Interview

Hallenstadion-Chef: «Viele Firmen in der Branche halten keine zwei Monate durch»

Felix Frei (60) führte 13 Jahre lang das Hallenstadion. Er sagt, warum es nach dem Corona-Virus mehr Anlässe gibt und warum der Angriff der Basler auf die Zürcher Halle nicht funktionieren kann.

Stefan Ehrbar
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Herr Frei, das Hallenstadion steht wegen des Corona-Virus leer. Welche Folgen hat das?
Das schmerzt sehr. Wir verlieren wöchentlich rund 500‘000 Franken Umsatz. Bei der nun abgesagten Eishockey-WM, die im Mai hätte stattfinden sollen, geht es nochmals um deutlich höhere Beträge. Die Fixkosten können wir aber nicht einfach runterfahren. Hinzu kommt: Viele Veranstalter sind nicht versichert. 

Und das Hallenstadion?
Wir haben eine Pandemie-Versicherung, die zum Zug kommt und den Schaden drei Monate lang in Grenzen hält. Das Hallenstadion hat zudem finanziell in den letzten Jahren sehr umsichtig gearbeitet, wir können deshalb sicher einige Monate länger überstehen. Für die Veranstaltungs-Branche ist die Situation aber dramatisch. Ihr zieht die jetzige Situation den Boden weg. Viele Firmen halten wohl keine zwei, drei Monate durch.

Felix Frei leitete das Hallenstadion 13 Jahre lang. Bis im Juni berät er seinen Nachfolger, dann übernimmt er neue Aufgaben.

Felix Frei leitete das Hallenstadion 13 Jahre lang. Bis im Juni berät er seinen Nachfolger, dann übernimmt er neue Aufgaben.

Keystone

Der Bund hat ein erstes Hilfspaket in der Höhe von 10 Milliarden Franken aufgelegt und jetzt mit weiteren 32 Milliarden aufgestockt. Wie kommentieren Sie die Massnahmen aus Sicht der Branche?
Das ist äusserst wichtig. Vorher waren die Massnahmen völlig ungenügend. Besonders wichtig sind der erleichterte Zugang zur Kurzarbeit, der neu auch für Lehrlinge, Freelancer und Stundenlöhner möglich ist und die unkomplizierte Hilfe mit Überbrückungskrediten mit Bürgung des Bundes. Hier hat der Bund jetzt sicher die richtigen Schritte eingeleitet. Ob das ausreicht, lässt sich jetzt noch nicht sagen.

Ist Kurzarbeit für das Hallenstadion ein Thema?
Ja, wir haben Kurzarbeit angemeldet und bewilligt gekriegt. Erst bauen wir aber Überstunden ab und erbringen Vorleistungen für künftige Projekte.

Felix Frei

Frei (60) leitete ab 2007 das Zürcher Hallenstadion, das mit bis zu 15'000 Plätzen die grösste multifunktionale Arena der Schweiz ist. Im Januar übergab Frei an seinen Nachfolger Philipp Musshafen, den er noch bis Juni begleitet. Danach verlässt er das Hallenstadion und berät unter anderem die Stadt Chur beim Aufbau einer Eventhalle.

Das Hallenstadion muss viele Anlässe absagen. Wie viele werden nachgeholt?
Wir gehen davon aus, dass etwa für die Hälfte ein Verschiebedatum gefunden wird. Andere Künstler sagen definitiv ab. Sie sind nur für eine gewisse Zeit in Europa auf Tournee und dann schliesst sich das Zeitfenster für Verschiebedaten wieder. Ein Problem ist, dass nicht klar ist, ob es sich hier um höhere Gewalt handelt oder nicht, die juristischen Lehrmeinungen gehen hier teils 180 Grad auseinander. Der Bundesrat sollte das klarstellen, das könnte sonst langwierige juristische Streitereien auf allen Ebenen geben und dazu hat die Branche keine Zeit.

