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In Australien herrscht China-Panik

Über 30 Prozent der australischen Exporte gehen nach China. Diese fundamentale Abhängigkeit von einem einzigen Abnehmer macht die Märkte nervös. Diese Abhängigkeit geht weit über die Rohstoffe hinaus bis ins Bildungswesen.
Urs Wälterlin
Eisenerzpulver aus Australien wird in China abgeladen. Nach dem Rohstoffboom sind die Preise inzwischen auf rasanter Talfahrt. (Bild: epa/Geno Zhou)

Eisenerzpulver aus Australien wird in China abgeladen. Nach dem Rohstoffboom sind die Preise inzwischen auf rasanter Talfahrt. (Bild: epa/Geno Zhou)

SYDNEY. Kaum ein Land ist mehr von China abhängig als Australien. Australische Analysten und Kommentatoren sprechen deshalb derzeit schon von China-Panik. Kaum ein Land hat mehr zu befürchten, wenn das wirtschaftliche Wachstum beim wichtigsten Exportpartner weiter abflacht. Denn das bedeutet auch weniger Bautätigkeit, und damit weniger Bedarf an Stahl. Damit schwindet die Nachfrage nach Eisenerz und Kohle, zwei der wichtigsten Exportprodukte Australiens. Der australische Dollar, für viele Händler eine Rohstoffwährung, widerspiegelt den Trend seit langem. Gegenüber der US-Währung ist der Aussie im Verlauf von 12 Monaten von 82 US-Cents auf 70 US-Cents gefallen. Seit Jahresbeginn marschieren Anleger auch an der australischen Börse in Richtung Ausgang. Der Markt hat bereits umgerechnet 65 Mrd. € an Wert verloren.

Schlimmster Jahresbeginn

Sogar Rohstoff-Blue-Chips wie Rio Tinto und BHP Billiton – jahrelang Favoriten von Fondsmanagern rund um den Globus – spüren das. Kleinere Ressourcentitel werden in diesen Tagen zu Abschreibern. Die Angst hat sich längst in den Dienstleistungssektor gefressen. Bankenaktien etwa, unter ihnen ANZ, National Australia Bank und Commonwealth Bank, tendieren deutlich nach unten. «Es ist der schlimmste Jahresbeginn der Geschichte», sagt Damien Boey, Aktienstratege bei Credit Suisse. Er spricht von einem unglaublichen Makrorisiko, das Anleger verunsichere. Noch vor drei Jahren hatten Politiker von einem Jahrhundertboom in China gesprochen. Das Land werde für jeden seiner Bürger eine Wohnung bauen und dazu Stadien und Eisenbahnen, so offizielle Prognosen, und zwar mit Stahl aus australischem Eisenerz. China konnte nicht genug Rohstoffe bekommen. Australische Förderer feierten Rekordpreise, Anleger saftige Kursgewinne und Dividenden. Doch dann erkannte Peking, dass es zu viele Wohnungen gebaut hatte, und zog die Wachstumsbremse. Der Rückgang der Nachfrage hat seither dramatische Folgen für die Preise von Eisenerz und Kohle. Kumpel in australischen Minen, vor kurzem noch besser entlohnt als ein Arzt oder Rechtsanwalt, wurden auf die Strasse gestellt. Minen mussten schliessen, weil die Förderkosten den Verkaufspreis überstiegen, und das, obwohl die Australier zu den effizientesten Produzenten der Welt gehören. Nur die grössten Unternehmen können im heutigen Preisklima noch profitabel baggern.

Nicht, dass es keine Warner gegeben hatte. Kein Boom dauere ewig, erinnerten Wirtschaftskommentatoren wie Lindsay David. Man solle Geld aus dem Rohstoffboom zurückstellen für schlechtere Zeiten, etwa in Infrastruktur investieren, Bildung, oder in einen Staatsfonds, forderten andere. Aber Regierungen jeder politischen Couleur hatten dafür kein Gehör. Die Förderbänder in den Minen ratterten auf Hochtouren, rund um die Uhr, während australische Unternehmenschefs und Politiker in China auf neue Verträge anstiessen. Gingen 1989 noch 2,5% aller Exporte nach China und 15,9% in die EU, ist China heute mit 32,2% der Ausfuhren der mit Abstand grösste Abnehmer australischer Waren und Dienstleistungen. Der Anteil der EU ist auf gerade mal 5% zusammengeschrumpft. Eine attraktive Situation, solange alles gutgeht. Der Internationale Währungsfonds hatte schon 2013 vor den Folgen dieser Abhängigkeit gewarnt. Nur die Wirtschaft der Mongolei werde stärker leiden als die Australiens, wenn das Wachstum Chinas im Verlauf der nächsten Dekade von durchschnittlich 10% auf 7,5% abflache.

Abhängigkeit geht tiefer

Die Situation ist für Australien heute auch so prekär, weil das Wachstum Chinas immer weniger auf dem Ausbau der Infrastruktur basiert, sondern der Expansion des weniger rohstoffhungrigen Dienstleistungssektors. Zudem geht die wirtschaftliche Abhängigkeit Australiens weit über Mineralien hinaus. Der Immobilienmarkt in Städten wie Sydney und Melbourne wird zum Teil von wohlhabenden chinesischen Investoren dominiert. Die Preise für Wohnimmobilien sind derart gestiegen, dass sich Einheimische heute oft bis unters Dach verschulden müssen, wenn sie ein Eigenheim kaufen wollen.

Das Platzen einer «massiven, von Schulden finanzierten spekulativ getriebenen Immobilienblase» sei nur eine Frage der Zeit sagen Warner wie Lindsay David. Doch auch in der Bildung, nach der Rohstoffindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige, sind die Chinesen längst unverzichtbar geworden. Kleinere Universitäten halten sich dank Gebühren wohlhabender chinesischer Studenten über Wasser. Und die Zahl chinesischer Touristen in Australien hat soeben die Millionengrenze überstiegen. Touristen beschäftigen direkt und indirekt Hunderttausende Australier – solange sie kommen.

Wenige Optimisten

Die Warnung von Albert Edwards, Chefstratege von Société Générale, die Welt stehe vor einer neuen Finanzkrise, hat die Nervosität in Australien weiter angeheizt. In einem solchen Klima unter Fondsmanagern noch Optimisten zu finden ist schwierig. Eine Ausnahme macht die australische Macquarie. Trotz der Risiken werde die australische Börse 2016 behutsam höher abschliessen, heisst es bei der Bank. Sie erwartet eine Verbesserung des Binnenwachstums durch verstärktes Anlegervertrauen. Ausserdem werde die schwächere Währung das Wachstum anheizen. Macquarie empfiehlt Börsenanlegern, sich auf Firmen mit einer nachhaltige Dividendenrendite zu konzentrieren, allen voran in den Sektoren Tourismus, Nahrungssicherheit und Verpackung.

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