Im Reich der Päckli: Bei MS Direct herrscht in der Vorweihnachtszeit Hochbetrieb

In Wittenbach verarbeitet das St.Galler Familienunternehmen Bestellungen bei Betty Bossi und Co. Zu Besuch in einer Halle voller Kochbücher und Küchengeräte.

Thomas Griesser Kym
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Bei 26 Verpackungsgrössen gilt es die Übersicht zu bewahren: Mitarbeiterin von MS Direct.

Bei 26 Verpackungsgrössen gilt es die Übersicht zu bewahren: Mitarbeiterin von MS Direct.

Bild: Benjamin Manser (Wittenbach, 9. Dezember 2019)

Die MS Direct AG hat in jüngerer Zeit mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. Zum Beispiel, weil das St.Galler Unternehmen am Standort Arbon seit anderthalb Jahren für den Onlinehändler Zalando Retouren verarbeitet. Zunächst geriet MS Direct wegen Löhnen von 17 Franken pro Stunde in die Kritik, dann wurden aus Kreisen der Belegschaft Vorwürfe laut, es gebe harte Sanktionen selbst bei geringfügigen Fehlern.

Auch am Standort Muttenz, wo MS Direct unter anderem für Coop ein Callcenter betreibt, steht nicht alles zum Besten, glaubt man Angaben ehemaliger Beschäftigter in ­einem Artikel der Gewerkschaftszeitung «Work», den diese betitelte mit «Schimmel, Schikane und schäbige Löhne».

Netto ist nicht gleich brutto

MS Direct kontert. Rolf Kobelt, Teamleiter Marketing, tut dies am Standort Wittenbach, wo MS Direct für ein halbes Dutzend Kunden das Warenlager bewirtschaftet, Bestellungen bearbeitet und die Pakete für die Post versandfertig macht. Über die 17 Franken Stundenlohn sagt Kobelt, das sei der Nettolohn gewesen. Brutto waren es demnach 19.10 Franken – mehr als der vom Bundesrat festgelegte Mindestlohn von 18.25 Franken.

Und nach dem Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags (GAV) mit der Gewerkschaft Syndicom zahlt MS Direct ab Neujahr Mindestlöhne von 19.80 Franken für Einsteiger und von 20.52 Franken nach sechs Monaten. Zum Vergleich: Im Coiffeurgewerbe gilt für ungelernte Arbeitnehmende im ersten Berufsjahr ein Mindestlohn von 18.79 Franken.

Verpackungsmaterial: So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Bezüglich der angeblich rigorosen Fehlerkultur bei der Verarbeitung der Retouren in Arbon sagte Kobelt, schon im Oktober, die Mitarbeitenden «haben das etwas falsch mitbekommen – was mit daran gelegen habe, dass bei Beschäftigten aus 52 Nationen und oft mangelnder oder ganz fehlender Deutschkenntnisse interne Kommunikation nicht immer einfach sei. Es gehe um die Vermeidung grösserer, offensichtlicher Fehler, und man kontrolliere mit Augenmass. Und MS Direct bietet Gratis-Deutschkurse an.

Beim Besuch in Wittenbach präsentiert Kobelt MS Direct als verantwortungsbewussten und auf Nachhaltigkeit bedachten Arbeitgeber. Er führt durch die aufgeräumte Halle mit sauberen und hellen Arbeitsplätzen, an denen grossmehrheitlich Frauen tätig sind. Kobelt erwähnt drei Pausen pro Schicht, dass man Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen beschäftige und dass man bemüht sei, das Stopfmaterial in den Päckli auf ein Minimum zu reduzieren und dabei auf Kunststoff verzichte.

Die Weihnachtszeit bedeutet Arbeit in Hülle und Fülle

Weitaus grösster Kunde von MS Direct in Wittenbach ist Betty Bossi. Die Coop-Tochterfirma hat 1500 Artikel für ­Küche und Haushalt im Sortiment. In einer Ecke türmen sich Fritteusen, die gerade im Angebot sind. In der Halle sowie in zwei Aussenlagern sind 6500 Paletten mit Betty-Bossi-Utensilien parat, wie der Wittenbacher Standortleiter Yves Stannek sagt. «Jetzt haben wir Hochsaison und deshalb auf zwei Schichten aufgestockt, um alle Aufträge abfertigen zu können.»

