«Ich treffe sie auf Augenhöhe»

Seit bald einem Jahr hat die St. Galler Kantonalbank einen Nachfolgedesk. Dessen Leiter Stephan Egger ist kein Banker – gerade das schätzen jene Unternehmen aus der Region, die sich mit Fragen zur Nachfolgeregelung an ihn wenden.

Sabrina Dünnenberger
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Stephan Egger steht den regionalen Firmen als «Begleiter, Ermöglicher und Begeisterer» im Prozess der Nachfolgeregelung zur Seite. (Bild: Ralph Ribi)

Stephan Egger steht den regionalen Firmen als «Begleiter, Ermöglicher und Begeisterer» im Prozess der Nachfolgeregelung zur Seite. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Den Begriff Nachfolgeregelung mag Stephan Egger eigentlich nicht. «Es hört sich so abschliessend, gar etwas deprimierend an», sagt er. Egger spricht lieber davon, dass er Unternehmerinnen und Unternehmern für sie und ihre Firmen neue Perspektiven aufzeigt. «Schliesslich geht es um eine der wichtigsten strategischen Aufgaben», sagt Egger, «dabei spielen emotionale und psychologische Aspekte eine wichtige Rolle.» Perspektiven – dieses Wort fällt im Gespräch mit Stephan Egger häufig. Und sehr bald wird klar, dass er bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB) keine Position innehat, bei der er jede Aufgabe nach Schema F lösen kann. Denn wenn es nur darum ginge, Checklisten abzuarbeiten, wäre Stephan Egger wohl auch nicht bei der Bank tätig.

Von guter und schlechter Praxis

Der 60jährige Appenzeller ist nämlich vielmehr Unternehmer als Banker. Das zeigt auch der Blick in seinen Lebenslauf. Nach dem Ingenieurstudium verdiente er sich seine beruflichen Sporen beim Technologiekonzern ABB ab, wo er unter anderem in Taiwan Grossprojekte betreute. Nach einem weiteren Studium an der Universität St. Gallen sammelte Egger dann Erfahrungen in leitender Position bei Unternehmen aus der Region, darunter Huber + Suhner in Herisau, Spühl in Wittenbach, Happy in Gossau und Trunz in Arbon. Zuletzt leitete er das Kompetenzzentrum für strategisches Unternehmertum an der Fachhochschule St. Gallen. Zu Eggers reichem Erfahrungsschatz gehören viele Erlebnisse, die ihm heute zugute kommen, «best und bad practice» – gute und schlechte Praxis –, wie er sagt.

Emotionen am Kaminfeuer

Einige Nachfolgeregelungen hat der verheiratete Vater von zwei Kindern in seiner beruflichen Laufbahn selbst miterlebt. Trifft Egger also in seiner Funktion als Leiter Nachfolgedesk auf Unternehmer aus der Region, tut er dies «auf Augenhöhe». Er kennt die Sorgen und Nöte der Firmenchefs, weil er sie selbst ausgestanden hat. «Ich bin für die Kunden mehr als nur ein Berater», sagt Egger. Er sei «Begleiter, Ermöglicher und Begeisterer». Da kommt es schon einmal vor, dass sich Egger mit der ganzen Unternehmerfamilie abends zum Gespräch am Kaminfeuer treffe. «Emotionen müssen unbedingt Platz haben, wenn es darum geht zu entscheiden, wie es mit einem Unternehmen weitergeht», sagt Egger, der zum Abschalten in der Freizeit auch gerne mal am Hackbrett sitzt. Es gehe ja nicht nur um das Wie-weiter der Firma, «da geht es um Lebenskonzepte».

Die emotionale Trennung vom Unternehmen, die Bereitschaft loszulassen ist das eine, die Entwicklung neuer Lebensinhalte etwas anderes. Hat der Nachfolger erst das Ruder übernommen, ist es nicht unbedingt von Vorteil, wenn der ehemalige Chef dauernd in der Fabrikhalle steht und es besser weiss. Diese Prozesse seien hoch emotional. «Die fehlende Bereitschaft loszulassen oder unerkannte Erwartungen sind oft Gründe für Konflikte», sagt Egger. Diese aufzuspüren und zu lösen ist seine Aufgabe. Für fachspezifische Fragen von juristischer über treuhänderische bis zu steuerlicher Art zieht er jeweils Experten bei.

Kein Einzelkämpfer

Egger ist in seiner Funktion kein Einzelkämpfer. Er arbeitet eng mit Kundenberaterinnen und Kundenberatern zusammen, welche die eigentliche Schnittstelle zwischen Bank und Firmenkunden sind. Egger steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite und sieht sich «auch als Sparringpartner». Aber nicht als Troubleshooter. Denn auch von Fehlern spricht Egger nicht gerne. Er zitiert lieber ein Appenzeller Sprichwort: «Äs isch nüz asä schlächt, dass es nöd glich no fö näbis guät ischt» – es ist nichts so schlecht, als dass es nicht auch doch noch für etwas gut wäre. Ein hoffnungsvoller Optimist also? Er sehe sich als Visionär, der mit beiden Beinen auf dem Boden stehe, sagt Egger.

Unternehmen, die von seinen Erfahrungen und Ideen profitieren können, gibt es im Marktgebiet der SGKB genug. Egger spricht von rund 20 000 Firmen insgesamt, zwei Drittel davon hätten ihre Nachfolge noch nicht geregelt. Es gibt noch einiges zu tun.