Heimliche Massenentlassung bei Knecht Reisen? Jetzt spricht der Firmeninhaber

Der Vorwurf ist happig: Das Aargauer Reiseunternehmen – schweizweit die Nummer eins im Fernreise-Geschäft – baue mittels Salamitaktik massiv mehr Stellen ab als angekündigt. Firmeninhaber Thomas Knecht widerspricht jetzt mit deutlichen Worten.

Patrik Müller
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Firmeninhaber und VR-Präsident Thomas Knecht (Mitte) ist ab 2021 auch CEO des 1909 gegründeten Unternehmens. Links Roger Geissberger, der langjährige CEO.

Firmeninhaber und VR-Präsident Thomas Knecht (Mitte) ist ab 2021 auch CEO des 1909 gegründeten Unternehmens. Links Roger Geissberger, der langjährige CEO.

Bild: Alex Spichale

Die Coronapandemie trifft kaum eine Branche so hart wie die Reiseunternehmen. Die Herbstferien waren noch ein Hoffnungsschimmer, da wurde zum Teil wieder gebucht, doch seit die zweite Infektionswelle über ganz Europa schwappt, sind die Aussichten düster. Bei Knecht Reisen betragen die Umsatzeinbrüche je nach Geschäftsbereich 70 bis sogar 95 Prozent.

Das Unternehmen mit Sitz in Windisch AG ist schweizweit an 18 Standorten vertreten, von Basel bis Luzern, vom Aargau bis in die Ostschweiz. Vor Corona beschäftigte die Reisegruppe fast 300 Personen, inzwischen sind es deutlich weniger. Ende Juni gab der damalige CEO Roger Geissberger bekannt, bis Ende 2020 würden vier Filialen geschlossen und jeder fünfte Arbeitsplatz werde abgebaut, wie die «Aargauer Zeitung» berichtete.

In Wahrheit würden nun aber viel mehr Stellen abgebaut als die kommunizierten 20 Prozent, meldet die «SonntagsZeitung» mit Verweis auf interne Quellen. Im Oktober sei bereits die vierte Entlassungswelle über die Bühne gegangen. Von Salamitaktik sei die Rede, und die Chefs mehrerer Reisemarken – Baumeler Reisen, Glur, Kira Reisen, House of Sport – hätten in den letzten Monaten und Wochen freiwillig gekündigt.

Was ist eine Massenentlassung?

Konkret steht der Vorwurf im Raum: Hat bei Knecht Reisen heimlich eine Massenentlassung stattgefunden, ohne dass die entsprechenden Regeln des Obligationenrechts eingehalten worden sind? Von einer Massenentlassung spricht man, wenn eine Firma Angestellte nicht aus individuellen Gründen (Verhalten, Leistung) entlässt, sondern aus wirtschaftlichen. Als Massenentlassung gelten Kündigungen in KMU dann, wenn sie in einem Betrieb innerhalb von 30 Tagen ausgesprochen werden und mindestens zehn Arbeitnehmer betreffen.

Firmeninhaber Thomas Knecht hat sich bislang dazu nicht öffentlich geäussert. Auf Anfrage von CH Media weist er nun den Vorwurf der heimlichen Massenentlassung entschieden zurück. Knecht wird ab 2021 auch operativer Chef der Gruppe, weil der langjährige CEO Roger Geissberger kürzer tritt. Knecht sagt:

«Gemäss unseren Abklärungen liegt keine Massenentlassung vor.»

Er verweist darauf, dass die Sparmassnahmen in mehreren Kantonen und an diversen Standorten durchgeführt würden. Zehn Entlassungen innerhalb von 30 Tagen, das habe es in keinem der verschiedenen Betriebe gegeben, die zur Knecht-Gruppe gehören. Näher will sich Knecht nicht dazu äussern, gemäss Informationen von CH Media läuft der Abbau aber klassisch dezentral ab. Ein typischer Vorgang ist, dass ein Reisebüro von vier auf drei Arbeitsplätze verkleinert wird.

Die Behörden wollen es genau wissen

Ob eine Massenentlassung vorliegt oder nicht, das will jetzt auch das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Aargau wissen. Offenbar bekam es durch Angestellte entsprechende Hinweise und hat sich beim Unternehmen gemeldet. Thomas Knecht sagt, man sei diesbezüglich mit dem Amt «im Austausch». Im Fall einer Massenentlassung gelten für den Arbeitgeber verschiedene Spezialvorschriften, so muss er unter anderem die Arbeitnehmer vor dem Entscheid schriftlich informieren und die Gründe, Anzahl Betroffene und den Zeitraum der Entlassungen bekannt geben.

Dass es «schmerzhafte Massnahmen» gebe, bestreitet Knecht nicht. Wegen des Umsatzeinbruchs seien «Anpassungen der personellen Kapazitäten» unumgänglich. «Diese erfolgen fairerweise auf allen Stufen, also auch auf Kaderstufen», sagt der Firmeninhaber. Es könne auch gut qualifizierte Mitarbeitende treffen.

Betroffenen wird in anderen Geschäftsbereichen eine Stelle angeboten

Die Knecht-Gruppe ist nicht nur im Reisegeschäft tätig, sondern auch im Transport und in der Gesundheitsbranche. Thomas Knecht, ehemaliger Chef von McKinsey Schweiz, betont, dass man versuche, offene Stellen in anderen Bereichen mit Angestellten aus dem kriselnden Reisebereich zu besetzen. «Wir sind froh, dass wir aufgrund der Diversifikation den Betroffenen jeweils interne offene Stellen anbieten konnten und immer noch können», sagt Knecht, der vom Magazin «Bilanz» letztes Jahr zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Schweizer Wirtschaft gewählt wurde.

Eine «grössere Anzahl Mitarbeitender» sei intern gewechselt, und das habe den Stellenabbau abgefedert, sagt Knecht. Ein Branchenwechsel kommt aber nicht für alle Betroffenen des Reisesektors infrage. «Wir respektieren, dass nicht alle gekündigten Mitarbeitenden diese Möglichkeit wahrnehmen, und auch nicht die angebotenen Freelancer-Lösungen», sagt Knecht. Zurzeit sind in der Knecht-Gruppe mehr als ein Dutzend Stellen vakant.