Hin zur alterslosen Gesellschaft

Das Leben im Alter ändert sich gerade radikal. Eine GDI-Studie skizziert, wie die Generation der Babyboomer das Pensionsalter erlebt und sich dabei verhält. Fazit: Das Alter im klassischen Sinn verliert zunehmend an Bedeutung.

Hans Bärtsch
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Wer geht besser mit neuen Technologien um? Laut einer Studie werden die Unterschiede zwischen Alt und Jung in den kommenden Jahren kleiner. (Bild: fotolia)

Wer geht besser mit neuen Technologien um? Laut einer Studie werden die Unterschiede zwischen Alt und Jung in den kommenden Jahren kleiner. (Bild: fotolia)

Ausbildung, Beruf, Ruhestand. Jahrzehntelang gab es an dieser Dreiteilung des Erwachsenenlebens nichts zu rütteln. Zum Abschied in die Pension nach 40 Jahren Einsatz im Betrieb gab's vom Arbeitgeber warme Worte, einen Händedruck und Blumen oder eine Flasche Wein. Besonders geschätzte Mitarbeiter durften sich über eine goldene Uhr freuen. Das wars dann. Ab 65 gehörte man(n) mehr oder weniger zum alten Eisen, Frauen schon etwas früher.

Alle drei Jahre ein Jahr länger

Was früher war, gilt heute längst nicht mehr. Das zeigt sich eindrücklich an der Lebenserwartung, die sich von Anfang des letzten Jahrhunderts bis heute im Schnitt alle drei Jahre um ein Jahr verlängert hat. Per 2014 weist das Bundesamt für Statistik eine durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in der Schweiz von 85,2 Jahren aus, für Männer von 81 Jahren. Diese demographische Entwicklung birgt Zündstoff für die Altersvorsorge, die Erhöhung des Rentenalters ist ein politisches Dauerthema.

Im Auftrag der Swiss Life, des grössten Lebensversicherers der Schweiz, hat das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) im zürcherischen Rüschlikon 1000 Personen zwischen 20 und 80 zu ihren Vorstellungen vom Leben im Alter befragt. Und dabei haben sich vier Szenarien für das Altsein in der Zukunft ergeben.

• Conservative Ageing. Mit diesem Begriff sind die klassischen Alternden gemeint. Ihr Fokus liegt auf der Bewahrung ihrer Fähigkeiten, sie nutzen keine neuen Technologien. Sie stellen die Gesellschaft insofern vor eine Herausforderung, als sie relativ alt werden, aber unflexibel sind und kaum Innovationen zulassen. Um ihr gesellschaftliches Potenzial zu erhalten, müssen sie gemäss den Studienautoren entweder für klassische Aufgaben alter Menschen eingesetzt werden (zum Beispiel Enkelbetreuung). Oder man bereitet sie schon vor der Pensionierung auf neue Aufgaben und Ziele vor.

• Rebel Ageing. Damit sind Menschen gemeint, die sich nicht mit dem Altsein begnügen. Sie sind wachstumsorientiert, nutzen neue Technologien aber nur, um in der analogen Welt mehr zu erleben. «Rebel Ager» wollen in der Pension nochmals durchstarten und neue Herausforderungen angehen. Für die Gesellschaft ist laut den Studienautoren wertvoll, dass sie die soziale Vernetzung fördern und ihre Energie in unternehmerische und gemeinnützige Aktivitäten stecken.

• Predictive Ageing. Dabei handelt es sich um bewahrungsorientierte Menschen, ähnlich dem ersten Typus («Conservative Ager»). Bloss, dass sie Technologien für das Bewahrende nutzen, also dank Smartphones, Smartwatches und anderer Self-Tracking-Tools Unmengen von persönlichen Daten sammeln und ein gesundes Leben anstreben. «Predictive Ager» würden sich durch eine verminderte Solidarität gegenüber Leuten auszeichnen, die nicht gesund leben, kommen die Autoren der Studie zum Schluss.

• Ageless Ageing. Diese Gruppe kann als die progressivste bezeichnet werden. «Ageless Ager» setzen Technologie für Wachstumsziele ein, haben keine Scheu vor künstlichen Körper-teilen, streben eine Verlängerung des Lebens, ja gar die Unsterblichkeit an. Die Kehrseite der Medaille gemäss der GDI-Studie: «Wenn niemand mehr sterben muss, bringt das neue Herausforderungen– für den Einzelnen die Sinnsuche im ewigen Leben, für die Gesellschaft Wachstumsgrenzen.»

Mehr Selbstverantwortung

In ihrem Fazit halten die Studienautoren fest, dass die Biographien der Zukunft keinen vorgespurten Pfaden mehr folgen, sondern viele neue Verzweigungen aufweisen, an denen sich Menschen nochmals entscheiden müssen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. «Das bedeutet viel mehr Selbstverantwortung des Einzelnen.» Jeder Knotenpunkt, der eine biographische Neuausrichtung ermögliche, reisse uns zwar aus unserer Komfortzone, biete aber Wachstumspotenzial. «Rebel Ager» und «Ageless Ager» würden sich in der Welt von morgen nicht nur besser zurechtfinden, sondern sie alterten mental auch weniger schnell. Durch mehr wachstumsorientierte ältere Menschen löse sich der Begriff Alter, so wie wir ihn kennen, langsam auf. Mit modernerer Kleidung, besserer Gesundheit, wachstumsorientierteren Aktivitäten und vielleicht sogar auch vermehrter Nutzung plastischer Chirurgie werde ein 80-Jähriger immer schwieriger als solcher zu erkennen sein. Mit dem Wegfallen eines fixen Pensionsalters löse sich auch die institutionelle Grenze des Alters auf. Die Frage «Bist du nicht ein bisschen zu alt für so was?» tauche seltener auf.