Grossanlässe
Fehlende Licht- und Tontechniker für Wiedereröffnung: Das Personal läuft der Eventbranche davon

Seit über einem Jahr finden keine Grossveranstaltungen mehr statt. Viele Betroffene haben sich deshalb beruflich umorientiert. Die Branche befürchtet, dass diese später nicht mehr zurückkehren.

Gabriela Jordan
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Ein Bild aus einer anderen Zeit: Das Openair St.Gallen.

Ein Bild aus einer anderen Zeit: Das Openair St.Gallen.

Michel Canonica

Es scheint eine halbe Ewigkeit her zu sein, seit man zuletzt Festivalluft schnuppern oder eine andere Kulturveranstaltung besuchen konnte. Auch dieser Sommer dürfte leider keine Trendwende bringen: Gurtenfestival, Openair St. Gallen oder Paléo Festival fallen schon mal ins Wasser. Noch viel schlimmer als für die Bevölkerung ist dies für die Branche selbst: Künstler, Eventagenturen oder Tontechniker ächzen unter der Situation.

Es ist daher kein Wunder, dass sich Betroffene umorientieren und wenn möglich einen anderen Job annehmen. Laut der Personalplattform Coople sind viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen inzwischen in anderen Branchen untergekommen – oft dabei in solchen, die geregeltere Arbeitszeiten und Bedingungen haben. «Interessanterweise zeichnet sich in der Eventbranche deshalb möglicherweise sogar bald ein Personalmangel ab», sagt Marketingleiterin Sabina Neuhaus.

Löhne in der Branche sind eher tief – mit Kurzarbeit noch tiefer

Ein Personalmangel, obwohl in diesem Sektor seit Ausbruch der Pandemie Tausende von Stellen verloren gegangen sind? Laut einer Umfrage von Expo-Event, dem Verband der Messe-Veranstalter und Zulieferbetriebe, wurden 2020 fast 4500 Jobs abgebaut. Gegenüber 2019 ist das ein Rückgang um rund 20 Prozent. Stefan Breitenmoser, Geschäftsführer des Branchenverbands der Konzert-, Show- und Festivalveranstalter (SMPA), sagt:

«Je länger es geht, bis der Kultursektor eine Perspektive erhält, desto eher sehen sich Betroffene gezwungen, sich anders zu orientieren.»

Gerade weil in der Eventbranche ohnehin eher tiefe Löhne ausbezahlt würden, sei es verständlich, wenn Personen auf Kurzarbeit und somit mit noch geringerem Einkommen versuchen würden, ihren Lebensunterhalt anderweitig zu verdienen. «Ob deshalb ein Personalmangel droht, sobald es wieder losgeht, kann ich aber noch nicht abschätzen», sagt Breitenmoser.

Klarer sieht es hingegen bereits Stefan Schmid, Co-Geschäftsführer von eventorganisation.ch. Seiner Einschätzung nach könnte diese Entwicklung bald zu einem «sehr grossen Problem» werden. Fehlen dürften namentlich Spezialisten im Bereich Ton und Licht. «Das sind allesamt gut ausgebildete Techniker, die inzwischen als Elektriker, Automechaniker oder auf dem Bau arbeiten.» Im Bereich Gastronomie und Gästebetreuung (Hostess) sei ein Mangel aber unwahrscheinlich. «Solche Jobs werden oft von Studenten übernommen, die aktuell leider auch kaum Arbeit finden.»

Ein Techniker beim Aufbau des Openair St. Gallen.

Ein Techniker beim Aufbau des Openair St. Gallen.

Michel Canonica

Schmid befürchtet zudem, dass nicht wenige der Techniker die Rückkehr in die Eventbranche scheuen werden.

«Es sind häufig Familienväter, die jetzt zu geregelteren Zeiten arbeiten. Diese Vorzüge wollen sie und ihre Familien dann vielleicht nicht mehr missen.»

Verschärft werden könnte der Mangel später zudem dadurch, dass sich junge Leute angesichts der schwierigen Situation gar nicht erst für diesen Berufsweg entscheiden. Dies ist aktuell der Fall, wie der für die Ausbildung zuständige Verband der Bühnentechniker (SVTB) bestätigt. Im Vergleich zu Vorjahren gingen die Anmeldung laut Präsident Jörg Gantenbein um die Hälfte zurück.

Verband organisiert für Lehrlinge Übungskonzerte

Weil seit einem Jahr keine Grossveranstaltungen mehr stattfinden, fehlt es den aktuellen Lernenden zudem schlicht an Übungsmöglichkeiten. Der Verband ist deshalb kreativ geworden: Unterstützt von Bund, Kantonen und Lehrbetrieben hat er in der Schweiz und in Liechtenstein in den letzten Wochen neun grosse Übungskonzerte unter dem Namen «Swiss Education Showcase Next Generation 2021» organisiert. Auftritte von Schweizer Musikern wurden so professionell inszeniert und virtuell übertragen, zum Beispiel in Baden:

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März 2021, Keystone-SDA

Über ticketcorner.ch sind für die Übungskonzerte sogar Tickets verkauft worden.

Alles in allem gibt sich Jörg Gantenbein aber optimistisch: Er glaubt, dass die Branche nach Ende der Pandemie wieder an das starke Wachstum von vorher anknüpfen werden könne. Die Impfstrategien rund um den Globus stimmen ihn zuversichtlich. Und gerade für junge Leute biete die digitale Dimension der Eventbranche spannende Zukunftsperspektiven.

Veranstalter stehen im «luftleeren Raum»

Das drängendere Problem als ein Personalmangel ist ausserdem freilich, ob Eventfirmen und andere Dienstleister überhaupt überleben werden. Der Branchenverband der Konzert-, Show- und Festivalveranstalter hat sich dazu vor einigen Tagen an die Öffentlichkeit gewandt. «Veranstaltende stehen nach wie vor ohnmächtig im luftleeren Raum. Es fehlen jegliche Rahmenbedingungen», kritisiert er in einer Mitteilung. Der Verband fordert deshalb, dass sofort schweizweit einheitliche Öffnungsschritte definiert und monatlich auf drei Monate hinaus rollend festgelegt werden. Zugleich soll es eine 100-prozentige Ausfallentschädigung geben.

Die Hoffnung der Branche: Zumindest gegen Ende des Sommers sollen Veranstaltungen wieder möglich sein. Die Planung fürs laufende Jahr sowie für kommende Jahre läuft zumindest weiter: «Wir wären wahnsinnig, würden wir Aufträge in unserer aktuellen Lage ablehnen. Das leistet sich niemand», sagt Stefan Schmid von eventorganisation.ch. «Weil momentan so viele Anlässe verschoben werden, gibt es fast schon einen Stau. Wir haben schon Aufträge bis ins Jahr 2025.»