Hintergrund
«Die Industrie hat das Problem damals unterschätzt»: Kakao-Experte von Nestlé räumt Versäumnisse bei der Bekämpfung von Kinderarbeit ein

Nestlé, Barry Callebaut und weitere Lebensmittelkonzerne stehen in den USA wegen Kinderarbeit am Pranger. Wie gehen Schweizer Schokoladehersteller wie Lindt&Sprüngli oder Läderach damit um?

Gabriela Jordan
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Die Kakaopflanze ist für die Herstellung von Schokolade unabdingbar. In den letzten Jahren ist der Anteil von Kakao zu Gunsten von Zucker und Milch jedoch gesunken.

Die Kakaopflanze ist für die Herstellung von Schokolade unabdingbar. In den letzten Jahren ist der Anteil von Kakao zu Gunsten von Zucker und Milch jedoch gesunken.

Bild: Getty Images

Der Genuss von Schokolade hat bekanntlich einen bitteren Beigeschmack. Auf den Kakaoplantagen weltweit arbeiten Minderjährige: Sie verspritzen Pestizide, jäten Unkraut oder tragen schwere Säcke mit geernteten Bohnen. Die grossen Schokoladenhersteller wie Mondelez, Barry Callebaut, Nestlé oder Mars stehen deshalb seit Jahren in der Kritik. Sie würden Kleinbauern und Kinder ausbeuten und von Missständen profitieren, so der Vorwurf von Menschenrechtsorganisationen, die gegen die Konzerne deswegen schon mehrere Male vor Gericht gegangen sind.

Vor knapp zwei Wochen wurde in den USA erneut eine solche Klage eingereicht: Am Pranger stehen die beiden Schweizer Unternehmen Nestlé und Barry Callebaut sowie fünf weitere Lebensmittelkonzerne aus den USA und Singapur. Kläger sind acht junge Männer aus Mali, die als Kinder verschleppt und zur Arbeit auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste gezwungen worden waren (siehe Kasten).

Organisation IRAdvocates geht gegen Konzerne vor

Die Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates hat in den USA im Namen von acht malischen Bürgern eine Sammelklage gegen Schokoladenunternehmen wegen angeblicher Mitschuld an Menschenhandel und Zwangsarbeit eingereicht. Die Kläger wurden demnach als Kinder verschleppt und gezwungen, in der Elfenbeinküste Kakao zu ernten. Der Fall stützt sich auf ein Gesetz, das es den Opfern erlaubt, Unternehmen zu verklagen, die sich an einem Unternehmen beteiligen, das von Menschenhandel und Zwangsarbeit profitiert.

Kinderarbeit ist laut Definition Arbeit, für die Kinder zu jung sind oder die gefährlich oder ausbeuterisch ist, die körperliche oder seelische Entwicklung schädigt oder die Kinder vom Schulbesuch abhält. Sie verstösst gegen die weltweit gültigen Kinderrechte. Nebst der Kakaoindustrie kommt Kinderarbeit auch bei der Herstellung von Kaffee, Textilien, Palmöl oder in Bergwerken vor. (gjo)

In den Hauptanbauländern Elfenbeinküste und Ghana arbeiten noch immer rund 2,2 Millionen Kinder - meistens im familiären Kontext.

In den Hauptanbauländern Elfenbeinküste und Ghana arbeiten noch immer rund 2,2 Millionen Kinder - meistens im familiären Kontext.

Bild: Getty Images

«Kinderarbeit ist ein komplexes, globales Problem», verteidigte sich Nestlé gegenüber dieser Zeitung, welche als Erste über die Klage berichtet hat. «Dieser Rechtsstreit bringt uns dem Ziel nicht näher, Kinderarbeit in der Kakaoindustrie zu beenden», betonte der Lebensmittelkonzern, zu dessen Schokoladenmarken Cailler, Smarties, Kitkat oder Orion gehören. Der Schokoladenhersteller Barry Callebaut kommentierte die Klage nicht.

Einheimische sehen Kinderarbeit häufig nicht als falsch an

Die meisten Experten sind sich einig: Kinderarbeit ist ein komplexes Problem, das sich nicht leicht aus der Welt schaffen lässt. Die Ursachen sind vielschichtig: Der tiefe Kakaopreis, der je nach Region tiefe Ertrag, die Armut. Die meisten Bauernfamilien leben unter der von der Weltbank definierten Armutsgrenze – und kommen um die Mithilfe ihrer Kinder deshalb nicht umhin. Häufig sehen sie Kinderarbeit nicht als falsch an. Hinzu kommen Phänomene wie Kinderhandel und Kinderzwangsarbeit.

