Glühwein zwischen Betonblöcken

Andreas Lorenz-Meyer
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Sicherheit Weihnachtsmärkte sind beliebt. Leider können sie aber auch zum Anschlagziel werden, wie in Berlin vor bald einem Jahr. Dennoch sagt Liliane Rot-zetter, Sprecherin von Railtour Frantour, bei Reisen an Weihnachtsmärkten spielten Sicherheitserwägungen keine Rolle. In den letzten zwei Jahren habe es zwar gehäuft Anschläge gegeben. «Die Menschen lassen sich davon aber nicht abhalten. Im Gegenteil: Kurzreisen an Weihnachtsmärkte boomen.» Und die Stadtbehörden sicherten die Areale nun praktisch überall mit Betonblöcken und zusätzlichem Polizeiaufgebot, sagt Rotzetter.

Hotelplan Suisse bietet Arrangements an Weihnachtsmärkte im Ausland an. Rund 50 Prozent der Gäste reisen mit dem Flugzeug, der Rest via Bahn, vereinzelt mit Bus oder, sofern der Weihnachtsmarkt im nahen Ausland liegt, auch per Eigenanreise, wie Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir sagt. Aktuell liegt Hotelplan bei den Buchungen klassischer Weihnachtsmarkt-Destinationen leicht über Vorjahr. Und die Sicherheit? Die spielt immer eine Rolle bei den Kunden, doch je länger die Anschläge her sind, desto eher werden sie vergessen. Und Huguenin-dit-Lenoir sagt: «Wenn nicht kurzfristig an einem Weihnachtsmarkt ein negatives Ereignis vorkommt, dürfte das Thema keinen Einfluss auf die Buchungen haben.»

Bald ein Jahr her ist der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Dort raste der Attentäter mit einem entführten Lastwagen in die Menge und tötete zwölf Menschen. Die Sicherheitsvorkehrungen im Nachbarland sind in diesem Jahr verstärkt worden. In Karlsruhe etwa hat man weihnächtlich geschmückte Wasserbehälter vor dem Weihnachtsmarkt aufgestellt, um die Besucher vor Angriffen mit Fahrzeugen zu schützen.

Sicherheitsaufwand hat zugenommen

Wie sieht es in der Schweiz aus? Mauro Mantovani, Dozent für Strategische Studien an der Mi­litärakademie der ETH Zürich, schätzt die Gefahrenlage hierzulande so ein: «Anschläge sind praktisch nicht vorauszusehen, weil sich Täter auch über Nacht radikalisieren können. Weihnachtsmärkte sind ein leichtes Ziel für primitive Attacken mit Hieb- und Stichwaffen oder Bomben. Einen gewissen Schutz bieten einzig physische Vorkehrungen.» Dazu gehören Polizeipräsenz und Videoüberwachung, aber auch Zufahrtsblockaden. Mantovani hat selbst erlebt, dass Zufahrtstrassen durch querstehende Nutzfahrzeuge abgeriegelt worden sind, «offensichtlich ge­gen Fahrzeugattacken». Auch Betonblöcke oder Poller gibt es anscheinend öfter. Der Sicherheitsaufwand habe in den letzten Jahren zugenommen, auch wenn es in der Schweiz noch keine Attacken gegeben hat. Eine Option, Hinweise auf bevorstehende Anschläge zu erhalten: Die Polizei steht in Kontakt mit lokalen Speditionen, die sofort informieren, wenn sich ein Fahrer nicht meldet. Denn das könnte auf einen entführten Lastwagen und eine geplante Attacke deuten. Mantovani: «Das scheint mir eine sinnvolle, aber bei weitem nicht ausreichende Massnahme.»

Was tut die örtliche Polizei? Für den St. Galler Weihnachtsmarkt ist die Stadtpolizei zuständig. Sie stützt sich bei ihrer Lagebeurteilung auf ei­gene Erkenntnisse und die Einschätzung der Bundesbehörden, sagt Polizeisprecher Gian Andrea Rezzoli. «Die Schweiz ist keine Insel, die terroristische Bedrohung bleibt auch hierzulande erhöht.» Doch: «Anhaltspunkte für mögliche Anschläge liegen uns nicht vor.» Natürlich flössen Erkenntnisse aus Ereignissen wie jenen in Berlin in die Überlegungen zur Sicherheit mit ein, wie Rezzoli sagt. Auch tausche man sich mit anderen Polizeikorps aus. Wo nötig, werde die Polizeipräsenz erhöht.

Andreas Lorenz-Meyer