«Hotels ohne Mauern»

Theatercoup bei der französischen und europaweit führenden Hotelgruppe Accor. Der kritische Hauptaktionär ersetzt den Konzernchef, den er selber ausmanövriert hatte.

Stefan Brändle
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PARIS. Sie heissen Ibis, Mercure, Novotel, Pullman und Sofitel: 450 000 Zimmer in mehreren Hotelketten bilden zusammen den grössten Branchenkonzern Europas. Doch Accor ist ein Koloss mit tönernen Füssen, der 2012 einen Rekordverlust einfuhr. Mitte Woche kündigte er eine knappe Rückkehr in die Gewinnzone an. Der Halbjahresumsatz ging aber weiter um 0,9% zurück, der operative Gewinn um 6,4%.

Ein Sparplan jagt den anderen

Schuld sind nicht nur die zunehmenden Internetbuchungen, die allen Hoteliers zu schaffen machen. Accor ist auch zu stark auf Europa konzentriert, wo sich 70% seiner 2740 Hotels befinden, davon 52 in der Schweiz. Der bisherige Konzernchef Denis Hennequin versuchte verzweifelt, aber weitgehend vergeblich, in die Schwellenländer zu diversifizieren. Im April musste er den Hut nehmen. Sein Rücktritt ging auf das Konto von zwei aggressiven Investmentfonds, Colony Capital aus den USA und Eurazeo aus Frankreich, die zusammen 30% der Accor-Stimmrechte besitzen. Sie verlangen seit Jahren eine höhere Rentabilität. Die 160 000 Angestellten in 92 Ländern von Accor mussten Sparplan um Sparplan hinnehmen. In acht Jahren verschliss der Konzern zudem drei Chefs. Nach dem Abgang Hennequins blieb das Chefbüro vier Monate lang leer – Zeichen des unerbittlichen Machtkampfes zwischen der Direktion und den Aktionären.

Hotels physisch abstossen

Am Dienstag überraschte der Europachef von Colony Capital, der 51jährige Franzose Sébastien Bazin, Freund und Feind mit der Ankündigung, er werde selber die Leitung von Accor antreten. Der Finanzfuchs übernimmt damit selber den Hühnerstall, in dem er seit Jahren umgegangen war, wie Gewerkschafter und andere Kritiker meinen. Der französische Politiker Francis Chouat, ein landesweit bekannter Bürgermeister der Stadt Evry bei Paris, warf Colony noch diese Woche vor, Accor richtiggehend «auszuverkaufen» und eine gefährliche Politik der «Hotels ohne Mauern» zu betreiben.

Die Investmentfonds verlangen nämlich, dass der Konzern seine Hotels physisch abstösst und sich auf den Betrieb und auf touristische Dienstleistungen beschränkt. Damit könne Accor viel flexibler auf den rasanten Wandel des Marktes und neue Entwicklungen reagieren, behauptet Bazin seit langem.

Jetzt hat ihn der Verwaltungsrat von Accor zum neuen Konzernchef berufen, wo er selber unter Beweis stellen muss, dass seine Strategie schlüssig ist und das schlingernde Schiff wieder auf Kurs bringt. Accor-Manager, aber auch Analysten fragen sich aber, ob sich das Unternehmen nicht seiner Substanz beraube, wenn es seine Hotelgebäude, oft an bester Lage, systematisch veräusserte.