GESUNDHEIT: Effizientere Pflege mit digitalen Helfern

Die Gesellschaft altert, es gibt immer mehr Pflegebedürftige. Wie soll Pflege organisiert sein? Fortschritte könnte ein intelligenter Sensor bringen, der dem Pflegepersonal manchen Laufweg erspart. Das Modell befindet sich derzeit im Test.

Andreas Lorenz-Meyer
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Gerade für Patienten mit eingeschränkter Mobilität bietet ein sprachgesteuertes System mehr Sicherheit. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone (Lausanne, 25. August 2015))

Gerade für Patienten mit eingeschränkter Mobilität bietet ein sprachgesteuertes System mehr Sicherheit. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone (Lausanne, 25. August 2015))

Andreas Lorenz-Meyer

Seit Februar stehen die weissen, rundlichen Geräte in einigen Zürcher Wohn- und Pflegezentren der Tertianum-Gruppe. Sie sind dort auf Nachttischen oder im Wohnzimmer platziert. Es handelt sich um die Smart-Sensoren des Schweizer Start-ups Caru. Die schicken Modelle, auch Caru genannt, hören auf einfache Sprachbefehle und stellen, wenn man sie dazu auffordert, eine Telefonverbindung her. So werden sie zur Freisprechanlage.

Die Geräte können aber noch mehr: Sie verstehen ebenfalls, wenn ein Bewohner «Hilfe» ruft. Dann bauen sie eine Sprachverbindung zu einer Vertrauensperson auf oder zur Notrufzentrale. Dies passiert ebenso beim Drücken der Notruftaste. Ausserdem erfassen Sensoren ständig Temperatur, Luftqualität und andere Parameter im Raum. Damit lässt sich das Verhalten der Bewohner analysieren. Das Gerät erkennt Abweichungen und merkt so, wenn etwas nicht stimmt.

Visite nach Bedarf und nicht nach Zeitplan ist wertvoll

Pflegebedürftige nutzen Caru während der Tests am intensiv­sten. Die Sensoren sind dabei eine Ergänzung zum Schwesternruf, erklärt Caru-Mitgrün­derin Susanne Dröscher. Auch ­immobile Gäste, die sonst Schwierigkeiten haben, den Schwesternruf zu betätigen, können ihn per Sprachbefehl auslösen. Dann baut sich eine Sprachverbindung auf. Zudem werten die Pflegekräfte die Raumdaten aus, die das Gerät pausenlos sammelt. Dröscher: «Unser System erkennt regelmässige Muster und zeigt zum Beispiel übermässige nächtliche Aktivität an. So kann das Personal der Frühschicht über eine unruhige Nacht des Bewohners informiert werden.» Ein Beitrag zur höheren Qualität der Pflege. Die Smart-Sensoren sind aber genauso für Senioren gedacht, die unabhängig in Apartments wohnen. Für sie ist vor allem die Absicherung wertvoll.

Die erste Testphase dauert bis Ende April, die Erkenntnisse fliessen dann in die Weiterentwicklung. Es seien schon zu viele Produkte entwickelt worden, die im Schrank verstaubten, sagt Drö­scher. Bei Caru soll es anders laufen. «Wir wollen aus dem Alltag der Anwender lernen. Am Ende des Tests steht eine Art Wunschliste.» Der Zürcher Unternehmerin geht es darum, die stark eingespannten Pflegenden in den alltäglichen Prozessen zu unterstützen. «Vor allem nachts und zu den Stosszeiten tagsüber wäre eine Visite nach Bedarf und nicht nach Zeitplan sehr wertvoll.» Die Rücksprachemöglichkeit über die Freisprechanlage helfe, den Bedarf der Pflegebedürftigen ab­zuklären und doppelte Wege zu vermeiden. Heute würden viele Wege zweimal gegangen.

Ähnliches Potenzial sieht Dröscher in der ambulanten Pflege, wo die Wege noch einmal länger sind. Pflegebedürftige beklagten oft, dass sie nicht wissen, wann genau die Pflegekräfte eintreffen. Diese könnten sich über das Caru-Gerät ankündigen, da es auch Sprachnachrichten vom Smartphone empfängt. Hinzu kommt die Einbeziehung der Senioren. Angehörige bleiben über Caru mit ihren Eltern oder Grosseltern unkompliziert in Kontakt, auch wenn ihre Zeit sonst knapp ist. Dröscher: «Wir möchten sozialer Isolation vorbeugen. Ältere Menschen sollen ein aktiver Teil der Gesellschaft bleiben.»

Die alternde Gesellschaft wird eine der bedeutendsten Herausforderungen kommender Generationen sein, und dies nicht zuletzt auch aus ökonomischer Betrachtung. Auf 9,8 Milliarden Franken bezifferte das Bundesamt für Statistik die jährlichen Kosten für Alters- und Pflegeheime in der Schweiz für das Jahr 2016. Wie also lässt sich Pflege in Zukunft organisieren und bezahlen? Die Smart-Sensoren sind da laut Dröscher eine «Teillösung». Technologie könne und solle eingesetzt werden, um den Alltag von Menschen zu erleichtern. Auch in der Pflege. Die Digitalisierung verbessere Prozesse und erleichtere bestimmte Arbeiten. «Es geht dabei nicht darum, dass wir Roboter anstellen, um Menschen zu waschen. Es geht vielmehr darum, dort anzusetzen, wo Technologie mehr Sicherheit, mehr Selbstbestimmung und mehr soziale Einbindung gewährleisten kann.» Caru decke alle drei Bereiche ab. Einfachheit in der Handhabung und Schutz der Privatsphäre würden dabei grossgeschrieben.