Hypotheken so günstig wie nie

Die durchschnittlichen Zinsen auf Hypotheken sind wieder auf ein Rekordtief gesunken. Doch wer hat davon etwas?

Niklaus Vontobel
Drucken
Teilen
Wohneigentum bleibt günstig. (Bild: Pius Amrein)

Wohneigentum bleibt günstig. (Bild: Pius Amrein)

Das Allzeittief wurde bereits im Februar dieses Jahres erreicht. Damals verlangten die Banken durchschnittlich nur noch eine Zinszahlung von 1,33 Prozent pro Jahr, wenn ein Kunde für zehn Jahre einen Hypothekarkredit aufnehmen wollte. Damit wurde der bisherige Rekord vom September 2016 nochmals unterboten. Bei 1,34 Prozent lag damals der durchschnittliche Richtzins von über vierzig Banken, den der Vergleichsdienst Comparis erhebt. Zuletzt war dieser Durchschnittswert zwar leicht höher geklettert, auf 1,36 Prozent. Aber damit sind Hypotheken noch immer günstig wie nie.

Diese Rekordtiefen sind zurückzuführen auf eine Trendwende, die an sich unerfreulich ist. Im Herbst 2018 rechneten die globalen Finanzmärkte lange mit einem kräftigen Aufschwung in den USA und später in Europa. Die Löhne würden sich erhöhen, die Inflation anziehen – die Zentralbanken würden bremsen müssen, indem sie die Leitzinsen erhöhen und so das Aufnehmen von Schulden verteuern. In der Schweiz kletterten deshalb die Renditen von Staatsobligationen nach oben. Schulden aufnehmen wurde für den Bund wieder teuer. Doch dann verlangsamte sich der Wirtschaftsgang.

Mitte Oktober 2018 kamen die ersten Warnungen. Der Internationale Währungsfonds senkte seine Prognose für die globale Konjunktur deutlich. In der Schweiz brach die Wirtschaft ein. Im zweiten Quartal legte sie noch 0,7 Prozent zu, im dritten Quartal schrumpfte sie. 2019 wächst sie gemäss Prognosen deutlich schwächer als im Vorjahr. Die Zinsen auf Schweizer Staatsobligationen fingen Mitte Oktober an zu fallen, sechs Wochen später waren sie negativ. Heute zahlen Schuldner gerne einen Zins, um dem Staat ihr Geld leihen zu dürfen. Mehr oder weniger parallel zu dieser Entwicklung fielen die Zinsen auf Hypotheken. Eine Zinswende ist nirgends zu sehen.

Folgen für Mieter, Banken und Wohneigentümer

Einige der Auswirkungen lassen sich dem Immobilienbericht 2019 entnehmen, den die Grossbank Credit Suisse veröffentlicht hat. In Wohneigentum wird sich noch auf absehbare Zeit günstiger leben lassen als zur Miete. Zu den aktuellen Zinsen sind die Kosten im schweizerischen Mittel rund 18 Prozent geringer. Dabei ist alles miteingerechnet, etwa auch der Unterhalt. Wären die Zinsen hingegen gestiegen, zum Beispiel auf 2 Prozent, wäre Wohneigentum nur noch 3 Prozent günstiger als Miete.

Wohneigentum bleibt günstig – und viele junge Familie haben davon weiterhin nichts. Für viele ist ein Eigenheim unerschwinglich zu den heutigen Regeln, die die Banken bei der Vergabe von Hypotheken einhalten müssen. So haben die CS-Ökonomen errechnet, dass sich eine durchschnittliche junge Familie in knapp zwei Dritteln aller Regionen kein Eigenheim leisten kann. Gerade in Zentren oder in deren Nähe reiche ihr Einkommen nicht aus. Die Regeln verlangen etwa: eine Familie darf nicht über ein Drittel seines Einkommens ausgeben für die Hypothekarzinsen, wenn ein fiktiver Zins von 5 Prozent angenommen wird. CS-Ökonomen Fredy Hasenmaile sagt: «Die jungen Familien zahlen einen Preis für die Regulierung. Die Politik sollte diskutieren, ob sie das wirklich will.»

Auch für die Mieter haben die weiterhin tiefen Zinsen direkte Folgen. Wenn Staatsanleihen nichts abwerfen, lassen die Investoren weiterhin fleissig Wohnungen bauen. Auch 2018 wurden viele Baubewilligungen eingeholt: rund 40 Prozent mehr als im langfristigen Mittel. Damit kommt, so die CS-Ökonomen, schlicht zu viel auf den Markt: «Das Angebot ist strukturell zu hoch.» Die Zahl der leerstehenden Wohnungen werde somit weiter ansteigen. Womit die Mieter oftmals nicht schlecht leben, denn es wird um sie geworben. Bereits werden in rund 1 Prozent aller Inserate schon Vergünstigungen versprochen, meistens Mieterlässe.