägen.» Offensichtlich hätte eine Ansage von Premier Modi Wirkung gezeigt, der verlangt hatte, die Beamten sollten zuerst etwas leisten, bevor sie Golf spielen – und nicht umgekehrt. So dürfe man hoffen, dass die langen Bearbeitungszeiten für Baugesuche sich auf die von der Regierung versprochenen 45 Tage reduzieren liessen. Gewonnen sei diese Schlacht noch lange nicht. «Die indische Bürokratie hat sich bislang gegenüber allen Reformbemühungen als resistent erwiesen – ein schwieriges Erbe der Kolonialzeit.»

Schwierige Armutsbekämpfung

Entscheidend dürfte sein, ob es gelingt, die Schere zwischen reich und arm zu schliessen. 200 Millionen Menschen leben an der Schwelle zum Hunger, Hunderte Millionen haben keine Perspektive. «Indiens Software-Industrie ist hoch entwickelt. Was wir brauchen, sind Fabriken, die es vor allem jungen Leuten mit geringen Qualifikationen ermöglichen, eine Arbeit zu finden», sagt Vineet Nayyar. Hier hinke Indien China um Jahrzehnte hinterher. «Unsere Chance ist das geringere Lohnniveau. Wenn die Regierung jetzt für ein investitionsfreundliches Klima sorgt, könnte es klappen. Dann ist auch eine Verdoppelung unseres Wachstums auf zehn Prozent möglich.»

Nouriel Roubini sieht die Perspektive, aber auch die Gefahr. «Der technische Fortschritt geht weiter. Schon bald werden Roboterstimmen jene aus indischen Callcentern ablösen, und viele Fabriken werden vollautomatisch laufen.»