US-Firmen: Gegen den herzlosen Kapitalismus

US-Firmen distanzieren sich von der Fokussierung auf Aktionäre. Junge Amerikaner begrüssen den Trend.

Renzo Ruf aus Washington
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General-Motors-Konzernchefin Mary Barra an einer Veranstaltung in Detroit. Auch sie hat die Stellungnahme unterzeichnet. Bild: Paul Sancya/Keystone (16. Juli 2019)

General-Motors-Konzernchefin Mary Barra an einer Veranstaltung in Detroit. Auch sie hat die Stellungnahme unterzeichnet. Bild: Paul Sancya/Keystone (16. Juli 2019)

Die Angst um die Zukunft des Kapitalismus zwingt zum Umdenken. Führende amerikanische Unternehmer haben gestern eine Grundsatzerklärung publiziert, in der sie sich dezidiert vom einseitigen Streben nach Gewinnen verabschieden.

Demnach sei das vordringlichste Ziel eines Unternehmens nicht mehr, die Interessen der Aktionäre zu vertreten und den Wert des Unternehmens zu mehren. Vielmehr hätten Grossfirmen auch die Aufgabe, dem Kunden zu dienen, in ihre Angestellte zu investieren, Zulieferbetriebe fair zu behandeln und die Umwelt zu respektieren. So ist es in einem zweiseitigen Inserat nachzulesen, das im Auftrag des Dachverbandes Business Roundtable in der Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» publiziert wurde. Der Business Roundtable vertritt die Interessen der grössten US-Firmen in Washington; zu den rund 200 Mitgliedern gehören die Konzernchefs derart bekannter Firmen wie Amazon, American Airlines, Apple, Coca-Cola oder General Motors.

Eine der treibenden Kräfte hinter dem neuen Unternehmensleitbild des Business Roundtable ist Jamie Dimon, der langjährige Geschäftsführer der Grossbank JP Morgan Chase. Dimon, 63 Jahre alt und schwerreich, gilt schon lange als inoffizielles Sprachrohr der Wall Street; in der aktuell recht hitzig geführten Debatte um den ­Kapitalismus amerikanischer Spielart meldet er sich oft und gerne zu Wort. Der Bankenchef stellt sich auf den Standpunkt, dass der sprichwörtliche «amerikanische Traum» sich totlaufe, wenn die Konzernchefs an alten Maximen von kapitalistischen Vordenkern wie Milton Friedman festhielten. Manager müssten vielmehr längerfristig denken, und dabei eben auch die Interessen des Umfelds wahrnehmen, in denen Unternehmen wirtschaften.

Junge haben positiven Eindruck von «Socialism»

Die Erklärung des Business Roundtable ist auch eine indirekte Antwort auf die politischen Bestrebungen von Politikerinnen wie Elizabeth Warren. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin will Firmen dazu zwingen, Distanz zum Grundsatz «Shareholder Primacy» zu schaffen. In einem Meinungsartikel zitierte die Senatorin aus Massachusetts dabei explizit das alte Leitbild des Business Roundtable, das Bezug auf Milton Friedman nahm. Sie finde, amerikanische Grossfirmen müssten sich um amerikanische Interessen kümmern, schrieb Warren, und sich an neuen Modellen orientieren, die von Firmen wie dem Bekleidungskonzern Patagonia hochgehalten werden.

Die kalifornische Firma besitzt die Rechtsform einer «Benefit Corporation», weil sie nicht nur nach Gewinn strebt. Meinungsumfragen zeigen, dass gerade junge Amerikaner den Glauben an den Unterbau des US-Wirtschaftssystems verlieren. Die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen sagt, sie hätten einen positiven Eindruck von «Socialism»; die Zustimmungsrate für das ideologische Gegenstück «Capitalism» liegt gemäss dem Institut Pew Research Center nur unwesentlich höher.

Nun sind solche Umfragen mit Vorsicht zu geniessen, auch weil die Definition von «Socialism» im US-Sprachraum ausgesprochen schwammig ist. Ältere Menschen denken bei «Socialism» an die Sowjetunion oder Kuba, während jüngere Amerikaner eher Vergleiche zum Wohlfahrtsstaat in Skandinavien ziehen. Ganz offensichtlich aber weckt die Entwicklung Ängste unter führenden Unternehmern.