Sie haben das Hallenstadion 13 Jahre lang geleitet. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Das Entertainment-Geschäft hat sich komplett umgewälzt. Es ist von einem persönlichen Geschäft, in dem vieles mit Handschlägen geregelt wird, zu einer globalen Industrie geworden. Die Wertschöpfungskette ist global und industrialisiert. Für Veranstalter wurde es viel schwieriger. Sie können das Umfeld und die Risiken weniger beeinflussen. Heute braucht man Auslastungen von 90 Prozent und mehr, um an einer Show überhaupt noch zu verdienen.

Wer entscheidet heute in der Veranstaltungs-Branche?
Die drei grossen Konzerne Live Nation, CTS Eventim und ASM kontrollieren heute einen grossen Teil der Wertschöpfung – sowohl im Ticketing-, Promotions- als auch im Arena-Geschäft. Die grossen, lokalen Promotoren sind heute auch in der Schweiz Teil dieser Konzerne.

Ist ein Verkauf für das Hallenstadion ein Thema?
Nein. Wir haben enge Kooperationen auch schon durchgespielt. Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass das Hallenstadion in der Schweiz eine einzigartige Position hat. Solange das so bleibt, wollen wir, gerade weil wir eine unabhängige Halle sind, eigenständig bleiben und handeln.

Das Hallenstadion verliert nach dem Auszug der ZSC Lions, die in ihr eigenes Stadion ziehen, viele Anlässe. Wie wollen Sie diese Lücke füllen?
Wir haben jedes Jahr 140 bis 150 Eventtage, davon sind 30 bis 35 Eishockey. Weil wir aber auch allfällige Playoff-Termine blockieren müssen, kann das Hallenstadion an mehr als 35 Tagen wegen dem Eishockey nicht gebucht werden. Das wird sich ändern. Davon profitieren wir insbesondere im Corporate-Bereich. Eine GV beansprucht das Hallenstadion für zwei bis drei Tage. Bisher konnten wir nur wenige solche Termine anbieten. Das wird sich ändern. Im Sportbereich öffnet sich ein Fenster für Grossanlässe wie EM- und WM der verschiedenen Hallensportarten. Solche Anlässe können wir bisher während der Hockey-Saison nicht aufnehmen. Zudem wird es alleine wegen der besseren Verfügbarkeit von Terminen auch mehr Konzerte und Shows geben. Der Zuwachs wird hier aber kleiner sein. Der Markt ist schon übersättigt.

Wie spüren sie das?
Von der Übersättigung spricht man schon seit 10 Jahren und es ist relativ wenig passiert. Das hat auch mit der gewachsenen Bevölkerung zu tun, die unterhalten werden will. Ich bin aber sicher, dass mittlerweile ein Peak erreicht ist. Erstmals sind auch grosse Festivals nicht mehr ausverkauft. Dass das Openair St. Gallen nicht alle Tickets wegbringt, war früher undenkbar. Das Hallenstadion ist auch betroffen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass auch gute Künstler 13‘000 Tickets verkaufen. Wenn dieselben Acts innert weniger Monate mehrfach in der Schweiz spielen, haben es die Leute einmal gesehen. Wir haben mehr mittelgrosse Shows als früher und die durchschnittlichen Zuschauerzahlen sinken in der Tendenz.

Beschleunigt das Corona-Virus diese Entwicklung?
Für viele Firmen geht es nun in kürzester Zeit um die Existenz. Ich rechne mit einer ungewollten Bereinigung – gehe aber davon aus, dass die Vielfalt an Anlässen nach der Krise mindestens so gross ist wie jetzt. 

Sind Anlässe erst einmal wieder erlaubt, werden wohl viele grossen Nachholbedarf haben.
Ich denke, es wird sogar zu einer Art «Dichtestress» kommen (lacht). Einerseits werden verschobene Anlässe nachgeholt, andererseits finden neue Anlässe zusätzlich statt. Es wird für eine gewisse Zeit deutlich mehr Events geben. 

Dem Hallenstadion droht Konkurrenz. Der Kanton Basel-Stadt hat für 120 Millionen Franken die St. Jakobshalle umgebaut. Sie spielt laut der Regierung damit in der gleichen Liga wie das Hallenstadion. Kann dieser Angriff funktionieren?
Wollen Sie eine ehrliche Antwort?

