Hände waschen mit Abhati

Rund 40 Prozent der Weltbevölkerung leben ohne Toiletten, mit fatalen Folgen. Die Appenzellerin Anju Rupal will das ändern und fängt in Indien damit an. Dafür lanciert sie eine Kosmetiklinie aus alpinen und indischen Zutaten.

Kaspar Enz
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Diese Handseife soll ab Anfang nächsten Jahres in Schweizer Läden stehen – und in Indien Toiletten in Schulen bringen. (Bild: pd)

Diese Handseife soll ab Anfang nächsten Jahres in Schweizer Läden stehen – und in Indien Toiletten in Schulen bringen. (Bild: pd)

APPENZELL. Anju Rupal lebt schon ihr halbes Leben in Appenzell. Geboren wurde sie aber in London, als Tochter indischer Eltern. Mit 22 reiste sie das erste Mal nach Indien, dabei sei ihr etwas Seltsames passiert. «Eine Frau bat mich auf der Strasse, kurz auf ihre Kinder aufzupassen», erzählt sie. Zuerst war sie verwirrt, bis die junge Mutter ihr beschämt erklärte, dass sie ein Plätzchen suche, um ihre Notdurft zu verrichten. Das hat Anju Rupal nicht vergessen. Das Fehlen sanitärer Anlagen sei nicht nur ein gesundheitliches Problem, sagt sie. Es ist auch ein Tabuthema, das zur Benachteiligung von Frauen beiträgt. «Viele Mädchen in der Pubertät gehen nicht mehr in die Schule, weil sie sich schämen.»

Geld allein ist nicht genug

Das will Anju Rupal ändern. Dass sie dafür eine unternehmerische Lösung sucht, kommt nicht ganz überraschend. Sie ist serielle Unternehmerin, war an der Gründung des Finanzdienstleisters Finaxis ebenso beteiligt wie bei der Zürcher Kinderklinik Swiss Medi Kids. Sie gründete auch die erste Kinderkrippe in Appenzell. «Ich weiss, wie man Geld macht.» Doch das reicht ihr nicht mehr. «Es muss auch einen Zweck haben.» Deshalb hat sie eine Kosmetiklinie gegründet. Abhati heisst sie, Anfang nächsten Jahres soll das erste Produkt auf den Markt kommen: Eine Handseife. Was das Unternehmen damit verdient, fliesst nach Indien. Dort installiert Abhati WCs in Schulen, die gleichzeitig Hygiene in den Lehrplan aufnehmen.

Drei Jahre hat die Vorbereitung gedauert. Hier in Europa liess Anju Rupal ihre Kontakte aus ihren früheren unternehmerischen Tätigkeiten spielen. Kosmetiker, oft ebenfalls indischstämmig, erarbeiteten die Rezepturen. «Darin kommen indische Ingredienzen mit Kräutern aus den Alpen zusammen», sagt sie. Ein Designteam aus Hamburg entwickelte Verpackung und Flasche. Produziert wird die Lotion bei Jüstrich in Berneck.

Hände waschen!

«Auf den ersten Blick passen Toiletten und Kosmetik vielleicht nicht zusammen», sagt Anju Rupal. «Aber es passt durchaus ins Konzept: Eine Hand wäscht die andere.» Abhati will in Indien nicht einfach nur WCs in Schulen einbauen. «Es geht um eine Verhaltensänderung», sagt Anju Rupal. Schulen die mitmachen, sind verpflichtet, hygienische Grundlagen wie die Benutzung von Toiletten oder Händewaschen fest in den Lehrplan einzubauen. Die Toilette soll kein Tabuthema mehr sein. Über die Schulkinder hofft Rupal auch deren Eltern zu überzeugen. «Das hat bei mir auch funktioniert: Meine Tochter hat mir ständig vorgehalten, wenn ich den Müll nicht getrennt habe. Jetzt tu ich es», sagt Rupal.

Mit zwei Schulen mit 700 Schülern startet das Projekt. Rupals Geschäftspartnerin Divya Kalra wird die Projekte in Indien begleiten. Je nach Erfolg der Seife will Rupal das Projekt ausweiten: Mehr Schulen sollten dazukommen – und neue Hautpflegeprodukte. Die Rezepturen seien schon vorhanden. «Eigentlich ist alles bereit», sagt Rupal.

Noch fehlt Abhati das Kapital für das Rohmaterial. Dafür greift sie auf Crowdfunding zurück: Interessierte können auf der Website www.indiegogo.com einen Betrag sprechen. Im Gegenzug werden ihnen Handseifen zugeschickt. Rund ein Viertel der benötigten 25 000 Dollar sind so schon zusammengekommen.

Projekt ausweiten

Anju Rupal ist auch bereits im Gespräch mit Grossverteilern und Ladenketten. «Die Verpackung ist sehr farbig», sagt Rupal. So hofft sie, dass die Handseife in den vollen Regalen heraussticht. Ausserdem sei es ein hochwertiges Produkt, «und die erste Kosmetiklinie, die einen guten Zweck verfolgt». Rupal ist wohl auch eine der ganz wenigen Unternehmerinnen, die hofft, dass ihr Geschäftsmodell kopiert wird. Denn die fehlenden sanitären Anlagen sind nicht nur in Indien ein Problem. «Wenn jemand zum Beispiel in Afrika dasselbe tun will: Nur zu. Ich würde sogar dabei helfen.»

Anju Rupal Gründerin von Abhati (Bild: pd)

Anju Rupal Gründerin von Abhati (Bild: pd)

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