GEMEINWOHL: Im Club der guten Unternehmen

Die Zahl der Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, und das auch im sozialen Sinn, nimmt zu. Ein Schweizer Beispiel ist die Appenzeller Firma Abhati, die indischen Mädchen den Schulbesuch finanziert.

Thomas Griesser Kym
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Der Glacehersteller Ben & Jerry’s kauft Guezli und Kuchen bei Bäckereien, die schwer vermittelbare Ex-Häftlinge beschäftigen, bezieht ausschliesslich Rohstoffe aus fairem Handel und engagiert sich im Klimaschutz. Der Outdoorjackenproduzent Patagonia fährt Kampagnen, die Konsumenten auffordern, Kaputtes zu reparieren und nur zu kaufen, was sie wirklich benötigen. Die niederländische Fairphone setzt bei ihren Smartphones auf faire Produktionsbedingungen sowie Metalle aus Minen in armen Ländern, aber ausserhalb von Konfliktgebieten, und sie unterstützt ein Projekt zum Recycling von Elektronikschrott, der von Afrika nach Europa zurückgeholt wird.

So unterschiedlich diese Firmen sind, eins haben sie gemeinsam: Sie sind zertifizierte B Corporations oder kurz B Corps – Firmen, die ambitioniert sind, «das beste Unternehmen für die Welt zu sein». B Corps – das B steht für Benefit – arbeiten gewinnorientiert, zentral aber ist ihr Nutzen für das Gemeinwohl.

In der Schweiz ist das Label noch wenig bekannt. Das liegt auch daran, dass hierzulande erst 2015 das erste Unternehmen ­zertifiziert wurde: Abhati ­Suisse. Das Besondere: Anju Rupal, die Gründerin der Appenzeller Firma, finanziert mit ei­nem guten Teil der Einnahmen aus dem Verkauf der von ihr entwickelten Pflegeprodukte Mädchen in Indien den Schulbesuch. «Bis 2025 wollen wir eine Million Mädchen in die Schule schicken», sagt Rupal, die am Mittwochabend im Büro Lokal in Wil zu Gast war. Mittlerweile ist die Abhati-Linie in acht Ländern zu haben, der Einstieg in Australien und den USA steht bevor. Zu kaufen sind die Produkte in ausgewählten Läden, wobei Rupal Angebote von Firmen, die eine zu grosse Marge abschöpfen, ablehnt. Sonst bliebe nämlich zu wenig Geld für die Organisation «Educate Girls», mit der Rupal in Indien zusammenarbeitet. Seit dem Start hat Abhati 120000 Mädchen den Schulbesuch ermöglicht. 45 $ kostet es bis zur Einschulung, danach 20 $ pro Jahr, wie Rupal vorrechnet: «Mit wenig Geld kann man viel bewegen und ein Kind aus der Armut holen.» Gleichwohl erreicht in Indien insgesamt erst jedes hundertste Mädchen die zwölfte Klasse. «Es sind kleine Schritte», weiss Rupal. «Aber für diese Mädchen macht das einen riesigen Unterschied», sagt Rupal. Sie entkämen der heimischen Isolation und hätten bessere Zukunftschancen. Deshalb bezieht Abhati auch von indischen Biobauern Kräuter und Gewürze. Im Gegenzug schicken diese Bauern ihre Töchter in die Schule.

Village Office auf der Zielgeraden

Um als B Corp zertifiziert zu werden, müssen Unternehmen umfangreiche Voraussetzungen erfüllen. Die Kriterien reichen von der Gewinnverwendung über den Umweltschutz und gemeinnütziges Engagement bis zu den Ar­beitsbedingungen der Beschäftigten. In der Schweiz sind bisher 17 Firmen zertifiziert. Schon bald gibt es Zuwachs, wie Jennifer Schäpper-Uster sagt. Ihr gehört das Büro Lokal, das im Co-Working tätig ist, also Büroarbeitsplätze vermietet an Freischaffende, Start-ups oder Pendler, als Alternative zum Home Office. Schäpper-Uster ist auch bei Vil­lage Office an Bord, einer Genossenschaft, die schweizweit ein Netz an Co-Working-Arbeitsorten erstellt. Derzeit durchläuft Vil­lage Office das Prozedere, um als B Corp zertifiziert zu werden.

Thomas Griesser Kym