Trotz der Bemühungen von Regierungen, Organisationen und Unternehmen hat sich das Problem im letzten Jahrzehnt sogar verschlechtert. Auf den Plantagen in der Elfenbeinküste und in Ghana – die mit rund 3 Millionen Tonnen pro Jahr zwei Drittel der weltweiten Kakaomenge produzieren – arbeiten noch immer rund 2,2 Millionen Kinder. Der Anteil jener, die gefährliche Arbeiten verrichten oder Chemikalien ausgesetzt sind, ist dabei deutlich gestiegen. Das geht aus Zahlen der Universität von Chicago hervor, die die Entwicklung in den beiden westafrikanischen Ländern im Auftrag des US-Arbeitsministeriums regelmässig untersucht.

Nestlé investiert 5 Millionen pro Jahr in Projekte gegen Kinderarbeit

«Die Schokoladenindustrie ist bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gescheitert», titelte der «Spiegel» nach Bekanntwerden der Zahlen im vergangenen Mai. Die Unternehmen hätten die 2001 im sogenannten Harkin-Engel-Protokoll gesetzten Ziele bei Weitem nicht erreicht. Ursprünglich verpflichteten sie sich darin, Kinderarbeit bis 2015 abzuschaffen. Nach mehreren Fristverlängerungen lautet das Ziel nun, zumindest die gefährlichsten Formen von Kinderarbeit in Westafrika bis 2025 um 70 Prozent zu reduzieren.

«Wir und alle anderen haben das Problem damals unterschätzt», räumt Darrell High ein, seit 1989 bei Nestlé tätig und seit 2009 Experte für den vom Konzern lancierten «Cocoa Plan». Der Kakao-Plan soll eine nachhaltige Versorgung sicherstellen und wird von Nestlé jährlich mit 40 Millionen Franken dotiert, 5 Millionen davon entfallen auf den Bereich Kinderarbeit. Der Betrag deckt laut Nestlé auch die Zertifizierung von Kakao ab. Bis 2025 soll zudem 100 Prozent des Kakaos, den Nestlé aus Westafrika bezieht, von der Rainforest Alliance zertifiziert sein.

Im Vergleich zum Umsatz, den der Konzern 2020 allein mit Schokolade und Süsswaren machte, ist das ein Klacks. 2020 erzielte Nestlé so 7 Milliarden Franken, 0,57 Prozent davon flossen also in den Cocoa Plan, 0,07 Prozent in den Bereich Kinderarbeit.

Bauern von der Lieferkette zu streichen sei nicht sinnvoll

Was also tut Nestlé gegen Kinderarbeit? Darrell High erzählt: Allen voran hat der Konzern 2012 ein Kinder-Monitoring in seine Lieferkette integriert. Zusammen mit der Lokalbevölkerung werden so gefährdete Kinder identifiziert. «Wir versuchen dann, den Kindern den Zugang zur Schule zu erleichtern und ihre Familien über negative Folgen durch Pestizide und schwere Lasten aufzuklären. Denn 99 Prozent der Kinderarbeit findet im familiären Kontext statt.» Letzteres wird von Organisationen wie Unicef und der International Cocoa Initiative (beide in Genf) bestätigt.

Laut Darrell High hat Nestlé zudem 53 Schulen gebaut, arbeitet mit diversen NGOs wie der Jacobs Foundation (Sitz in Genf) und der International Cocoa Initiative (ICI) zusammen, und hilft Bauern, die Produktivität und somit das Einkommen zu steigern. «Dank diesen Massnahmen konnten wir etwa 4000 Kindern helfen, das ist jedes zweite Kind.» Die betroffenen Bauern einfach von der Lieferkette zu streichen, fügt Darrell hinzu, würde das Problem nicht lösen, da sie «ohne das Geld noch schlimmer dran» wären.

Wo kaufen Lindt&Sprüngli, Chocolat Frey und Läderach ihre Kakaobohnen?

Neben Nestlé und Barry Callebaut werfen die Missstände in der Kakaoindustrie auf weitere Schweizer Schokoladenproduzenten ein schlechtes Licht. Dies, weil die meisten lokalen Händler den Kakao nicht direkt vor Ort einkaufen, sondern von grossen Lieferanten – was bedeutet, dass die Unternehmen mit denselben Missständen konfrontiert sind. Eine kurze Übersicht über die Herkunft der Bohnen der Schweizer Schokoladenproduzenten und ihr Engagement gegen Kinderarbeit:

Die Migros-Tochter Chocolat Frey bezieht Kakaobohnen überwiegend von Kleinbauern aus der Elfenbeinküste, Ghana, Madagaskar und Ecuador. Der Kakao sei zertifiziert, in der Elfenbeinküste zahle Frey im Rahmen einer Kooperative zudem eine überdurchschnittliche Prämie. Kakaobutter bezieht Frey aus verschiedenen Ländern Afrikas, Südamerikas und Asiens.

