Im Land der Optimisten

Stehen die USA vor einer kräftigen Erholung der Wirtschaft? Einige Anzeichen sprechen dafür. Allerdings ist die Zuversicht vor allem an der Börse gross. Viele Amerikaner sorgen sich weiterhin um ihre Arbeitsplätze und Häuser.

Thomas Spang
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Auf dem New Yorker Börsenparkett ist die Stimmung schon fast wieder so geschäftig wie in den Boomjahren. (Bild: ap/Richard Drew)

Auf dem New Yorker Börsenparkett ist die Stimmung schon fast wieder so geschäftig wie in den Boomjahren. (Bild: ap/Richard Drew)

Washington. Der Dow-Jones-Index hat in diesen Tagen die Marke von 11 000 Punkten übersprungen. Er legte damit gegenüber dem Tief vor dreizehn Monaten 77% zu. Gleichzeitig entdecken die amerikanischen Konsumenten ihre Spendierfreude wieder und haben im März 7,6% mehr ausgegeben als im Vorjahresmonat. Angetrieben von kräftigen Zuwächsen bei Automobilen, Kleidung und Möbeln – Waren, auf die sich in Krisenzeiten gut verzichten lässt. Allen voran erwacht der Finanzsektor zu neuem Leben. Die Grossbanken JP Morgan Chase, Bank of America und Citigroup weisen für das 1.

Quartal Milliardengewinne aus.

Angesichts der jüngsten Signale, die auf eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft hindeuten, überschlagen sich die US-Medien in Optimismus. «Amerika ist wieder da» titelt das Wochenmagazin «Newsweek» und widmet seine Titelgeschichte dem Aufschwung in den USA. Die Kollegen der «Businessweek» erklären in ihrem Aufmacher, «warum Obamas Plan funktioniert». Selbst das konservative «Wall Street Journal» kommt nicht daran vorbei, festzustellen: «Anzeichen deuten auf kräftigen Aufschwung hin».

«Es braucht Zeit»

Unabhängige US-Experten revidieren angesichts der jüngsten Statistiken ihre Wachstumserwartungen deutlich nach oben. Die Prognosen für das Plus beim Bruttoinlandprodukt schwanken nun zwischen 3,1% und 3,8% für das laufende Jahr. Mit Blick auf die anhaltend schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt jubelt Notenbankchef Ben Bernanke aber nicht mit. Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress sprach er vorsichtig von einer «moderaten Erholung».

Es werde «erhebliche Zeit brauchen», die 8,2 Mio. Stellen aufzuholen, die in der Rezession verlorengingen. So sieht es auch der Internationale Währungsfonds, der in seiner jüngsten Schätzung zwei weitere harte Jahre für den US-Arbeitsmarkt voraussagt.

Was erklärt, warum sich die Begeisterung an der Wall Street, nicht im Alltag der Amerikaner wiederfindet. Sie sehen die USA mehrheitlich weiterhin auf dem absteigenden Ast.

Die Zahl der wöchentlich neu Arbeitslosen bleibt hartnäckig bei 450 000 und führt zu einer Arbeitslosenquote von 9,7%. Ein weiterer Mühlstein um den Hals der US-Wirtschaft bleibt die Zahl der geplatzten Hypothekenkredite, die im vergangenen Quartal um 16% zulegten. Laut RealtyTrac bewegt sich die Zahl der Amerikaner, die ihre Häuser verloren, auf 1 Mio. zu. Damit fällt eine von 138 Immobilien zurück an die Banken.

Was droht langfristig?

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt und die noch immer nicht ausgestandene Immobilienkrise lassen Notenbankchef Bernanke «bedeutsame Behinderungen beim Tempo der Erholung» ausmachen. Und liefern die Begründung für eine anhaltend aggressive Geldpolitik. Gleichzeitig warnt Bernanke aber auch vor den langfristigen Konsequenzen des wachsenden Defizits. In diesem Jahr erreicht es mit 1500 Mrd. $ einen neuen Rekord. Ein Grossteil der neuen Schulden floss in das mächtige Konjunkturprogramm im Umfang von 787 Mrd.

$, die Finanzierung der Bankenrettung und die De-facto-Verstaatlichung der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sowie der amerikanischen Automobilindustrie.

US-Präsident Barack Obama kassierte für seine Politik reichlich Prügel. Der Linken ging das staatliche Intervenieren nicht weit genug, während die Rechte ihren Unmut via «Tea Party»-Proteste Luft macht. Obama widerstand in der Krise der Versuchung, Marktmechanismen gänzlich über Bord zu werfen.

Er liess Finanzminister Timothy Geithner freie Hand, das Finanzsystem mit technischen Eingriffen zu reparieren.

Während Wall-Street-Experten wie Stephen Stanley von Pierpont Securities in den US-Medien davor warnen, «die Stärke des Aufschwungs zu unterschätzen», bleibt die Skepsis berechtigt. Basieren die Kurssprünge an den Börsen doch auf relativ geringen Volumen und finanzieren die Konsumenten ihre neue Kauflust nach altem Muster.

Sehr schnell könnte sich die US-Wirtschaft wieder in der gleichen Spirale finden, die in die nachhaltigste Krise seit der Grossen Depression in den 30er-Jahren führte.