In der Bildung früh ansetzen

Kleine Eingriffe sollen helfen, den Fachkräftemangel in den naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten Berufen zu verringern, so eine Erkenntnis des jüngsten Bodensee-Wirtschaftsforums.

Martin Sinzig
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(V. l.) Reto Föllmi, Edgar G. Sidamgrotzki und Gerald Eisenkopf am Bodensee-Wirtschaftsform des Thurgauer Wirtschaftsinstituts. (Bild: Reto Martin)

(V. l.) Reto Föllmi, Edgar G. Sidamgrotzki und Gerald Eisenkopf am Bodensee-Wirtschaftsform des Thurgauer Wirtschaftsinstituts. (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. «Zukunft der Arbeit» lautete der Titel der Vorabendveranstaltung, die vom Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI), einem An-Institut der Universität Konstanz, ausgerichtet wurde. Drei Vertreter aus der Forschung und aus dem staatlichen Sektor skizzierten unter der Leitung von Stefan Borkert, Wirtschaftsredaktor des St. Galler Tagblatts, ihre Vorstellungen.

Marktfehler bei Mint-Berufen

Gerald Eisenkopf, Juniorprofessor für Personalökonomik an der Universität Konstanz, ortete bei Angebot und Nachfrage nach den sogenannten Mint-Berufen – sie betreffen die Fachbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – Anzeichen für Marktfehler.

Entscheidungen reagierten, trotz des Reallohnwachstums, nicht auf die Marktsignale, erläuterte der Forscher. Unter anderem würden grundsätzliche Bildungsentscheidungen bereits sehr früh getroffen, oder die Vorlieben hingen vom Geschlecht und der Sozialisierung ab. Zwar reagierten Migrationsbewegungen auf den Fachkräftebedarf, doch es bestünden Integrationsprobleme verschiedenster Art. Trotz dieser Herausforderung gebe es wenig Ansatzpunkte für grundlegende und kostenintensive Bildungsreformen, schloss Eisenkopf aus seinen Forschungen am TWI. Verbesserungsmöglichkeiten sieht er etwa im geschlechtergetrennten Unterricht oder im stärkeren Gewicht auf kooperatives Lernen, zum Beispiel in der Unterstützung von Lerngruppen. Vor allem aber gelte es, in der frühen Bildung anzusetzen, machte der Bildungsforscher deutlich. Lehrer und Eltern seien ins Boot zu holen, und Unternehmen mit Fachkräftebedarf sollten enger mit Schulen kooperieren.

Die Perspektiven des Schweizer Arbeitsmarktes illustrierte Reto Föllmi, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität St. Gallen. Er stellte für die jüngste Vergangenheit leicht steigende Beschäftigungsquoten, einen Rückgang der Arbeitszeit und eine stürmisch wachsende Gesamtbeschäftigung fest. Neue Stellen würden gegenwärtig hauptsächlich im Dienstleistungssektor, insbesondere im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung, geschaffen. Für die Beschäftigung würden kurzfristig die Entwicklung der EU und die Geldpolitik zentral bleiben. Eher beschleunigen als verlangsamen werde sich der Strukturwandel angesichts der Globalisierung, doch der technische Fortschritt und die internationale Arbeitsteilung machten Reallohngewinne erst möglich.

Bildung muss ankommen

Die vermehrte Zuwanderung in einem globalisierten Arbeitsmarkt sei Tatsache, hielt Edgar G. Sidamgrotzki fest, der Chef des Thurgauer Amts für Wirtschaft und Arbeit. Der Kampf um qualifizierte Arbeitskräfte werde hohe Kosten verursachen und sich akzentuieren. Dennoch solle der Staat nur soviel wie nötig regulieren, nicht zu stark eingreifen. Er könne temporär überbrücken, zum Beispiel im Rahmen der Arbeitslosenversicherung. Bildung schliesslich habe nur dann eine Wirkung, wenn sie beim Menschen ankomme, Kopf, Herz und Hand zu erfassen vermöge, sagte Sidamgrotzki.

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