GLENCORE: Im Kreuzfeuer der Kritik

Seit anderthalb Jahren ist Anna Krutikov beim Schweizer Rohstoffkonzern für Nachhaltigkeit zuständig. In ihrem ersten Interview nimmt sie Stellung zu Vorwürfen und sagt, warum Transparenz nicht immer einfach ist.

Livio Brandenberg und Christopher Gilb
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«Es wird immer Kritiker geben»: Anna Krutikov. (Bild: Stefan Kaiser)

«Es wird immer Kritiker geben»: Anna Krutikov. (Bild: Stefan Kaiser)

Interview: Livio Brandenberg und Christopher Gilb

Anna Krutikov, wie ist es, Nachhaltigkeitschefin eines Rohstoffkonzerns zu sein, der immer wieder kritisiert wird für seine Tätigkeit und seinen Umgang mit der Natur?

Ich finde den Job spannend. Der Bergbau ist eine schwierige, herausfordernde Branche. Doch wir haben eine riesige Chance, Positives zu bewirken in den Ländern, in denen wir tätig sind. Wir schaffen Jobs, wir bauen Infrastruktur auf, wir helfen lokalen Geschäften – Dinge, die es in vielen Ländern vorher nicht gab.

Wie handhaben Sie die Kritik?

Es wird immer Kritiker geben, die fundamental gegen Minen und den Rohstoffabbau sind. Doch in unseren Gesprächen merken wir, dass der Dialog und dadurch das Verständnis füreinander zunehmen. Das betrifft alle Involvierten: uns, unsere Kunden, die Bevölkerung, Nichtregierungsorganisationen, lokale Behörden und so weiter. Das ist ermutigend.

Sie sprechen die grundsätzlichen Kritiker an. Im neuen Dokumentarfilm «Trading Paradise» wird Glencore stark kritisiert für seine Aktivitäten, etwa in Peru und Sambia. Was erwidern Sie?

Wir waren sehr offen mit dem Filmteam. Sie haben mit unseren Mitarbeitern in Peru und in Sambia gesprochen, und sie haben unseren Chef Ivan Glasenberg interviewt. Aber aus unserer Sicht ist der Film unausgewogen. Wir haben dem Regisseur diverse Projekte, wo wir vor Ort Positives tun, gezeigt, die nun nicht vorkommen, etwa eine Trainings­anlage für Lehrlinge in Sambia. Zweitens ist das Filmmaterial drei Jahre alt. Drei Jahre sind eine lange Zeit, in der viel passiert.

Und zu den konkreten Vorwürfen, dass eine Glencore-Kupfermine in der peruanischen Provinz Espinar das Wasser verschmutze und es dadurch zu Missbildungen bei Tieren und Krankheiten bei Menschen gekommen sei?

In dieser Region gibt es zwei Flüsse, einer ist der Rio Salado. Wie es der Name sagt, ist dieser salzhaltig, daher ist sein Wasser seit jeher ungeeignet als Trinkwasser. Es dient dem Ackerbau und dem Vieh. Die Quelle des Flusses ist nahe einer Thermalquelle, daher enthält das Wasser natürlicherweise Schwermetalle, allerdings nicht auf einem giftigen Niveau. Wir haben zusammen mit Perus Umweltbehörde in mehreren Untersuchungen keine Anhaltspunkte gefunden, dass die Mine die Wasserqualität beeinflusst.

Wie kam es dann zu den Missbildungen der Tiere?

Die Missbildungen hatten mit schlechter Zucht und schlechter Ernährung zu tun.

Im «Schattenreport» über Glencore in Südamerika von diesem Sommer steht allerdings, dass Perus Umweltbehörde mehrere Strafen gegen Glencore verhängt habe – auch wegen des Wassers.

Mir sind keine solchen Strafen oder Bussen im Zusammenhang mit der Wasserqualität des Flusses bekannt. Was wir aber anerkennen, ist, dass die Gemeinde Mühe hat, an trinkbares Wasser zu kommen. Nicht aufgrund der Mine, sondern weil es, wie erwähnt, kein Trinkwasser ist. Also haben wir dort vor ein paar Jahren eine Kläranlage gebaut.

Sprechen wir über die Mopani-Mine in Sambia, die auch im Film vorkommt. Durch Schwefeldioxid verschmutzte Luft soll dort ganze Ernten vernichtet haben.

