Hitze macht matt und mürbe

Ökonomen haben den Zusammenhang zwischen Bruttoinlandprodukt und Temperatur untersucht. Ihr Fazit: Der Klimawandel kann die Wirtschaftsleistung mindern.

Adrian Lobe
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Dürren werden häufig auch auf den Klimawandel zurückgeführt. Ihre Kosten sind oft höher als der reine Schaden des Ernteausfalls. (Bild: fotolia)

Dürren werden häufig auch auf den Klimawandel zurückgeführt. Ihre Kosten sind oft höher als der reine Schaden des Ernteausfalls. (Bild: fotolia)

Dass heisse Temperaturen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, haben viele Studien belegt. So zeigen etwa Langzeituntersuchungen von Zhiwei Lian und Li Lan, dass die Aufnahmekapazität und kognitiven Fähigkeiten linear mit steigender Temperatur abnehmen. Schon 10°C mehr senken die Arbeitsleistung um 30%. Doch wie verhält es sich auf volkswirtschaftlicher Ebene?

Die Ökonomen Marshall Burke, Solomon Hsiang und Edward Miguel von der Stanford University und der University of California haben Daten von 166 Ländern im Zeitraum von 1960 bis 2010 analysiert. Zunächst fällt auf, dass alle OECD-Industriestaaten ausser Mexiko in gemässigten respektive subtropischen Regionen liegen. Das einzige Land in den Tropen, welches das Wohlstandsniveau der OECD hat, ist der Stadtstaat Singapur. Alle anderen Staaten im Tropengürtel sind Schwellen- und Entwicklungsländer. Zufall oder nicht? Idealerweise würde man zwei identische Länder, von denen eines warm, das andere kalt ist, miteinander vergleichen. Da dies aber unmöglich ist, analysierten die Forscher jedes Land isoliert – einmal in wärmeren Perioden, einmal in kälteren. Dazu verglichen sie die mittlere Jahrestemperatur mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes.

Optimum bei 13 Grad Celsius

Ergebnis: Die Produktivität nimmt mit steigender Temperatur linear ab. Die Ökonomen leiten von dem Modell ab, dass die Wirtschaftsleistung bei 13°C ihr Optimum erreicht. Um diese Temperatur herum scharen sich die Volkswirtschaften Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens, der USA, Japans und Chinas. Das Modell erklärt, warum es nur in gemässigten Breiten hochentwickelte Industrienationen gibt. Ursachen des Rückstands der anderen Länder: steigende Energiekosten, Planungsfehler in der Infrastruktur wegen kognitiver Schwächen, Gesundheitsprobleme, mehr Konflikte.

Drei Viertel der Länder verlieren

Doch die Temperaturen bleiben nicht konstant. Durch den Klimawandel erwärmt sich die Erde laut Schätzungen des Weltklimarats IPCC um bis zu 4°C. Die Ökonomen legten diese Parameter ihrem Modell zugrunde und kommen zum Schluss, dass bis 2100 als Folge tieferer Produktivität 77% aller Länder gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ärmer werden. Das führt wiederum zu einem Verlust von 22% des Durchschnittseinkommens. Auf der gesamten Südhalbkugel kommt es laut Schätzungen der Ökonomen zu dramatischen Rückgängen des BIP. Die Folgen dürften für Entwicklungsländer verheerend sein. Aber auch China und die USA dürften schmerzhafte Wohlstandsverluste erleiden. Dagegen prognostizieren die Ökonomen in Kanada, Skandinavien und Russland signifikante Wohlstandsgewinne. Der Grund: In den polaren Regionen werden durch die Erderwärmung wertvolle Bodenschätze auftauen, deren Förderung billiger wird.

Mehr als reine Schäden

Das Verdienst der Studienautoren ist es, mit der Methode die Produktivitätsverluste zu aggregieren und auf die versteckten (Folge-)Kosten des Klimawandels hinzuweisen. Wir erleben bereits wirtschaftliche Folgen des Klimawandels: Dürren, Wirbelstürme, Hagel, Missernten. Doch was Forscher hierbei berechnen, sind häufig nur die Ausfallschäden. Ökonom Thomas Sterner schreibt in einem Begleitkommentar zu der Studie: Die «korrekten Kosten» etwa der Zerstörung eines Hauses durch einen Zyklon sind nicht die ursprünglichen Kosten des Hauses, sondern die Kosten der Wiederherstellung des alten Zustands. Und das kann unter Umständen viel teurer sein.