Ich bitte darum.
Die Basler Regierung schätzt den Markt komplett falsch ein. Basel hat wirtschaftlich einen völlig anderen Stellenwert als die Grossregion Zürich. Hinzu kommt: Das Hallenstadion hat sich über Jahrzehnte eine Position aufgebaut und ist zur Ikone geworden. Das höchste Ziel von Schweizer Künstlern ist es, das Hallenstadion zu füllen. Für internationale Künstler gilt das erst recht. Von denen will keiner nach Basel. Wer als Top-Künstler wahrgenommen werden will, muss ins Hallenstadion nach Zürich.

Haben Sie keine Angst, dass sich das ändert?
Nein, überhaupt nicht. Der Markt Zürich ist zu stark, was die Wertschöpfung anbelangt, und der reisen Künstler und Promotoren hinterher. Basel ist aus Entertainment Sicht ein B-Standort. Das heisst nicht, dass dort keine schönen Events stattfinden können. Im Rock- und Pop-Bereich muss man aber ehrlich sagen: Basel kommt zum Zug, wenn das Hallenstadion voll ist oder eine Show aus strategischen Gründen an mehreren Orten in der Schweiz stattfindet.

Im europäischen Vergleich ist das Hallenstadion eine mittelgrosse Halle. Warum kommen die Top-Acts trotzdem?
Es hilft, dass der Schweizer Markt viel kaufkräftiger ist als andere. Ein Künstler, der bei uns 15‘000 Tickets verkauft, kann mehr Einnahmen generieren als z.B. in Prag mit 22‘000 Tickets. Solange das so ist, spielt das Hallenstadion in der europäischen Top-Liga und im Konzert der Grossen mit.

Ist nur die Kaufkraft entscheidend?
Natürlich helfen uns auch die Qualität, die Sicherheit und nicht zuletzt die zentrale Lage in Europa. Viele Tourneen führen rein geographisch gesehen irgendwann durch die Schweiz. Deshalb kann hier häufig eine Show ins Routing integriert werden. Es hilft uns auch, dass wir bezüglich Verkehr und Flughafen hervorragend erschlossen sind.

Muss das Hallenstadion langfristig vergrössert werden?
Nein. Am Standort in Zürich-Oerlikon ist das auch gar nicht möglich. Wenn ich auf der grünen Wiese ein neues Stadion bauen könnte, würde ich es etwas grösser machen, mit vielleicht 18‘000 Plätzen für Konzerte. Für mehr ist der Schweizer Markt zu klein. Nicht ausgelastete Infrastruktur kostet.

In den letzten 13 Jahren hat sich auch das Publikum verändert. Wie?
Es ist mündiger und anspruchsvoller geworden. Das hat vielleicht auch mit Zürich zu tun. Die Qualität der Anlässe ist hier sehr hoch. Die Leute reklamieren häufiger schon wegen Kleinigkeiten. Gerade auf Social Media kommt man das schnell zu spüren. In der Tendenz wurde das Publikum auch egoistischer. Es kommt etwa mehr vor, dass Leute früher gehen oder sich beim Personal auslassen, weil ihnen etwas an der Show nicht gepasst hat. Aber unter den Strich haben wir bei 1 Million Gästen pro Jahr doch sehr wenige negative Erlebnisse.

Als Hallenbetreiber stehen sie auch vor der Frage, wen sie auftreten lassen. So war etwa ein Schweizer Auftritt des US-Komiker Louis C.K. heftig umstritten. Er soll sich vor Frauen entblösst und masturbiert haben. Sie sagten damals, sie hätten seine Show gebucht, wäre es nicht so kurzfristig gewesen.
Heute ist man viel schneller unter öffentlichem Druck. Bei kontroversen Themen versuchen Interessensgruppen, sich aggressiv Gehör zu verschaffen. Das spürten wir auch bei Auftritten des Hundetrainers Martin Rütter und selbst beim Dalai Lama. Doch wir als Eventhalle sind weder politisch noch religiös gefärbt. Wir können nicht einfach einen Auftritt verbieten.