Lindt&Sprüngli kauft Kakaobohnen aus Ghana, Ecuador, Madagaskar, Papua-Neuguinea und aus der Dominikanischen Republik. 2008 hat das Unternehmen in Ghana und später in den übrigen Herkunftsländern das «Lindt&Sprüngli Farming Program» lanciert, das die Situation von Bauern verbessern soll. Insgesamt nehmen 80'000 Bauern teil. Seit Ende 2020 seien 100 Prozent der Kakaobohnen rückverfolgbar und extern verifiziert. Lindt&Sprüngli zahlt pro gekaufte Tonne eine Prämie in das Farming Program und hat wie Nestlé ein Monitoring eingeführt.

Läderach bezieht Kakao aus Ghana, Ecuador, Costa Rica, Trinidad, Brasilien, Madagaskar und engagiert sich mit Projektpartnern wie Rainforest Alliance gegen Kinderarbeit. Denn immer persönlich vor Ort zu sein, sei nicht möglich. Läderach zahle allen Lieferanten im Schnitt ein Drittel mehr als den lokal üblichen Preis. «Generell hilft uns, dass wir ein relativ kleiner Schokoladenproduzent sind und bei der Herkunft der Bohnen selektiver als die Konzerne sein können. Wir verarbeiten bloss 0,007 Prozent der gesamten Welterntemenge», sagt Geschäftsführer Johannes Läderach.

Nestlé bezieht Kakaobohnen aus fast allen Herstellungsländern, am meisten jedoch aus Westafrika. Barry Callebaut gibt dazu keine Informationen preis, es ist aber davon auszugehen, dass das Unternehmen in allen Ländern einkauft. (gjo)

Den grössten Teil seines Kakaovolumens kauft Nestlé allerdings nicht selbst von Bauern, sondern über Grosshändler wie Barry Callebaut oder Cargill. Barry Callebaut hat, um Kinderarbeit zu bekämpfen, 2016 die Initiative Forever Chocolate lanciert. Das Versprechen: Keine Kinderarbeit und 500'000 weniger arme Bauern bis 2025. Laut dem letzten Bericht von 2019 hat Callebaut bis jetzt 2333 Fälle von Kinderarbeit entdeckt und eliminiert. Ein Budget hat Forever Chocolate nicht. Auf Anfrage schreibt das Unternehmen, dass Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil von Investitionen sei.

Bemühungen reichen laut Unicef nicht aus

Menschenrechtsorganisationen wie Unicef freuen sich, dass Unternehmen heute immerhin anerkennen, dass sie verantwortlich sind für das, was am Anfang ihrer Lieferketten passiert. Noch 2010 habe der Tenor anders gelautet. Die Bemühungen reichen aber nicht aus, betont das UNO-Kinderhilfswerk Unicef. Private Überwachungssysteme seien zwar schön und gut, heisst es auf Anfrage. Vor allem in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern, wo es Millionen von unabhängigen und gefährdeten Kleinbauern über ein grosses geografisches Gebiet gebe, seien diese Bemühungen aber ein Tropfen auf den heissen Stein.

«Die Bekämpfung von Kinderarbeit in solchen Lieferketten erfordert eine koordinierte Anstrengung mehrerer Interessengruppen»,

betont Unicef. «Um nachhaltige Ergebnisse in grossem Massstab zu erzielen, müssen die Bemühungen die nationalen Kinderschutzsysteme stärken. Parallele private und projektbezogene Investitionen reichen nicht aus.» Mit anderen Worten: Der Austausch zwischen Industrie, Regierungen, Organisationen und der Lokalbevölkerung findet noch viel zu wenig statt.

Das gleiche Ziel definiert die International Cocoa Initiative (ICI). Alle wichtigen Akteure des Sektors müssten zusammenarbeiten. Grund für Optimismus gebe immerhin die Einschulungsrate, die laut dem Bericht der Universität von Chicago in den letzten zehn Jahren um 38 Prozent gestiegen sei. «Trotz der realen Herausforderungen werden durch die Bemühungen verschiedener Akteure Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit erzielt.»

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