GESPRÄCHE: Der Wandel wird zum Dammbruch

Die Disruption, die Bestehendes verdrängt, beschäftigt das 47. St. Gallen Symposium. Ob politisch oder wirtschaftlich: Sie weckt Angst und Hoffnung zugleich – und auch mächtige Konzerne sind vor ihr nicht sicher.

Thorsten Fischer
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Minister aus Singapur, Dänemark und der Schweiz: Ong Ye Kung, Anders Samuelsen und Johann Schneider-Ammann. (Bild: Michel Canonica)

Minister aus Singapur, Dänemark und der Schweiz: Ong Ye Kung, Anders Samuelsen und Johann Schneider-Ammann. (Bild: Michel Canonica)

Thorsten Fischer

Dass sich etwas praktisch über Nacht radikal verändert, galt in vielen Industrieländern lange als unwahrscheinlich. Die aufkommende Digitalisierung in der Wirtschaft, aber auch überraschende politische Wahlergebnisse haben in jüngster Zeit die­se Gewissheit erschüttert. Das 47. St. Gallen Symposium an der HSG packt seit gestern unter dem Motto «Das Dilemma der Disruption» das heisse Eisen an. 600 internationale Entscheidungs­träger aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sowie 200 junge Talente diskutieren über Auslöser und Konsequenzen dieser Entwicklung.

Schon die Frage, wie es zur Disruption kommt und wer sie startet, öffnet ein weites Feld. Sind es die Firmen, die Konsumenten, ist es die Wissenschaft, die Politik oder das Volk? Geht es um wirtschaftliche Umwälzungen, spielen Firmen zweifellos eine dominante Rolle. Doch schon in einer ersten Diskussi­onsrunde des Symposiums – mit den Chefs einflussreicher Konzerne wie Shell, Lafarge Holcim oder HSBC – wurde deutlich: Wer am Schluss am längeren Hebel sitzt, ist nicht immer klar.

Kleine fordern Grosse heraus

Start-ups in der Finanzbranche, aber auch aufstrebende Firmen in der Industrie können den alteingesessenen Konzernen das Leben schwermachen, mit neuen Angeboten oder Technologien. Beispiel Verbrennungsmotor: Er soll zwar durch stetige Verbes­serungen immer effizienter gemacht werden. Doch er könnte dereinst auch durch andere Technologien komplett in eine Nische verdrängt werden. Charles Holliday, Vorsitzender des Energiekonzerns Royal Dutch Shell, sagte auf eine Frage aus dem Publikum, er schliesse nichts aus. Bekanntlich investieren gerade die Ölkonzerne selber auch in erneuerbare Energien. Eine eher überraschende Erkenntnis aus einer Kurz­umfrage am Symposium: Die aufstrebenden Konkurrenten auf­zukaufen, betrachtet nur eine Minderheit der Manager als gute Möglichkeit. Radikales Umdenken im eigenen Konzern wird als erfolgversprechender betrachtet. Manchen wiederum ging es weniger darum, ob die Disruption nun von kleinen Jungfirmen oder Grosskonzernen ausgelöst wird. Sie erinnerten stattdessen an die umfassenden Folgen der Ver­werfungen, etwa durch die Digitalisierung. Diese seien nicht für jeden automatisch positiv. Hier sei die Politik gefragt. «Zu ge­wissen Entwicklungen kann die Politik Nein sagen und eine Balance fordern», sagte Ong Ye Kung, der Bildungsminister Singapurs.

Lord Griffiths of Fforestfach, der mit seiner Moderation je­weils aufs Symposiumsthema einstimmt, schlug neben optimistischen ebenfalls nachdenkliche Töne an. Man dürfe jene Menschen nicht vergessen, die sich durch den Umbruch ausgeschlossen fühlten. Wer vom technolo­gischen Wandel begeistert sei, müsse bedenken, dass dieser Wandel auch ethische Fragen aufwerfe.

Der Lockruf von Liberland

Der tschechische Politiker Vít Jedlicka steht als Präsident einem Land vor, das derzeit eher noch virtuell existiert. Die 2015 gegründete Freie Republik Liberland beansprucht zwar einen einsamen Landstrich an der Donau. Dessen genaue Zugehörigkeit ist jedoch umstritten. Die dortigen Wiesen werden von Kroatien verwaltet und als serbisches Staatsgebiet ausgewiesen – was Serbien aber verneint. Im Kern hält Liberland eine Idee zusammen, die zuweilen verlockend tönt und die sich vor allem digital verbreitet. «Leben und leben lassen» gehört ebenso zur Staatsräson wie die persönliche und wirtschaftliche Freiheit seiner Bürger. Ähnliche Konzepte, meist aus dem libertären Umfeld, gibt es heute an mehreren Orten. Das St. Gallen Symposium hatte das Thema bewusst auf die Agenda gehievt und wollte es auch kontrovers diskutiert wissen. Bald einmal liess sich erahnen: Ein Staatskonzept, gestartet als Idee unter ein paar Gleichgesinnten, kommt an Grenzen, wenn tatsächlich immer mehr Menschen ins ihnen verheissene Liberland strömen sollten. Dann müssen genau jene alten Fragen des Zusammenlebens gelöst werden, die man eigentlich hinter sich lassen wollte. Jedlicka wur­de von BBC-Journalist Stephen Sackur hartnäckig auf ungelös­te Knackpunkte angesprochen. Der Liberland-Präsident gewann zwar Sympathien bei einigen Zuhörern. Doch viele fragten sich, ob man die Energie für einzelne Verbesserungen nicht besser in die gewachsenen, insgesamt bewährten Staatsstrukturen steckt.