Wo ziehen Sie die Grenze?
Wir vertreten die Philosophie, dass Auftritte gesetzeskonform sein müssen. Bei umstrittenen Künstlern recherchieren wir: Wurden Sie verurteilt? Sind Strafverfahren am Laufen? Wie sieht die Sicherheitslage aus? Gibt es polizeiliche Bedenken? Würden wir alle Auftritte nicht zulassen, die auf irgend einer ethisch-moralischen Ebene etwas fragwürdig sind, wäre die Halle leer. Wir spielen nicht moralische Instanz.

Die Stadt Zürich hält 39 Prozent der Aktien des Hallenstadion. Hat die Stadt je Druck gemacht?
Nein, gar nie. Sie verhält sich sehr unternehmerisch. Sie bringt nicht die Politik ins Hallenstadion, sondern unsere Belange in die Politik. Eigentlich ist es für eine Halle nicht nur von Vorteil, wenn die öffentliche Hand beteiligt ist. So, wie es die Stadt Zürich macht, ist es aber positiv. Geholfen hat uns die Beteiligung der Stadt natürlich, als wir die Halle umbauen mussten und sie bei den Finanzierungsinstrumenten mitmachte. Ich muss aber betonen: Das waren keine Subvention. Die Stadt hat das Investment mehrfach zurück erhalten. Für sie hat es sich ausbezahlt.

In 13 Jahren haben Sie unzählige Shows durchgeführt. Auf welche sind sie besonders stolz?
Aus beruflicher Sicht sind es Anlässe, die speziell herausfordernd sind. Ein normales Popkonzert ist das selten. Den „Match for Africa“ von Roger Federer aber haben wir etwa völlig neu entwickelt. 2008 haben wir innert eines Monats einen grossen WM-Boxkampf organisiert mit Evander Holyfield. Das sind Anlässe, die Freude machen, weil sie uns an die Grenzen bringen.

Sind ihnen auch Konzerte in Erinnerung geblieben?
Ich habe häufig ein paar Minuten hineingehört. Manchmal wurde ich überrascht. Privat mag ich durchaus auch harten Rock. Ein Katie-Melua-Fan bin ich damit nicht unbedingt. Als ich aber in ihr Konzert reinschaute, liess mich das nicht mehr los. Diese kleine, feine Person, die alleine auf der Bühne steht und ein ganzes Stadion in ihren Bann zieht – einmalig. Es war im Publikum so still, man hätte gehört, wenn ein Zündholz auf den Boden gefallen wäre.

Welche Show müssten Sie nicht noch einmal haben?
Da gibt es einige, aber ich will keine Beispiele nennen (lacht).

In ihre Amtszeit fielen auch Terror-Anschläge. Wie hat das ihre Arbeit verändert?
Das Tournee-Business hat sich massiv verändert. Wenn ein amerikanischer Künstler auf Tournee geht, erwartet er auch bei uns Massnahmen wie an einem Hochrisiko-Ort. Bei Ariana Grande mussten wir Metallscanner aufbauen. Wir haben aber den Vorteil, dass bei uns schon der Standard-Betrieb auf einem so hohen Niveau stattfindet, wie sonst an keinem Ort der Schweiz. In Risikobeurteilungen ist das Thema Terror immer präsent, das geht leider nicht mehr anders.

Hat das Publikum mehr Angst?
Nein, im Gegenteil. Die Akzeptanz der Massnahmen war immer hoch. Sie haben zu einer Beruhigung geführt. Die Leute fühlen sich dadurch sicher. Heute ist es eher so, dass sich die Leute wieder darüber nerven. Das ist leider so, wenn Ereignisse länger zurückliegen. Die Regel, dass eine Tasche nicht grösser als ein A4-Blatt sein darf, war am Anfang unbestritten. Heute stösst sie schon wieder auf Unverständnis.

Wie geht es mit dem Hallenstadion nach ihrer Amtszeit weiter?
In den nächsten Jahren werden 10 bis 12 Millionen Franken investiert, damit wir den Veranstaltern noch bessere Bedingungen bieten können, wenn die ZSC Lions ausgezogen sind. Zum Beispiel investieren wir in die Digitalisierung. Das Hallenstadion wird auch in zehn Jahren die Event-Arena der Schweiz sein.