GELDPOLITIK: Jerome Powell wird neuer Hüter des US-Dollars

Der 64-jährige Fed-Gouverneur Jerome «Jay» Powell soll 2018 Fed-Chefin Janet Yellen ablösen.

Renzo Ruf, Washington
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Eigentlich hätte sich Jerome Powell im Jahr 2011 langsam auf seinen Ruhestand vorbereiten können. Nach einer langen Karriere hoffte Powell, den alle «Jay» nennen, mehr Zeit für seine Hobbys zu haben – schon lange ist er in Washington als angefressener Velofahrer bekannt, der während der Mittagspause gerne eine Runde durch die Hauptstadt dreht.

Doch dann durchkreuzte der republikanische Fraktionschef im Senat seine Pläne. Denn Senator Mitch McConnell machte dem damaligen Präsidenten Barack Obama deutlich, dass er die Bestätigung neuer Fed-Gouverneure verhindern werde – falls Obama damit die Machtbalance in der Geschäftsleitung der amerikanischen Notenbank ins Wanken bringe. Nach einigem Hin und Her lenkte der Präsident ein und schlug den Republikaner Powell als indirekten Ersatz für einen konservativen Währungshüter vor. Der designierte Fed-Gouverneur sei «ausserordentlich qualifiziert» für seine neue Rolle in der Notenbank, heisst es in einer Pressemitteilung des Weissen Hauses, die am 27. Dezember 2011 verschickt wurde.

Fast sechs Jahre später wählte der Nachfolger von Barack Obama ähnliche Worte, als er gestern Powells nächste Beförderung ankündigte. Er sei eine starke Führungsfigur, gescheit und berechenbar, sagte Präsident Donald Trump. Deshalb nominiere er den 64-Jährigen nun zum obersten Währungshüter – und Nachfolger seiner derzeitigen Chefin Janet Yellen, deren Amtszeit als Fed-Vorsitzende am 3. Februar 2018 abläuft. Dass es Powell gelang, sowohl das Vertrauen Obamas als auch Trumps zu gewinnen, zeigt zweierlei: Erstens ist der soignierte Geschäftsmann mit den Machtspielen in Washington wohlvertraut. Zum anderen ist er alles andere als ein Bilderstürmer. So schlug sich Powell während seiner Amtszeit als Fed-Gouverneur grundsätzlich auf die Seite der beiden Vorsitzenden Ben Bernanke und Janet Yellen, mit denen er eng zusammenarbeitete. Fast nie übte er öffentlich Kritik an der expansiven Geldpolitik der Federal Reserve, obwohl er hinter verschlossenen Türen immer wieder dazu aufrief, möglichst rasch zur Normalität zurückzukehren.

«Republikanische Version von Yellen»

In den Augen einflussreicher Analysten verkörpert Powell Kontinuität. Tom Porcelli, der Chefökonom der Investmentbank RBC Capital, sagte der «New York Times»: «Unserer Meinung nach ist Powell die republikanische Version von Yellen», und das Beste an ihm sei: Er werde sich für die Lockerung der Vorschriften für die Finanzbranche einsetzen. Andere Beobachter weisen die Behauptung, Powell sei eine Kopie Yellens, zurück. Sie sagen, dass Powell im Gegensatz zu seiner Vorgängerin kein Wirtschafts­wissenschafter sei, sondern ein Jurist. Dies mache es schwierig, Aussagen über sein währungspolitisches Programm zu treffen, sagte Lewis Alexander, Chefökonom der Bank Nomura Securities.

Renzo Ruf, Washington