«Immer komplexere Probleme»

Mit Stefan Pfister wird ein Ostschweizer neuer Chef der Prüfungs- und Beratungsfirma KPMG Schweiz. Im Interview spricht er über die steigenden Ansprüche seiner Kunden, deren Herausforderungen und die Rolle seines Unternehmens.

Thomas Griesser Kym
Drucken
Stefan Pfister, bald Chef von KPMG Schweiz. Die Prüfungs- und Beratungsfirma setzt 370 Mio. Franken um. (Bild: pd)

Stefan Pfister, bald Chef von KPMG Schweiz. Die Prüfungs- und Beratungsfirma setzt 370 Mio. Franken um. (Bild: pd)

Herr Pfister, Sie werden neuer Chef von KPMG Schweiz, im Zuge eines neuen Governance-Modells, bestehend aus einer zweistufigen Führung mit einem Verwaltungsrat und einer Geschäftsleitung. Wieso diese Änderung?

Stefan Pfister: Bisher wurde KPMG von einem geschäftsführenden Verwaltungsrat geleitet. Diese Geschäftsleitung hat Entscheide gefällt und diese selbst hinterfragt. Neu hinterfragen in einem zweiten Gremium Verwaltungsräte, die das Geschäft verstehen, die Entscheide der Geschäftsleitung. Das verbessert auch das System der checks and balances. Beispielsweise im Falle von Akquisitionen sprechen nun zwei Gremien mit statt nur eines.

Inwieweit tangiert das neue Führungsmodell die Belegschaft?

Pfister: Auf die Arbeit der Belegschaft hat das keinen direkten Einfluss. Schon eher auf das Verhältnis der Geschäftsleitung zu den Partnern, denen KPMG gehört. Diese profitieren von einem stärkeren Informationsfluss und erhöhter Transparenz.

KPMG ist im vergangenen Geschäftsjahr gewachsen und peilt weiteres Wachstum an. Woher rührt Ihre Zuversicht?

Pfister: Wir stellen fest, dass die Komplexität der Problemstellungen unserer Kunden zunimmt, und zwar in allen Branchen. KPMG hat den Vorteil, dass wir als grosse und diversifizierte Prüfungs- und Beratungsfirma die Themen Steuern, Recht, Wirtschaftsprüfung und Beratung aus einer Hand anbieten können. Komponenten aus dieser Palette bündeln wir zu Lösungspaketen, und so benötigen unsere Kunden nur eine Adresse.

Sie sind persönlich in der Ostschweiz verwurzelt. Liegt sie Ihnen deshalb auch beruflich am Herzen?

Pfister: Ich habe einen engen Bezug zur Ostschweizer Wirtschaft und pflege ein Netzwerk zu Unternehmen in dieser Region. Den Fussabdruck von KPMG in der Ostschweiz verstärken, ist eine meiner Absichten.

Sie sind 2005 zu KPMG gestossen. Was hat es gebraucht, um zum Chef aufzusteigen?

Pfister: Ein hohes Mass an Energie sowie Verständnis für die Abläufe und Zusammenhänge im Unternehmen. Ich habe zu Beginn bei KPMG eine kleine Einheit in der Immobilienindustrie aufgebaut und dann im Zweijahresrhythmus mehr und mehr Verantwortung erhalten.

Wie viele Stunden arbeiten Sie?

Pfister: Ungefähr 60 Stunden pro Woche – ohne Netzwerken. Da kommt dann das eine oder andere Gläschen Wein dazu.

Wie stellen Sie Ihre Work-Life-Balance sicher?

Pfister: Ich bin sehr gut organisiert und kann sehr effizient sein. Jeder Tag ist stark durchgeplant. Zum Glück kennt meine Frau das Geschäft und unterstützt mich. Ich schaffe mir auch Freiräume für Freizeit und Familie und suche einen Ausgleich im Sport, der bei mir Energien freisetzt.

Sie haben vorhin von immer komplexeren Problemen Ihrer Kunden gesprochen. Nennen Sie bitte ein konkretes Beispiel.

Pfister: Nehmen wir an, ein Unternehmen will wachsen und plant den Kauf eines anderen Unternehmens. Das erfordert eine Due Diligence, also eine vertiefte Buchprüfung beim Übernahmeobjekt. Das war schon immer so. Oft ist es aber so, dass ein Unternehmen nur einen Teil des anderen Betriebs erwerben respektive weiterführen will. Dann geht es heute darum, schon im Vorfeld aktiv mitzudenken und zu überlegen: Wie kann ein Spin-off über die Bühne gehen? Wie kann ein optimales Steuerkonstrukt aussehen? Gibt es Möglichkeiten, die Kapitalbindung zu reduzieren, beispielsweise indem Liegenschaften in ein separates Immobilienvehikel ausgegliedert werden? Das ist, abgesehen vom Kerngeschäft, das sich das Unternehmen sichern will, ein ganzer Rattenschwanz an Fragestellungen.

Wo sehen Sie denn die grössten Herausforderungen für Schweizer Unternehmen?

Pfister: Erstens in der Compliance, also im Einhalten von Vorschriften. Das gilt auch für internationale Standards, und das betrifft vor allem die Finanzdienstleister. Der Aufwand, allen Vorschriften zu entsprechen, ist riesig. Das übt einen gewaltigen Konsolidierungsdruck aus, vor allem auf Privatbanken. Zweitens die neue Unternehmenssteuerreform. Drittens Big Data, also den Umgang mit grossen Datenmengen, ihre Analyse und die Kunst, diese Daten für das Unternehmen nutzbar zu machen. Viertens die Datensicherheit. Und fünftens das Finden geeigneter Fachkräfte. Das spüren wir auch bei KPMG selber.

Weil Ihre Kunden zunehmend komplexere Probleme haben, brauchen auch Sie immer spezialisierte Fachkräfte?

Pfister: Ja. Es braucht spezifisches Know-how, um die Trends in der global vernetzten Welt zu verstehen. Fachkompetenz ist das A und O. Wir haben auch den Vorteil, dass wir auf das internationale KPMG-Netzwerk zurückgreifen können.

Was braucht ein Unternehmen, damit es im Kampf um die besten Talente gewinnen kann?

Pfister: Entscheidend ist, mit innovativen Arbeitsformen und -modellen aufzutreten. Unternehmen müssen sich als möglichst attraktive Arbeitgeber präsentieren. Dazu gehören etwa Jobsharing, Auslandaufenthalte, die Entwicklung von Karrieremöglichkeiten und so weiter.

Welche Rolle spielt KPMG in der Lösung des Steuerstreits im Rahmen des Programms der US-Behörden mit den Schweizer Banken?

Pfister: Wir sind bei einzelnen Aspekten direkt involviert, um Probleme der Banken zu lösen oder in Zusammenarbeit mit dem Regulator. Mehr darf ich dazu nicht sagen.

Wie wird der Steuerstreit enden?

Pfister: Es wird gut rauskommen. Aber es wird die Banken viel Geld kosten. Die involvierten Geldinstitute haben knapp eine Milliarde Franken zurückgestellt. Da wird noch einiges dazukommen.

Aktuelle Nachrichten