Der Black Friday hatte das Weihnachtsgeschäft eingeläutet. In dieser Zeit sind die Bestellvolumen bis zu 50 Prozent höher als normalerweise, wie Stannek sagt. Aber auch zu Wochenbeginn und bei Aktionen, die es bei Betty Bossi einmal im Monat gibt, ist mehr los als üblich. Solchen Spitzen versucht MS Direct vor allem mit dem Beizug von Teilzeitkräften Herr zu werden.

«Der Lohn steigt dann, das passt.»

34 Festangestellte beschäftigt MS Direct in Wittenbach, 80 Prozent sind Frauen. In der ganzen Firmengruppe sind gut 1000 Angestellte tätig, davon 456 in der Logistik. Diese unterstehen ab Neujahr dem GAV. «Der Lohn steigt dann, das passt», sagt eine junge Frau, die seit sieben Jahren im Unternehmen arbeitet und gerade Kochbücher von Betty ­Bossi Kochbücher einpackt.

Das ständige Stehen bei der Arbeit sei streng, aber «man gewöhnt sich daran». Die Vorgabe laute, pro Stunde 50 bis 52 Päckli bereit zu machen, was gut zu schaffen sei, sobald man routiniert sei. Bei Anfängerinnen dagegen dauere es etwas, auch bis sie das Auge dafür haben, welche der 26 Verpackungsgrössen ideal ist für das Bestellte.

«Heute bestellt, morgen zugestellt» als Versprechen

Der Online-Versandhandel wächst nach wie vor ungebrochen. Rund 10 Prozent pro Jahr sind es laut Kobelt. Auch MS Direct in Wittenbach steuert auf einen Rekord zu. «Dieses Jahr werden wir 800000 Sendungen verarbeiten», sagt Stannek. Sein zweitgrösster Kunde ist die Stadtlandkind GmbH. Das St.Galler Unternehmen, vor gut sieben Jahren von zwei Ehepaaren gegründet, versteht sich laut Mitinhaber Tobias Zingg als Family Concept Store für nachhaltige Kindermode, Spielsachen, Schmuck, Möbel, Accessoires und Geschenke.

Artikel der St.Galler Firma Stadtlandkind, die bei MS Direct kommissioniert werden.

Artikel der St.Galler Firma Stadtlandkind, die bei MS Direct kommissioniert werden.


Bild: Benjamin Manser

«Wir haben klein begonnen und von Beginn weg mit MS Direct zusammengearbeitet», sagt Zingg. Er hat dem Unternehmen das gesamte Enterprise Resource Planing (ERP) anvertraut, auch wenn das «nicht die günstigste Lösung ist». MS Direct hat 6000 Artikel eingelagert, kommissioniert und verschickt sie. «Unsere Kunden sehen einzig unseren Onlineshop», sagt Zingg. «Aber im Hintergrund laufen enorme Prozesse ab.» Im Alleingang wäre das für Stadtlandkind mit acht Festangestellten sowie mit Freelancern kaum zu stemmen. «Unser Versprechen lautet, heute bestellt, morgen zugestellt. Dieses Versprechen zu halten ist das A und O», sagt Zingg.

Eine Flut an Stellenbewerbungen

Anders als Zalando stellt Stadtlandkind dem Kunden Versandkosten in Rechnung, hat dafür aber mit knapp 20 Prozent auch deutlich weniger Retouren als der Onlineriese. Die Flut unpassender Artikel, die zurückgeschickt werden, äussert sich am MS-Direct-Standort Arbon in zünftigem Wachstum. Innert Jahresfrist hat sich die Zahl der Beschäftigten auf 280 verdoppelt. Die Jobs, die zu 92 Prozent von Personen ohne abgeschlossene Ausbildung belegt sind, scheinen begehrt zu sein. Seit September 2017 hat MS Direct fast 3500 Bewerbungen erhalten, wie Sarah Brocchetto vom HR sagt. Stellen ausgeschrieben habe man nur einmal, und: «Wir führen eine lange Warteliste.»

Und was ist mit dem Standort Muttenz? MS Direct prüft juristische Schritte gegen die Unia-Gewerkschaftszeitung wegen «zahlreicher falscher Behauptungen» vor allem betreffend Löhnen. Was Kobelt einräumt, ist ein Wasserschaden im Gebäude, in dem MS Direct eingemietet war und der wiederholt aufbrach. Dieser sei «unangenehm» gewesen, schliesslich aber behoben worden.