HSBC orientiert sich nach Asien

Die grösste europäische Bank erwägt einen Umzug von Grossbritannien nach Hongkong. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze sollen wegfallen.

Sebastian Borger/London
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Die Grossbank HSBC erwägt die Verlagerung ihres Hauptsitzes von der City of London nach Hongkong. (Bild: ap/Kirsty Wigglesworth)

Die Grossbank HSBC erwägt die Verlagerung ihres Hauptsitzes von der City of London nach Hongkong. (Bild: ap/Kirsty Wigglesworth)

Die grösste Bank Europas versucht unter altem Management einen Neuanfang. Das in London ansässige Finanzhaus HSBC will bis 2017 bis zu 25 000 Stellen abbauen, was einem Zehntel der globalen Mitarbeiterzahl entspricht. Unprofitable Sparten wie die Investmentbank sollen reduziert, ganze Unternehmensteile in der Türkei und Brasilien verkauft werden. Die geplanten Verkäufe würden die Trennung von weiteren 25 000 Beschäftigten bedeuten. «Die Welt verändert sich. Wir müssen uns mit ihr verändern», sagte HSBC-Chef Stuart Gulliver. Spätestens bis Jahresende will die Bank auch entscheiden, ob sie ihren Konzernsitz von Grossbritannien nach Hongkong verlagert.

Neue Organisation – neuer Name?

Zu den bekanntgegebenen Kriterien, die über einen Umzug entscheiden sollen, zählt auch die Unterstützung der britischen Regierung für die Branche (siehe Text unten). Wie die Konkurrenz stöhnt auch HSBC über die milliardenschwere Bankensteuer Grossbritanniens. Zu den neuen Vorschriften auf der Insel gehört auch die strikte Trennung zwischen dem Investmentbanking und dem Geschäftsbankenbereich. HSBC hatte bereits im Frühjahr die Verlagerung des britischen Firmensitzes von London nach Birmingham bekanntgegeben. Den neuen Plänen zufolge soll die Bank dann auch unter anderem Namen fungieren, beispielsweise Midland. Dieses altehrwürdige Finanzhaus war von der HSBC 1992 gekauft und in den Konzern integriert worden. In Frage käme auch die Neuorganisation unter dem Namen First Direct, der bisher in Leeds ansässigen Telefon- und Internettochter.

«Wirklich traurig»

Von den derzeit 48 000 HSBC-Angestellten in Grossbritannien müssen rund 8000 um ihre Jobs bangen. Zudem dürften bis zu zehn Prozent der Filialen dem Sparprogramm zum Opfer fallen. Es sei «wirklich traurig, dass die harte Arbeit unserer Mitglieder, allen Skandalen zum Trotz, auf diese Weise belohnt wird», klagt Dominic Hook von der Gewerkschaft Unite.

Tatsächlich hat die zweitgrösste Bank der Welt schwierige Zeiten hinter sich. Erst Ende vergangener Woche bereinigte der Konzern durch eine Zahlung von 40 Millionen Franken eine Untersuchung der Genfer Staatsanwaltschaft. In der dortigen HSBC-Privatbank hatten Firmenangestellte jahrelang aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet. Damals liessen sich HSBC-Kunden regelmässig Millionensummen in bar ausbezahlen; die lokalen Banker sollen ungerührt auch dann geholfen haben, wenn an der Kriminalität des Handelns kaum Zweifel bestand. Durch die «inakzeptablen Vorkommnisse» sei dem Konzern «schwerer Rufschaden» entstanden, sagt Gulliver. Mittlerweile sei die Genfer Bank «völlig umgekrempelt». Die Strafzahlung beträgt 0,03 Prozent des Marktwertes von HSBC.

Lange Liste von Verfehlungen

Der Genfer Skandal ist das jüngste Beispiel in einer langen Liste krimineller oder unethischer Tätigkeiten, die von Angestellten der Bank in den vergangenen zwei Jahrzehnten begangen worden waren: Manipulation des Interbankenzinses Libor/Euribor sowie des Gold-, Silber- und Platinpreises; Manipulation im Devisenhandel; Geldwäscherei für mexikanische Drogenkartelle; Beihilfe zur Umgehung von Sanktionen gegen Iran. Zuletzt fand der Bankkonzern auch Erwähnung in jener Anklageschrift, mit der die US-Bundespolizei FBI dem Weltfussballverband Fifa wegen Korruption zu Leibe rückt.

Seit seinem Amtsantritt 2011 musste der aus dem eigenen Haus stammende Gulliver nicht nur manche Fehler seiner Vorgänger ausbügeln, sondern mehrfach auch allzu ehrgeizige eigene Gewinnziele korrigieren. Das lag nicht zuletzt an den Strafzahlungen an Aufsichtsbehörden und Gerichtskosten von insgesamt umgerechnet 10,3 Milliarden Franken. Allein für 2014 veranschlagte der Konzern Schadensersatz- und Strafzahlungen von 3,5 Milliarden. Im gleichen Zeitraum sank der Gewinn um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Eigenkapitalrendite lag bei 7,3 Prozent.

Der Chef wohnt schon in Hongkong

Die neue Strategie zielt auf einen zweistelligen Wert, um die unruhigen Aktionäre mit der Aussicht auf bessere Dividenden bei Laune zu halten. Der Verkauf der Unternehmenstöchter in Brasilien und der Türkei soll zwischen 3,7 und 4,7 Milliarden Franken einbringen, das zusätzliche Sparprogramm weitere 4,7 Milliarden im Jahr. Allerdings entstehen auch Einmalkosten von 3,7 Milliarden. Die grösste Ersparnis erhofft sich die HSBC von einer Reorganisation der Computersysteme im Konzern und der Verlagerung weiterer IT-Abteilungen nach Indien und China.

Von der Reduzierung des Investmentgeschäfts soll Asien weitgehend ausgespart bleiben. Die Rückkehr der vor 150 Jahren in Hongkong gegründeten Bank in die Heimatregion gilt in London als unausweichlich. Nicht zuletzt arbeitete der Brite Gulliver lange als Trader und Leiter der HSBC-Investmentbank in Hongkong. Dort hat er weiterhin seinen offiziellen Wohnsitz.

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