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Herkulesaufgabe für die Briten

Wenn Grossbritannien die EU verlässt, muss es mit dieser einen Vertrag aushandeln. Hinzu kommen Verhandlungen mit all jenen Ländern, die mit der EU ein Handelsabkommen haben. Das erfordert 500 Handelsdiplomaten, vorhanden sind 25.
Christian Mihatsch
Mitarbeiter des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems. Britische Firmen könnten sich nach einem Brexit Handelshemmnissen gegenübersehen. (Bild: pd)

Mitarbeiter des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems. Britische Firmen könnten sich nach einem Brexit Handelshemmnissen gegenübersehen. (Bild: pd)

LONDON. Die Brexit-Befürworter haben stets betont, dass Grossbritannien ohne die EU einfacher Handelsverträge mit Drittstaaten aushandeln könne. Boris Johnson, früherer Londoner Bürgermeister, sagte im Mai: «Für Dekaden wurde ein Abkommen mit den USA von der französischen Filmindustrie blockiert, und die aktuellen Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen kommen nicht voran, weil die griechischen Feta-Hersteller etwas gegen amerikanischen Feta haben.» Der Umkehrschluss: Wenn sich nur noch Briten und Amerikaner gegenüber sässen, ginge alles einfacher und rascher.

Das könnte sich als Illusion erweisen: «Da die EU seit den 1970er-Jahren die Führung in Handelsverhandlungen hat, verfügt Grossbritannien schlicht nicht über das Personal mit dem richtigen technischen Wissen», schreibt Miriam Gonzales Durantez von der englischen Anwaltskanzlei Dechert in der «Financial Times». Die frühere EU-Handelsdiplomatin warnt: «Nicht-EU-Länder haben britischen Firmen Zugang zu ihren Märkten gegeben im Austausch für Zugang zu den 500 Millionen Konsumenten in der EU. Da der britische Markt nur 67 Millionen Konsumenten hat, ist es nur natürlich, dass diese Länder Neuverhandlungen fordern werden.» Solche Verhandlungen sind personalintensiv: Auf EU-Seite seien jeweils «typischerweise 20 Diplomaten und 25 bis 40 technische Experten beteiligt».

Es fehlt an Personal

Durantez rechnet vor: «Selbst wenn Drittstaaten bereit wären, auf Grundlage der bestehenden Abkommen (zwischen der EU und diesen Ländern) zu verhandeln, braucht Grossbritannien 500 Unterhändler, die ein Jahrzehnt hart arbeiten.» Doch selbst wenn alle britischen Handelsdiplomaten aus Brüssel abgezogen würden, käme man nur auf ein Team mit rund 25 Leuten. London müsste folglich versuchen, 475 ausländische Verhandler zu rekrutieren – ein Unterfangen, das aus Sicht Durantez' «mehr als Glück erfordert».

Zudem müsste Grossbritannien auch noch mit der EU verhandeln. Hier hat die britische Denkfabrik Open Europe die Chancen der Briten in den verschiedenen Branchen analysiert: Grob gesagt stehen die Aussichten für einen einfachen Zugang zum EU-Markt im Güterhandel besser als im Handel mit Dienstleistungen. Das liegt einmal daran, dass die EU gegenüber Grossbritannien im Güterhandel einen Überschuss von über 60 Mrd. £ (80 Mrd. Fr.) verzeichnet. Selbst als EU-Inländer sind britische Hersteller keine grosse Konkurrenz. Anders bei Dienstleistungen: Hier haben die Briten einen Überschuss von 10 Mrd. £ pro Jahr. Zum anderen liegt es aber auch an der Natur der Handelshindernisse: EU-Zölle auf Güterimporte sind meist relativ niedrig, während der Import von Dienstleistungen durch EU-Vorschriften erschwert wird, die Grossbritannien nicht einfach wegverhandeln kann. So schätzt Open Europe die Chance auf einfachen Zugang zum EU-Markt für Finanzdienstleistungen nur als «niedrig» ein. Aber auch manche Güter wären durch einen Brexit beeinträchtigt: Britische Autobauer könnten einen EU-Zoll von 10% gewärtigen.

WTO-Chef warnt

Noch nicht berücksichtigt ist ein vielleicht erforderlicher Neu-Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Ihr Chef Roberto Azevêdo warnt: Britische Rechte in der WTO seien bei einem Brexit «in einem Vakuum. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die EU und London mit allen WTO-Mitgliedern verhandeln müssen.» Fazit von Open Europe: «Wenn Grossbritannien so viel Aufwand betriebe, um die EU zu reformieren, wie es braucht, um einen Brexit zum Erfolg zu führen, wären Grossbritannien und die EU besser dran.»

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