Hemdchentragetasche ade

Das absehbare Verbot von Wegwerf-Plastiksäckli an den Kassen im Schweizer Detailhandel stösst auf Unverständnis der Grossverteiler und in der Kunststoffbranche. Alternativen seien rar, gefordert ist in erster Linie der Konsument.

Thomas Griesser Kym
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Gratis Plastiksäckli an der Kasse wie hier bei Coop sollen nach dem Willen des Parlaments schon bald Vergangenheit sein. (Bild: Urs Bucher)

Gratis Plastiksäckli an der Kasse wie hier bei Coop sollen nach dem Willen des Parlaments schon bald Vergangenheit sein. (Bild: Urs Bucher)

In der Fachsprache heissen sie Knotenbeutel oder Hemdchentragetaschen, wegen ihrer Form eines Unterleibchens. Gemeinhin nennt man sie Wegwerf-Plastiksäckli. Nun könnte ihnen bald der Garaus gemacht werden, weil sich die eidgenössischen Räte dafür ausgesprochen haben, dass Detailhändler an der Kasse keine dieser Säckli mehr abgeben dürfen (vgl. Ausgabe von gestern).

Die Reaktionen sind gespalten. Die Kunststoffbranche und die Grossverteiler äussern Unverständnis, Umweltschützer applaudieren. Auch Konsumenten sind geteilter Meinung, wie ein Blick in Online-Foren zeigt. Die einen finden es gut, dass ein Wegwerfartikel verboten wird, die anderen finden die Säckli einfach bequem und praktisch.

«Signal gegen Verschwendung»

Die fraglichen Säckli bringen zusammen jährlich 3000 Tonnen auf die Waage – was knapp 0,5% des jährlichen Schweizer Kunststoffverbrauchs von 850 000 Tonen entspricht. Trotz dieses kleinen Anteils begrüsst Yves Zenger von Greenpeace Schweiz das absehbare Verbot «als Signal gegen die Materialverschwendung». Zudem weist er darauf hin, dass für die Produktion der Säckli Erdöl verwendet wird. Zenger räumt aber ein, dass auch mögliche Alternativen zu den Säckli keine ideale Lösung sind. So seien etwa auch Papiertragetaschen «unökologisch, wenn man sie nur einmal verwendet». Die IG Detailhandel Schweiz hält fest, bei einmaligem Gebrauch schnitten Papiersäcke «in der Ökobilanz bis zu viermal schlechter ab als Plastiksäcke».

Polyethylen, Papier oder Bio?

Gleicher Ansicht ist Beat Franceschini, Chef der Petroplast Vinora. Die Verpackungsherstellerin produziert die umstrittenen Säckli in ihren beiden Fabriken in Andwil und Rapperswil-Jona und beliefert damit «kleinere Detailhändler», nicht aber Coop und Migros. Franceschini ist «grundsätzlich sehr für Umweltschutz», doch das Verbot der Plastiksäckli sei «nicht sinnvoll, weil es keine ökologische Alternative gibt». Wie Franceschini sagt, ist die Produktion von Papiersäcken intensiv an Wasser und Energie, eventuell würden Bleichmittel eingesetzt, und beim Transport sei die CO2-Belastung höher, weil Säcke aus Papier aus mehr Material bestehen als die hauchdünnen und federleichten Plastiksäckli. Wobei Plastik eigentlich falsch ist: Die Säckli bestehen aus Polyethylen (PE), einer Kohlenwasserstoffverbindung. Sie enthalten keinerlei Schadstoffe und sind auch bei der Verbrennung in der KVA unbedenklich, wie Franceschini betont. «Nicht zwangsläufig besser» seien Säckli aus Biokunststoff, hergestellt aus Maisstärke oder Zuckerrohr. Die Felder aber brauchen Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel, und laut Franceschini stellt sich die ethische Frage nach der Verwendung von Nahrungsmitteln, ähnlich wie bei der Produktion von Bioethanol.

Was Konsumenten tun können

Keine Freude am absehbaren Verbot der Plastiksäckli an der Kasse haben die beiden grössten Verbraucher in der Schweiz, Coop und Migros. Bei ihnen greifen sich Konsumenten 240 Mio. Säckli im Jahr. Laut Coop-Sprecher Urs Meier schätzen die Konsumenten die Säckli; im Falle ihrer Abschaffung rechnet Meier mit verärgerten Reaktionen. Gibt es aus Sicht von Coop eine ökologischere Alternative? «Wir haben bisher keine gefunden», sagt Meier. Coop wie auch die Migros treibt die Sorge um, auch die Säckli für Obst und Gemüse im Offenverkauf könnten dereinst verboten werden. Dafür aber gebe es wirklich keine Ersatzlösung, und bei diesen Säckli sei auch eine Einmalverwendung nachvollziehbar, denn sie werden innen oft feucht oder schmutzig.

Für die Säckli an der Kasse aber gibt es laut allen Seiten doch Alternativen: Säckli mehrmals verwenden, robuste Taschen aus Kunststoff oder Stoff kaufen – oder mit dem geflochtenen Einkaufskorb auf Tour gehen. «Am Wochenende beim Besuch des Bauernmarktes klappt das ja auch», sagt Zenger.