GELDPOLITIK: Machtkampf um die Fed-Führung

Gary Cohn hat erst vor wenigen Monaten seinen «Traumjob» im Weissen Haus angetreten. Der Wirtschaftsberater von Präsident Donald Trump gilt als Anwärter auf den Chefposten der US-Notenbank Fed.

James Oliphant und Reinhard Becker (reuters)
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Seit 40 Jahren leiten Volkswirtschaftler die Geschicke der Fed. Jetzt klopft ein Betriebswirt an. (Bild: Scott Applewhite/AP)

Seit 40 Jahren leiten Volkswirtschaftler die Geschicke der Fed. Jetzt klopft ein Betriebswirt an. (Bild: Scott Applewhite/AP)

James Oliphant und Reinhard Becker (Reuters)

Um den Chefposten der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ist ein Machtkampf entbrannt. Überraschend hat US-Präsident Trump in einem Interview mit dem «Wall Street Journal» gesagt, Amtsinhaberin Janet Yellen sei absolut im Rennen. Er erwägt aber auch, seinen Wirtschaftsberater Gary Cohn zum neuen Fed-Chef zu machen.

Es sei nicht an der Zeit, sich Gedanken über eine Nachfolge von Fed-Chefin Janet Yellen zu machen, wies der frühere Goldman-Sachs-Manager Cohn in einem TV-Interview Ambitionen auf den Top-Job zurück. Ein klares Dementi kam dem 56-Jährigen jedoch nicht über die Lippen. Sollte er tatsächlich in gut einem halben Jahr an die Fed-Spitze wechseln, wäre dies ein Novum in der jüngeren Geschichte der Notenbank. Seit fast 40 Jahren hat es niemanden mehr an den geldpolitischen Schalthebeln gegeben, der kein ausgewiesener Volkswirtschaftler ist.

In klassisch amerikanischer Manier nach oben gearbeitet

Aus der Elite in diesem Fach re­krutiert sich normalerweise das Spitzenpersonal der Fed. Der Mann aus Ohio, der sich in klassisch amerikanischer Manier nach oben gearbeitet hat, könnte jetzt mit der Aufnahmeregel für die Fed-Spitze brechen.

Cohn hatte bereits als Schüler ein Handicap: Legasthenie. Er hatte letztlich 1982 trotzdem ­einen Studienabschluss als Betriebswirt in der Tasche. Wie Cohn vor einigen Jahren an seiner früheren Universität in Washington bekannte, schlug er sich zunächst mehr schlecht als recht durch. In seiner Freizeit lungerte er vor der Rohstoffbörse in New York herum: «Denn ich hatte eine brennende Leidenschaft für die Finanzmärkte.» Schliesslich gelang es ihm, einen Börsianer zu überreden, ihn zum Bewerbungsgespräch einzuladen. Er bekam die Stelle und sollte später bei Goldman Karriere machen.

Als Direktor des ökonomischen Beratergremiums National Economic Council ist er im Weissen Haus auf dem Sprung, sich für höhere Weihen zu empfehlen. Zuletzt hatte US-Präsident Jimmy Carter 1978 mit William ­Miller einen Mann an die Spitze der Fed berufen, der nicht aus der Ökonomen-Gilde stammte. «Falls Gary den Job haben möchte, wird er ihn auch bekommen. Und ich glaube, dass er ihn will», zitierte jüngst das Magazin «Politico» einen Republikaner. Auch wenn einige Parteifreunde im Senat Magenschmerzen mit der Berufung des Demokraten haben dürften, könne Cohn auf breite Zustimmung hoffen. Doch so weit ist er noch nicht und hält einstweilen den Ball flach: In Interviews schwärmt Cohn von seinem «Traumjob» im Weissen Haus und dem dort herrschenden Teamgeist: «Präsident Trump liebt es, verschiedene Meinungen zu hören.» Aus dessen Umfeld heisst es, Trump spreche von Cohn geradezu ehrfurchtsvoll als «einem meiner Genies». Der loyale und nicht polarisierende Top-Berater hat auch einen guten Draht zu Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der einst bei Goldman als Praktikant anheuerte. Cohn arbeitet für Trump federführend an der Steuerreform, die der Staatschef als «phänomenal» angekündigt hat. Sollte er dieses Projekt nach holprigem Start zur Zufriedenheit Trumps durch den Kongress bringen, würde er sich damit wohl für den Posten an der Fed-Spitze empfehlen.

Unterstützung mit Fragezeichen

Dass Trump Yellen mit einer zweiten Amtszeit belohnt, erscheint nach dem Wahlkampf jedoch mindestens fraglich: Er warf ihr damals vor, auf Geheiss des früheren Präsidenten Barack Obama die Zinsen künstlich niedrig gehalten zu haben, um das Platzen einer Preisblase an der Wall Street zu dessen Amtszeit zu verhindern.

Gestern hat Yellen verkündet, dass die Fed derzeit nicht an der Zinsschraube drehen werde.