Gratisgeld gegen Krisenspirale

Die Nationalbank reagiert auf die jüngsten Taucher der Konjunktur: Sie senkt ihren Leitzins zum drittenmal innert sechs Wochen – und dies überraschend stark. Den Geschäftsbanken offeriert die Notenbank nun Geld fast zum Nulltarif.

Hansueli Schöchli
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Impulsgeber in der Krise: Die Schweizerische Nationalbank versucht mit einer massiven Leitzinssenkung, den Absturz der Konjunktur aufzuhalten.

Impulsgeber in der Krise: Die Schweizerische Nationalbank versucht mit einer massiven Leitzinssenkung, den Absturz der Konjunktur aufzuhalten.

Bern. Die Wirtschaft und die Finanzmärkte stecken zurzeit in einer klassischen Abwärtsspirale. Das heisst: Der Abwärtstrend füttert sich quasi selbst. Wenn alle eine Rezession erwarten, dann wird auch eine Rezession eintreten – weil Unternehmen kaum mehr ausbauen, Anleger kaum mehr Aktien kaufen, Kreditgeber kaum mehr Risikoprojekte finanzieren und die Konsumenten lieber sparen als konsumieren.

Sie tun, was sie können

Fast jeder Tag bringt derzeit schlechte Nachrichten. So war es auch gestern. Mehrere Unternehmen aus dem In- und Ausland kündigten einen Stellenabbau an, die Aktienkurse sind weiter getaucht, und laut der neusten Umfrage des Münchner Wirtschaftsinstituts Ifo ist das weltweite Wirtschaftsklima so schlecht wie seit über 20 Jahren nicht mehr.

Die öffentliche Hand tut, was sie kann, um die Abwärtsspirale zu bremsen. Die meisten Staaten akzeptieren höhere Haushaltsdefizite und planen Konjunkturprogramme. Die Notenbanken pumpen Liquidität in den Kreislauf und senken ihre Leitzinsen – mit der Idee, dass die Finanzierungskosten der Geschäftsbanken sinken, deren Kunden zu billigeren Krediten kommen und damit mehr investieren.

Billiger geht es kaum

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) macht kräftig mit. Gestern hat sie ihren Leitzins bereits zum drittenmal innert sechs Wochen gesenkt – und dies überraschend stark um einen ganzen Prozentpunkt. Als Leitzins dient der SNB der Satz für dreimonatige Blankokredite unter den Geschäftsbanken: der 3-Monats-Libor. Bis gestern visierte die Notenbank einen Leitzins von 2 Prozent an – nun ist es nur noch 1 Prozent. Das ist kein historisches Tief, aber bei einer erwarteten Teuerungsrate im laufenden Jahr von über 2 Prozent ist das Geld real gesehen schon billiger als gratis. Die Teuerung ist allerdings stark rückläufig. Zum einen sind die Erdölpreise – ein Hauptfaktor des Inflationsanstiegs bis Mitte 2008 – überraschend drastisch gesunken. Im übrigen dürfte der starke Wirtschaftsabschwung nicht nur die Erdölpreise senken, sondern quer durch die Volkswirtschaft preisdämpfend wirken.

«Es ist wahrscheinlich, dass die Inflation bereits vor dem Jahresende unter 2 Prozent fällt», erklärte gestern die Nationalbank. Die internationale Konjunkturlage habe sich «deutlich verschlechtert», schreibt die SNB weiter: «Dadurch hat sich das Risiko eines markanten Rückgangs der wirtschaftlichen Entwicklung in der Schweiz erhöht.» Die Begründung der SNB für ihren Entscheid geht damit so: Der starke Konjunkturtaucher erfordert eine starke Zinssenkung – und der Rückgang der Teuerung erlaubt sie.

Knopfdruck reicht nicht

Die SNB kann ihren Leitzins aber nicht per Knopfdruck senken: Sie muss diesen Zins, der für Kredite unter Geschäftsbanken gilt, durchsetzen. Sie probiert dies, indem sie selbst den Geschäftsbanken billige Kredite anbietet. Zeitweise hatte die Notenbank die Kontrolle über ihren Leitzins weitgehend verloren: Das Vertrauen der Geschäftsbanken war so stark gesunken, dass diese untereinander kaum mehr mehrmonatige Kredite sprachen.

Um den neuen tieferen Leitzins durchzusetzen, senkte die SNB gestern ihre Repo-Sätze nochmals: Sie verlangt nun von den Geschäftsbanken laut Beobachtern für drei- bis sechsmonatige Kredite nur noch 0,15 Prozent Jahreszins. Viel billiger geht es nicht mehr – von Negativzinsen abgesehen. Anders gesagt: Die Nationalbank hat ihr Zinspulver weitgehend verschossen.

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