Auch diese Bilder wurden im Frühling 2014 gefilmt. Einige Monate danach nahmen wir eine Entgiftungsanlage in Betrieb. Die Mopani-Mine ist mit 84 Jahren sehr alt. Als wir sie 2000 übernahmen, wollten wir sie vorübergehend stilllegen und aufrüsten. Doch Sambias Regierung verbot das, weil sie um die Arbeitsplätze fürchtete. Also mussten wir die Mine modernisieren, während sie in Betrieb war, was schwierig war. Jetzt haben wir diese neue Anlage, die 95 Prozent der giftigen Stoffe auffängt.

Die Bewohner des an die Mine angrenzenden Dorfes berichten aber von anhaltenden Giftausstössen.

Was der Film nicht zeigt: In Sambia fällt regelmässig der Strom aus. Dann muss die Mine jedes Mal wieder hochgefahren werden, bis sie gewisse Temperaturen erreicht. Da kann es zu Emissionen kommen, etwa wie wenn ein Auto gestartet wird. Wir informieren dann die Bevölkerung und stellen medizinisches Personal zur Verfügung. Manchmal sind auch die Erwartungen an Glencore ein wenig zu hoch.

Wie meinen Sie das?

In Sambia beispielsweise erwartet die Gemeinde, dass die Mopani-Mine alle Probleme löst. Man wollte etwa, dass wir die Kehrichtabfuhr übernehmen. Doch das ist Sache der Gemeinde. Wir boten aber an, dass die Kehrichtlastwagen gratis an unserer Tankstelle tanken können. Wir wollen aber grundsätzlich, dass die Leute nicht zu sehr von den Minen abhängig sind, denn diese werden irgendwann verschwinden.

Was tut Glencore dafür?

Wir sagen ihnen, dass sie sich Gedanken machen sollen, was sie tun wollen, um unabhängig zu sein. Bei einer Kohlemine in Kolumbien, die noch maximal 15 Jahre läuft, sind die Leute zum Schluss gekommen, dass sie professionelle Landwirtschaft betreiben wollen. Jetzt zeigen wir ihnen etwa, wie ein Betrieb wirtschaftlich zu führen ist.

Wollen Sie als Nachhaltigkeitschefin sichtbarer werden, mehr kommunizieren?

Wir sind so offen, wie wir können und sprechen mit allen Interessenvertretern. Doch offen zu sein, ist ein Prozess, der nicht immer einfach ist, zumal wenn man immer wieder das Ziel von Kritik ist, die man selber als ungerechtfertigt wahrnimmt. Wir haben aber gesehen, wie positiv sich das auswirken kann. Gerade, wenn man mit den Leuten vor Ort spricht. Das sind gute Partnerschaften, doch es braucht Zeit, solche aufzubauen.

Wo gibt es am meisten Verbesserungspotenzial?

Bei den Partnerschaften mit den lokalen Gemeinden. Wir wollen sie noch stärker unterstützen. Wir können noch mehr mit Organisationen zusammenarbeiten, die das Wissen haben und dieses dann der lokalen Bevölkerung zugänglich machen. Hier ist es auch wichtig, dass das Geld nicht in der Korruption versandet.

Wie gross ist der Interessenkonflikt zwischen der Einhaltung der Menschenrechte und der Gewinnmaximierung?

Wir machen keine Zugeständnisse, was die Einhaltung von Menschenrechten angeht. Punkt. Das würde langfristig auch keinen Sinn ergeben, denn dann hat man eine wütende Bevölkerung auf der Türschwelle. Es gibt also keinen Interessenkonflikt.

Kommen wir noch zur Konzernverantwortungs- Initiative: Glencore findet sie «grundsätzlich gut», denke aber, sie nütze nichts. Wieso?

Wir unterstützen das Ziel hinter der Initiative, namentlich im Bereich der sozialen Verantwortung von Unternehmen, aber nicht die angedachten Massnahmen. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich bereits sehr stark, wenn es um die Umsetzung solcher Richtlinien geht.

Anna Krutikov (37), geboren in Moskau, wuchs in New York auf. Sie studierte Internationale Beziehungen und Entwicklungsforschung. Bevor sie 2012 zu Xstrata in Zug kam und dann durch die Fusion 2013 zu Glencore, arbeitete ­Krutikov als Finanzanalystin im Bereich Bergbau mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Seit anderthalb Jahren ist sie die Nachhaltigkeitschefin Glencores.